Die private Hochschule Diploma, 500 der Studierenden kommen aus China.

In der nordhessischen Kleinstadt Bad Sooden-Allendorf studieren 500 Chinesen. Seit dem Corona-Virus sorgt das bei so manchem Bürger für Skepsis. Stadt und Hochschule warnen vor Panikmache.

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hessenschau vom 07.02.2020
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500 chinesische Studenten zählt die private Diploma-Hochschule in der nordhessischen Kleinstadt Bad Sooden-Allendorf (Werra-Meißner). Seitdem über das Corona-Virus berichtet wird, scheint das einige Bürger zu beunruhigen. Bei der Stadt gingen etwa vereinzelt Anrufe mit skeptischen Nachfragen ein.

Nicht nur das: Es gebe auch ein noch ungeprüftes Schreiben, in dem steht, dass eine Zahnarztpraxis die Behandlung von Chinesen wegen angeblicher Ansteckungsgefahr abgelehnt habe, sagte die Hochschulleiterin Michaela Zilling am Freitag auf einer kurzfristig einberaumten Pressekonferenz mit Stadt und Landkreis. Aber, so Zilling, das seien Einzelfälle.

Bürgermeister: "Wir leben hier harmonisch zusammen"

Nachdem die HNA am Donnerstag groß über ein angebliches "Misstrauen" der Bad Sooden-Allendorfer berichtet hatte, versucht auch Bürgermeister Frank Hix (CDU) seine Stadt von Negativ-Schlagzeilen zu bewahren: "Die Situation ist aus Ängsten heraus entstanden und hat keinen rassistischen Hintergrund", sagte er, "wir leben hier harmonisch zusammen."

Warnhinweis Corona

Der Gesundheitsdezernent des Landkreises, Rainer Wallmann (Grüne), sagte am Freitag, es gebe in Bad Sooden-Allendorf "keinerlei erhöhtes Risiko als anderswo in Deutschland". Es würden alle notwendigen Vorkehrungen getroffen. In der Hochschule wurden extra Warnhinweise aufgestellt, wegen des Corona-Virus soll nochmal besonders auf Hygiene geachtet werden.

Studenten: "Dann gehen wir halt zu einem anderen Arzt"

Die Studierendenvertreter Jingsi W. Lin (re.) und Xin He (li.)

Die beiden Studierendenvertreter an der Hoschschule, Jingsi W. Lin und Xin He, sehen die Sache entspannt. Ein Freund habe ihm erzählt, dass Teenager ihn im Supermarkt wegen des aus China stammenden Virus geärgert hätten, aber das sei nur "frech und unhöflich", sagte He. Es sei unangenehm, hören zu müssen, dass ein Zahnarzt keine Chinesen mehr behandeln will: "Aber dann gehen wir halt zu einem anderen Arzt."

Die Hochschule hat zehn Partneruniversitäten in China, eine davon in der mittlerweile abgeriegelten Region Wuhan. In den vergangenen zwei Wochen seien vier Studenten aus China zurückgekommen, keiner davon habe sich in den betroffenen Gebieten aufgehalten, sagte Diploma-Präsidentin Zilling.

Die Studierenden hätten sich freiwillig für zwei Wochen in eine Art Quarantäne begeben, obwohl sie keine Symptome aufwiesen. Sie würden in ihren Wohnungen bleiben und nicht nach draußen gehen. Kommilitonen sorgten dafür, dass sie Essen bekommen.

Die chinesischen Studierenden wurden gebeten, wenn möglich derzeit nicht nach China zu reisen. Studenten, die sich gerade dort befinden, können Prüfungen online ablegen. Sie verstehe, dass Menschen Ängste haben, sagte Zilling, aber es bestehe kein Grund zur Sorge, das Ganze dürfe nicht zu Ressentiments gegen die Studenten führen, die schon genug in Sorge seien um ihre Familien in China.

"Da sind die Chinesen mit dem Corona-Virus"

Die Berichte über das Corona-Virus bewegen auch die chinesischen Studenten: Quing Fu studiert Elektrotechnik. Einer seiner deutschen Mitbewohner im Studentenwohnheim habe mit Blick auf Kommilitonen gesagt: "Da sind die Chinesen mit dem Coronavirus." Das habe ihn sehr verletzt und geärgert. Er sei im Oktober das letzte Mal in China gewesen, noch vor dem Ausbruch des Virus. Quing Fu macht sich vor allem Sorgen um seine Familie zu Hause, mit denen er oft telefoniert.

In Bad Sooden-Allendorf seien die Menschen freundlich, sagte ein anderer Kommilitone, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber er und seine Mitstudenten hätten zusammen ein Video aus Berlin gesehen, wo eine Chinesin wegen ihres Mundschutzes verprügelt worden sei. Seitdem habe er Angst. Er wolle deswegen nicht mehr in größere Städte fahren und lieber in Bad Sooden-Allendorf bleiben.

Bürgerinnen gegen "Panikmache"

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In der Stadt haben viele Menschen den Bericht aus der HNA gelesen, das sei aber Panikmache, sagte Francis Karol, die mit ihrer acht Monate alten Tochter im Kinderwagen spazieren geht. Sie mache sich gar keine Sorgen, anders als der Vater des Kindes: "Er hätte es zur Zeit am liebsten, wenn wir gar nicht mehr vor die Tür gehen." Karol ärgert sich über etwas anderes: Wenn sie sieht, dass andere Leute in der Öffentlichkeit Chinesen meiden. Im Supermarkt habe sie schon beobachtet, wie Leute die Warteschlange wechseln, weil Chinesen auch in der Reihe stehen.

"Man muss bei der Panikmache gegensteuern", sagte auch Tanja Vogeley, sie betreibt eine Buchhandlung. "Es gibt ja auch die Grippe, dann dürfte man gar nicht mehr vor die Tür gehen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 07.02.2020, 19.30 Uhr