Sascha Nuhn, Isabelle Stark und Manfred Drach

Wegen der Maskenpflicht können viele Hörgeschädigte keine Lippen mehr lesen. Die Betroffenen fühlen sich isoliert, der Frust wächst. Klarsichtmasken könnten helfen, doch die sind umstritten. Für Probleme sorgen auch die ständig neuen Corona-Maßnahmen.

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Bei Isabell Stark schrillt morgens kein Wecker. Stattdessen vibriert ihr Lattenrost. Die gebürtige Gießenerin ist hochgradig schwerhörig. Nachts legt sie ihr Cochlea-Implantat und ihr Hörgerät zur Seite. Ohne ihre Hörsysteme hört die 31-Jährige nichts. “Das Lippenlesen ist für mich wie der Rollstuhl eines Rollstuhlfahrers." Ohne Lippenlesen kommt sie kommunikativ nicht vorwärts. Wenn jemand hinter einer Maske zu ihr spricht, versteht Isabelle nichts.

Mehr als 23.000 Menschen in Hessen sind nach Angaben des Statistischen Landesamtes schwerhörig, rund 1.600 gehörlos. Betroffene, Verbände und Hörgeschädigten-Schulen bemühen sich seit Beginn der Pandemie, dass sie nicht vergessen werden. Bei Betroffenen staut sich Frust an, Verbände kämpfen um Teilhabe und eine Hörgeschädigten-Schule in Friedberg sucht nach passendem Maskenersatz. Ein Überblick zum Stand der Dinge aus drei Perspektiven:

Die Schwerhörige: "Die Maskenpflicht frustriert mich."

Fragt man Isabell Stark, wie sie mit der Maskenpflicht zurechtkommt, steigen ihr fast die Tränen in die Augen. "Als die Maskenpflicht kam, war ich überfordert, müde, verärgert, beeinträchtigt, frustriert und wütend. Noch nie habe ich mich so isoliert gefühlt wie dieses Jahr, noch nie so wenig gesprochen." Ihr wichtigstes Mittel, um zu kommunizieren, sei ihr auf einmal genommen worden: im Supermarkt, im öffentlichen Nahverkehr, auf offener Straße - überall dort, wo Masken getragen werden müssen.

Isabell Stark

Laut Sozialministerium dürfen Menschen, die mit Hörgeschädigten sprechen, kurzzeitig ihre Masken abnehmen, wenn eineinhalb Meter zwischen ihnen liegen. Praktisch sei das aber selten umsetzbar. "Nur wenige Menschen kennen diese Ausnahmeregelung." Das spüre sie auch im Alltag immer wieder.

Am häufigsten fühlt sich die 31-Jährige im Supermarkt aufgeschmissen. Wenn jemand sie von hinten anspricht, hört sie nichts. Meist wird sie dann angestupst und muss erst erklären, dass sie Lippen lesen muss. "Wer das immer wieder Woche für Woche erlebt, ist irgendwann frustriert."

Sie hat Verständnis für die Maskenpflicht und trägt auch selbst eine, wenn sie unterwegs ist. Was ihr aber fehlt, ist das Verständnis für Gehörlose. Viele denken überhaupt nicht daran, dass es Gehörlose oder Schwerhörige gibt, weil die Behinderung weniger sichtbar ist. "Dabei rät doch auch niemand einem Rollstuhlfahrer, die Treppen zu gehen." 

Der Schulleiter: "Wir dürfen Teilhabe nicht gegen den  Infektionsschutz ausspielen."

Manfred Drach, Johannes-Vatter-Schule, Friedberg


Seit Anfang März zerbricht sich Manfred Drach den Kopf über die passenden Gesichtsmasken. Drach leitet die Johannes-Vatter-Schule in Friedberg (Wetterau), eine Schule mit dem Förderschwerpunkt "Hören". 180 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule von der Vorklasse bis zur Berufsschule. Sie alle könnten ohne ihre Hörgeräte und Cochlea-Implantate kaum etwas verstehen, die meisten sind auf das Lippenlesen angewiesen. "Je stärker die Hörbeeinträchtigung, desto wichtiger das Lippenlesen", erklärt Drach.

