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zum Video Freunde und Familien erinnern an die neun Opfer von Hanau

Ein Jahr Hanau

Ein Jahr nach dem rassistischen Anschlag von Hanau sprechen die Angehörigen der neun Opfer über ihre Trauer, ihre Ratlosigkeit und ihre Wut auf die Polizei.

Am Abend des 19. Februar 2020 erschoss ein Rechtsextremer in der Hanauer Innenstadt und im Stadtteil Kesselstadt binnen einer Viertelstunde neun Menschen mit Migrationshintergrund. Anschließend fuhr er in sein Wohnhaus in Kesselstadt, wo er mutmaßlich seine Mutter und sich selbst tötete.

Die Opfer des rassistischen Anschlags hießen Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoğlu. Hier sprechen Familienangehörige und Freunde über sie, jene Nacht und das Jahr seitdem.

Diana Sokoli, Freundin von Fatih Saraçoğlu

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"Ich hab' mit ihm gelebt, mit Fatih, Tag und Nacht waren wir zusammen. Und wir waren so glücklich. Ich realisiere das einfach alles immer noch nicht, wenn ich nachts schlafen gehe und er nicht an seinem Platz liegt. Die Wohnung ist wie zuvor, ich hab' nichts verändert, weder ein Kleidungsstück noch Sonstiges - die Zahnbürste, alles ist noch da.

An dem Abend hat er einen Freund rausgebracht, und der Freund hat kurz eine geraucht. Dann sind die beiden vor dem Auto gestanden. Kurz bevor Fatih ins Auto steigen wollte, ja, dann hat der Täter auf ihn geschossen."

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Dokumentation über Hanau

Die Aussagen der Angehörigen und Freunde stammen aus Interviews, die der hr-Filmemacher Marcin Wierzchowski für seine Dokumentation "Hanau - Eine Nacht und ihre Folgen" geführt hat.
Der Film ist bis 25. Februar in der ARD-Mediathek abrufbar und läuft am 19. Februar um 20.15 Uhr im hr-fernsehen.

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Niculescu Păun, Vater von Vili Viorel Păun

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"Auf seinem Handy sieht man die Notrufe von Vili in dieser Nacht. Vili war die dritte Person, welche den Notruf in dieser Nacht angerufen hat (er kam nicht durch, auch weil der Notruf der Polizei unzureichend besetzt war, und nahm die Verfolgung des Täters auf, Anm. d. Red.). Darauf bin ich stolz. Für das, was Vili gemacht hat. Aber mein Herz sagt: Vili, du brauchst keinen Held, du brauchst deinen Sohn."

Said Etris Hashemi, Bruder von Said Nesar Hashemi

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"Die Jungs haben sich in der Arena-Bar getroffen, es lief Champions League an dem Tag. Dann hat man schon Schüsse von draußen gehört. Dann ist der Täter reingekommen und hat angefangen zu schießen. Jeder hat versucht, irgendwie in Deckung zu gehen. Der Täter war vor der Bar und hat über die Bar, wo ich gekniet habe und alle hinter mir, auf uns geschossen.

Ich bin mit einem Ruck aufgestanden, bin um die Ecke gelaufen, und da hab ich den Hamza gesehen. Kam erst mal jede Hilfe zu spät. Dann bin ich um die Ecke, und da hab ich dann meinen Bruder gesehen. Da ging auch nix mehr. Dann bin ich zum Kiosk gerannt, und da war auch alles zu spät gewesen.

Als die Polizei kam, wussten die selber nicht genau, was die machen sollten. Die Aussage von dem Polizisten war auch gewesen: Ich hab so was noch nie erlebt. Und der hat auch gezittert gehabt. Da hab' ich ihn beruhigt, hab' ihm gesagt: Es ist wichtig, dass Sie jetzt die Wunde hier zuhalten, ich erkläre Ihnen, was passiert ist."

Filip Goman, Vater von Mercedes Kierpacz

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"Es war drei Uhr in der Nacht, wir waren vielleicht 50 oder 60 Personen und haben da gewartet in Autos, draußen (vor der Sporthalle, wohin die Polizei die Angehörigen brachte, Anm. d. Red.). Dann kam ein SEK und hat uns die Kanonen an den Kopf gehalten. Mit Lichtern, Hände hoch, und auf den Boden und nicht bewegen. Da habe ich gesagt: Bin ich jetzt im falschen Film, haben wir diesen Anschlag jetzt gemacht, wir, die Roma?"

