Christine Careddu, Englischlehrerin an der Johannes-Vatter-Schule in Friedberg, und ein Schüler der zehnten Realschulklasse mit Gesichtsvisier.

Die Maskenpflicht stellt Gehörlose und Schwerhörige vor große Probleme. Sie können nichts mehr von den Lippen ablesen. Eine Friedberger Förderschule probiert es nun mit Gesichtsvisieren.

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zum hr-fernsehen.de Video Ab heute gilt die Maskenpflicht

maintower vom 27.04.2020
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Dieter Kaufmann aus Frankfurt ist seit seiner Geburt schwerhörig. Vor 66 Jahren kam er als Frühgeburt und mit einer spastischen Lähmung zur Welt. Ohne seine Hörgeräte hört der Frankfurter fast nichts mehr. "Amseln, Wassergeplätscher und Sprache", so sagt er es, das alles kann er ohne seine Hörgeräte nicht hören. Im Kindesalter hat er deswegen zusätzlich gelernt, vom Mund abzulesen.

Angesichts der nun geltenden Maskenpflicht zur Eindämmung der Corona-Pandemie nützt dem Schwerhörigen dieses Wissen jedoch nichts. "Masken verdecken die Münder und fast die gesamte Gesichtsmimik", sagt Kaufmann. Immer häufiger habe er in den vergangenen Wochen rätselraten müssen, was ihm Menschen mit Gesichtsmasken sagen wollten - besonders beim Einkauf im Supermarkt. "Wenn die Kassierer hinter einer Plexiglas-Scheibe sitzen und eine Maske tragen, höre und sehe ich quasi gar nichts mehr", berichtet der gelernte Bankkaufmann. So fühle er sich "total isoliert, wie früher ohne Hörgeräte".

Dieter Kaufmann aus Frankfurt - er ist schwerhörig

Mit dem Problem ist Dieter Kaufmann nicht allein. Nach Angaben des Hessischen Verbands für Gehörlose und hörbehinderte Menschen leben in Hessen rund 4.500 Gehörlose und rund 15.000 Menschen mit einer Höreinschränkung. Ihnen allen macht die Maskenpflicht die Verständigung sehr schwer.

Brandbrief des Gehörlosenverbands

Die Maskenpflicht wirkt sich auf die Betroffenen unterschiedlich aus, erklärt Verbandssprecher Sascha Nuhn. Bei der direkten Kommunikation seien Schwerhörige besonders benachteiligt, da sie auf das Lippenlesen angewiesen seien. Gehörlose immerhin haben ein Recht auf einen Gebärdendolmetscher.

Vor wenigen Tagen hat der Verband einen Brandbrief an das Sozialministerium geschickt. Darin fordern er unter anderem, dass Hörbeeinträchtigten Masken mit einem Klarschutzteil über dem Mund zur Verfügung gestellt werden sollen und ihnen erlaubt wird, Gebärdendolmetscher in Krankenhäusern und Arztpraxen mitzunehmen.

Mundschutz mit Klarschutzteilen für Gehörlose und Schwerhörige werden derzeit nicht industriell hergestellt. Im Internet finden sich zwar Nähanleitungen für die speziellen Masken. Dieter Kaufmann fürchtet allerdings, dass ihm auch diese Masken nicht weiterhelfen. Das Tragen von Masken führe zu einer Rückkopplung bei seinen Hörgeräten, dabei entstehe ein hoher Pfeifton.

Gesichtsvisiere von Gießener Lernwerkstatt

Manfred Drach, Rektor der Johannes-Vatter-Schule in Friedberg, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören, versucht einen anderen Weg. Die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen und die Lehrer testen seit dieser Woche sogenannte Face Shields. Das sind medizinische Masken nach Art von Visieren, die das gesamte Gesicht schützen, aber den Mund und die Mimik nicht verdecken. Die Schule hat die Masken von der Lernwerkstatt Makerspace Gießen erhalten.

Die Sprachbanane zeigt den Bereich, in dem Hörgeschädigte nichts mehr hören

Rektor Drach sagt über den Test mit dem medizinischen Gesichtsschutz, er könne derzeit nicht abschätzen, wie gut damit die Kommunikation funktioniere. Sollten sich die Masken als geeignet erweisen, will der Schulleiter sie allen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellen.

Dieter Kaufmann hält die Face Shields für eine interessante Lösung, getestet hat er sie noch nicht. Vor Corona schützen will sich der 66-Jährige vornehmlich durch häusliche Isolation. Er hofft, dass es bald einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus gibt.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 27.04.2020, 18 Uhr