Dass an seiner Schule einfach alle Masken tragen, ist für Drach nicht umsetzbar. Er weiß, dass seine Schülerinnen und Schüler ohne ein Mundbild aufgeschmissen sind. Seine oberste Prämisse: Infektionsschutz nicht gegen Teilhabe ausspielen. Deswegen sucht der Schulleiter seit Monaten nach Masken, die das Mundbild weiterhin zeigen. Er tauscht sich mit anderen Hörgeschädigten-Schulen aus, liest Studien, recherchiert im Internet.

Erste Hoffnungen setzte Drach in Gesichtsvisiere. 250 davon bestellte er im Frühjahr. Für kurze Zeit waren er, Lehrkräfte, Kinder, Jugendliche und Eltern erleichtert. Schnell wurde dann aber klar, dass Gesichtsvisiere Coronaviren nicht aufhalten. Auch das Sozialministerium lässt Visiere mittlerweile nur noch als Ergänzung zu Masken zu. Drach machte sich erneut auf die Suche nach einer Lösung.

Klasse 9, Johannes-Vatter-Schule, Friedberg

Die neue Lösung hieß für Drach von den Herbstferien bis Mitte Dezember: Klarsichtmasken. Die Masken werden in Bayern hergestellt und sehen in etwa so aus wie Beatmungsmasken. "Sie werden auf den Mund-Nasen-Bereich gesetzt, liegen enger am Gesicht und schützen damit besser als Gesichtsvisiere." 200 Stück bestellte er davon für seine Schule, finanziert vom Schul-Budget.

Seit wenigen Tag ist der Schulleiter allerdings ernüchtert und "verunsichert", weil eine Studie der Hochschule München ergeben hat, dass Klarsichtmasken weder Personen selbst, noch andere Personen ausreichend schützen. "Schutzschilde lenken zwar den Luftstrom um und verhindern, dass die Aerosole unmittelbar auf mein Gegenüber zuströmen, allerdings verhindern sie nicht, dass die volle Aerosoldosis in den Raum gelangt. Sie filtern keine Aerosole und bieten also keinen Fremd- und Selbstschutz", erklärt Dominic Dellweg von der Philipps-Universität Marburg im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. Wie es jetzt weitergehen soll, weiß Drach nicht so richtig. Was ihm gerade bleibt, ist die Hoffnung auf einen Impfstoff.  

Der Hessische Verband für gehörlose und hörbehinderte Menschen e.V.: "Wir brauchen mehr Informationen in Gebärdensprache."

Sascha Nuhn, Sprecher Hessischer Verband für Gehörlose und hörbehinderte Menschen e.V.

Sascha Nuhn hat den Eindruck, dass Hörbeeinträchtigte mit der Maskenpflicht mittlerweile besser zurecht kommen als am Anfang der Pandemie. Nuhn ist im Vorstand des Hessischen Verbandes für Gehörlose und hörbehinderte Menschen mit Sitz in Frankfurt, dem 15 Ortsvereine angeschlossen sind. Allerdings seien im Verlauf der Pandemie neue Probleme hinzugekommen.

Fatal findet er zum Beispiel, dass die ständig neu beschlossen und örtlich unterschiedlichen Corona-Maßnahmen nicht bei Gehörlosen ankommen, weil sie nur in Schriftsprache, aber nicht in Gebärdensprache übersetzt werden. Was vielen nicht bewusst sei ist, dass viele Gehörlose die Schriftsprache nicht beherrschen und lediglich die Gebärdensprache können.

Deswegen fordert Nuhn, dass das Sozialministerium Corona-Maßnahmen auch in Gebärdensprache übersetzt. Die Corona-Informationen würden auf der Internetseite des Sozialministeriums in andere Sprachen übersetzt, aber nicht in Gebärdensprache. Diese Gebärdensprachevideos stellt momentan sein Verband zur Verfügung. Nuhn hofft aber, dass das Sozialministerium sein Angebot ausbaut.

Immerhin konnte der Verband bereits erreichen, dass die Corona-Pressekonferenzen von Ministerpräsident Bouffier (CDU) von einem Gebärdendolmetscher live übersetzt werden. Auch dass Masken abgenommen werden dürfen, wenn man mit Gehörlosen spricht - und den Mindestabstand einhält - , hat der Verband beim Sozialministerium erstritten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 15.12.2020, 19.30 Uhr