Marlene Bierwirth

Mit 20 Jahren hat Marlene Bierwirth aus Gießen ihren Hirntumor besiegt. Geholfen hat ihr dabei auch ihre Instagram-Community mit 150.000 Followern. Im Interview spricht sie über Glück, Schuldgefühle und die Verarbeitung ihrer Erfahrungen.

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zum hr-fernsehen.de Video Ich bin heute glücklicher als vor dem Krebs

maintower vom 18.10.2019
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Vor zwei Jahren erhielt Marlene Bierwirth aus Gießen ihre Diagnose: Hirntumor. Die 20-Jährige ließ sich davon nicht unterkriegen. Inzwischen hat sie den Krebs besiegt - mit Chemotherapie und den damit verbundenen Folgen wie Haarausfall, Konzentrations- und Gleichgewichtsstörungen oder Erinnerungslücken. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch festgehalten: "Meine Medizin seid Ihr!“ ist eine Hommage an alle, die ihr während der schwierigen Zeit beiseite gestanden haben. Ein Interview.

hessenschau.de: Wie war das, als sie die Diagnose Hirntumor erhalten haben?

Marlene Bierwirth: Das war am Anfang sehr krass und sehr surreal, weil ich einfach null damit gerechnet habe. Ich hatte zwar viele Symptome, aber vor allem anfangs keine unbekannten: Übelkeit, dass man sehr müde und kaputt ist. Erst als ich einen Hörsturz hatte und doppelt gesehen habe, wurde klarer, dass es ernst ist. Aber trotzdem habe ich nie geglaubt, dass es etwas Krasses sein könnte. Und als im MRT erkannt wurde, dass da etwas ist, war das einfach unglaublich.

hessenschau.de: Was hat die Diagnose mit Ihnen gemacht?

Bierwirth: Es war heftig, weil ich ja Pläne hatte. Ich war mitten im Abitur, und es passt einfach gar nicht rein. Man denkt ja voraus: Was mache ich nach dem Abi? Im Sommer vielleicht verreisen, dann studieren? Der Hirn-Tumor hat mich rausgehauen, aus allen Plänen, in denen ich gerade gesteckt hab.

hessenschau.de: Als der Tumor entdeckt wurde, waren Sie gerade einmal 18 Jahre alt. Wie geht man emotional damit um in dem Alter?

Bierwirth: Ich fand es schlimm dass meine Familie meinetwegen so traurig war. Ich habe mich schuldig gefühlt, obwohl ich natürlich nicht Schuld war.  Ich konnte ja nichts dafür. Irgendwann wurde mir klar, dass ich für mich das Beste draus machen muss, und dass wir die Zeit, die wir haben, einfach genießen müssen und nach vorne schauen. Und da habe ich für mich beschlossen, dass ich auf die Menschen zugehen möchte, um auch ihnen ein wenig die Scheu zu nehmen. Es hat mir gut getan, offen damit umzugehen.

hessenschau.de: Was haben Sie in dieser Zeit für sich mitgenommen?

Bierwirth: Ich würde sagen, dass ich das Leben mehr zu schätzen weiß, das gilt auch für Sachen, die ich tue, Momente, Leute, die ich kennenlerne und Sachen, die mir ermöglicht werden. Wenn ich einen schönen Tag hatte, dann schreibe ich das in meinen Kalender, um es einfach nicht zu vergessen, weil man diese Momente einfach schätzen sollte. Ich bin zufriedener und glücklicher, und was man mir auf jeden Fall anmerkt ist, dass ich ruhiger und entspannter geworden bin. Vor der Erkrankung war ich immer ein bisschen hektisch und wollte alles und war schnell aufgebracht.

hessenschau.de: Wie kamen Sie dazu, ein Buch über Ihre Erlebnisse zu schreiben?

Marlene Bierwirth

Bierwirth: Letztes Jahr im Sommer kam ein Verlag auf mich zu, sie haben meine Geschichte auf Instagram verfolgt und mir eine Mail geschrieben, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch zu schreiben. Ich dachte mir: „Ja, warum eigentlich nicht!“ Ich dachte mir, dass ich es bereuen würde, wenn ich es nicht machen würde. Und ich hasse es, Sachen zu bereuen. Und jetzt bin ich mega-glücklich und froh, dass ich es durchgezogen habe. Das Buch ist eine Danksagung: Es geht an alle Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, Familie, Freunde, selbst meine Community auf Instagram:  Irgendwie war immer jemand für mich da, immer jemand, der mir zugehört hat. Ich wurde immer unterstützt, das war ein ganz tolles Gefühl. Ich weiß nicht, ob ich es alleine geschafft hätte.

hessenschau.de: Sie haben eine Online-Community auf Instagram – 150.000 Menschen folgen Ihnen dort. Normalerweise spricht man ja von der grauen Masse, von der Anonymität im Internet – welche Rolle hat das Internet gespielt bei Ihrer Therapie?

Bierwirth: Damals, nach der Diagnose, war das Bloggen erst einmal ein Hobby. Es hat mir einfach total Spaß gemacht aufzuklären und zu erzählen, wie es im Krankenhaus ist. Ich war vorher nie selbst im Krankenhaus, und fand es total interessant, was in dieser Krankenhauswelt so alles passiert – und auch zu erzählen, was bei einer Chemotherapie passiert. Denn die meisten Menschen wissen nur, dass Haare ausfallen, man könnte sterben, es ist blöd für den Körper. Was wirklich dahinter steckt, wissen ganz viele nicht.

hessenschau.de: Wie haben Sie sich durch die Tumorbehandlung verändert – was war das Gewöhnungsbedürftigste für Sie?

Bierwirth: Am Anfang hat mich die Diagnose nicht so krass gestört, sondern der Haarausfall. Ich fand das das Allerschlimmste, aber als das überwunden war, ging es. Ich habe gemerkt, dass es gar nicht so schlimm ist, eine Glatze zu haben. Die Haare wachsen ja auch wieder nach. Und ich fand die Glatze auch irgendwie ganz cool und habe sie auch in Szene gesetzt – das hat mir Spaß gemacht.

hessenschau.de: Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Bierwirth: Ich habe das Abitur vergangenes Jahr nachgeholt und jetzt geht es an die Uni. Ich fange jetzt an, Erziehungswissenschaften im Bereich außerschulische Wissenschaften zu studieren und würde in diesem Bereich auch gerne später arbeiten. Nebenbei betreue ich auch noch meine Instagram-Aktivitäten und schaue mal, was noch so passiert. Zur Nachuntersuchung gehe ich alle drei Monate.

hessenschau.de: Was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?

Bierwirth: Man sollte – auch wenn es sehr schwer fällt –  versuchen, viele Sachen positiv zu sehen. Das Glas ist eher halb voll als halb leer. Trotz aller schlimmen Dinge sollte man sich die positiven Dinge des Lebens herausziehen. Das macht vieles einfacher. Natürlich ist weinen wichtig, es gehört dazu und tut gut. Aber dann muss man auch wieder aufstehen und lachen.

Das Interview führte Mike Marklove

Weitere Informationen

Info

Marlene Bierwirth
Meine Medizin seid Ihr! Warum man den Krebs nicht allein besiegt
Verlag Eden Books, 240 Seiten, 14.95 Euro

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Sendung: maintower, hr-fernsehen, 18.10.2019, 18.00 Uhr