Saida Hashemi, Schwester von Said Nesar Hashemi

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"Dann haben wir gewartet. Bis sechs Uhr morgens. Und dann kam ein Polizist mit der Liste rein und hat dann gesagt: Ja, jeder Angehöriger hat mindestens ein Todesopfer zu beklagen.

Ich hab die Leiche von meinem toten Bruder erst acht Tage nach seinem Tod gesehen. Er lag friedlich im Sarg. Aber es wurde eine Obduktion durchgeführt! Die wussten, wie die gestorben sind, sie wurden erschossen! Man musste ihnen ja jetzt nicht die Organe entnehmen und einzeln abwiegen und sie dann irgendwie zusammenflicken."

Armin Kurtović, Vater von Hamza Kurtović

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"Als der Obduktionsbericht kam, hab' ich gesehen, die wussten um 1.15 Uhr schon, dass er tot war. Die Polizei hat ihn identifiziert. Und die schreiben rein, sein Aussehen sei 'orientalisch-südländisch'. Er war dunkelblond, blauäugig, hellhäutig. Ist für die 'orientalisch-südländisch'. Von einem Rassisten getötet, und der Rassismus geht weiter."

Emiş Gürbüz, Mutter von Sedat Gürbüz

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"Der Mörder hat nicht nur unser Kind ermordet, sondern uns auch mitgenommen. Wir leben, aber wie Leichen.

Die waren keine Fremde. Haben sie gesagt. Aber die waren doch Fremde. Warum sind die ermordet worden, wenn die keine Fremde waren?"

Serpil Unvar, Mutter von Ferhat Unvar

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"Warum sind die gestorben eigentlich? Dass die nicht blaue Augen und gelbe Haare haben, blonde. Das find' ich nicht normal. Deswegen sollen wir nie vergessen. Diese Frage stelle ich mir jeden Tag selbst: Warum ist mein Sohn gestorben, was hat er gemacht, was hat er erreicht?

Unsere Kinder sollen ja nicht umsonst sterben. Rassismus hat ja unseren Kindern ihr Leben genommen. Irgendwie müssen wir ja dagegen kämpfen."

Çetin Gültekin, Bruder von Gökhan Gültekin

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"Ich hab' nicht gesagt: Kommt und bringt meinen Bruder um, Mann. Glaubt mir, ich hab' ein sehr schönes, geiles Leben gehabt. Nie abhängig gewesen, weder finanziell noch von irgendeinem anderen Verein oder einer Institution. Der hat alles weggenommen, alles. Der hat wirklich auch uns getötet."

Piter Minnemann, Überlebender des Anschlags in der Arena-Bar

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"Nachdem der Vater (des Attentäters, Anm. d. Red.) aus der psychiatrischen Behandlung damals entlassen wurde, bekamen wir, ich, die Überlebenden, die Angehörigen, Gefährderansprachen. Wir sollen uns dem Vater doch ja nicht nähern, ansonsten habe das schwere Konsequenzen für uns.

Jetzt frag' ich mich, wer hier in Deutschland eigentlich wen schützt. Warum haben wir keine Gefährdetenansprache bekommen, warum hat die Polizei uns nicht gesagt, dass der Mann seit April solche Äußerungen (Anzeigen, in denen sich der Vater rassistisch äußert, weshalb die Staatsanwaltschaft nun ermittelt, Anm. d. Red.) von sich gibt, dass von diesem Mann aus eine Gefahr besteht?"

Ajla Kurtović, Schwester von Hamza Kurtović

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"Es sind so viele Fragen noch offen, auf die Antworten fehlen. Wir erwarten und fordern eine lückenlose Aufklärung, damit daraus Lehren gezogen werden und sich so eine schreckliche Tat nicht wiederholt. Das sind wir den Ermordeten schuldig, und das ist das Mindeste, was wir tun können."

Vaska Zlateva, Cousine von Kaloyan Velkov

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"Alles ist so schlecht gelaufen in den letzten zwölf Monaten. Ich hab' nie einen Tag, wo ich nicht traurig wäre. Ich habe Angst, Angst um meine Kinder, denn was ist das: Rassismus? Was ist das: Hass? Hier, in dieser kleinen Stadt, wo alle sich kennen.

Davor hatte ich nie Angst. Ich und alle anderen Familien, wir wollen, dass nicht mehr passiert, was passiert ist.

Meine Fragen sind immer gleich: Wo war die Polizei? Warum war sie so zu spät? Warum haben wir noch keine Antwort bekommen bis jetzt? Warum ist überhaupt passiert, was passiert ist? Meiner Meinung nach: Ohne Grund geht nicht. Wo ist der Grund?"