Traktor Fleckenbühl

Alkohol, Heroin, Crystal Meth – auf Hof Fleckenbühl vertrauen Süchtige auf kalten Entzug und enge Gemeinschaft. Jetzt wird der alternative Suchthilfe-Bauernhof im mittelhessischen Cölbe 35 Jahre alt. Doch der hochgelobte Hof bangt um seine Existenz.

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Fleckenbühl
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Am Anfang steht das Ende. Der Moment, in dem alles gegen die Wand gefahren ist. Thomas sagt: Er konnte sie vorher fast schon fühlen, diese Wand, kurz bevor er im Begriff gewesen sei dagegen zu krachen. "Ich wusste nur nicht, ob das vielleicht morgen der Fall ist oder ob ich noch einen Monat durchhalte."

Nach fast vier Jahrzehnten auf Marihuana, Heroin, Alkohol und Koks sei er irgendwann an diesen Punkt gekommen: "Du bist körperlich kaputt, finanziell kaputt, du bist hochdosiert auf allem drauf und nichts geht mehr." Thomas entschied sich, den Stoff in Köln zu lassen und fuhr nach Cölbe bei Marburg.

Das Konzept: kalter Entzug in der Provinz

Seit 35 Jahren ist der Hof Fleckenbühl für Süchtige wie Thomas oft die letzte Adresse. Viele hier haben schon alles hinter sich: Psychotherapie, Gefängnis, Leben auf der Straße, Druckräume, Methadon-Programme. Das Konzept des Hofs ist ungewöhnlich und doch ganz simpel: kalter Entzug in der Provinz, abseits vom Dealern, Partys und Saufkumpanen. Dafür umgeben von Kühen, Feldern und Landmaschinen.

Die Süchtigen leben und arbeiten zusammen in einer engen, komplett abstinenten Gemeinschaft. Wer herkommt, gibt sogar Zigaretten an der Anmeldung ab und tauscht seine Kleidung gegen eine blaue Arbeitslatzhose ein. Therapeuten, Methadon und Schmerzmittel gibt es hier nicht, der Hof setzt stattdessen auf sinnvolle Beschäftigung und den Austausch mit Menschen, denen es ähnlich geht.

"Eine Art zu leben, die mich nüchtern hält"

Auf dem Biohof produzieren die Fleckenbühler Milch, Getreide und Käse in Demeter-Qualität, sie betreiben einen eigenen Umzugsservice, einen Kindergarten, einen Hofladen und einen Cateringbetrieb. Eine Gruppe Neuankömmlinge sitzt im Hof und schrubbt Milchkannen. Alle helfen mit, ab dem ersten Tag. Für die Neuankömmlinge gibt es einfache Arbeiten, wie Tischdienst oder Holzhacken.

"Ich hab hier was zu tun, was irgendwie Sinn ergibt", sagt Thomas, der inzwischen seit drei Jahren hier lebt und jeden Tag hinter an der Anmeldung sitzt. "Es ist hier eine Art zu leben, die mich nüchtern hält und wo ich auch keinen großen Stress habe, nüchtern zu bleiben."

Süchtige sind jederzeit willkommen

Jedes Jahr kommen auf dem Hof etwa drei- bis vierhundert Menschen an, die aufgenommen werden wollen. Der Hof nimmt nach eigenen Angaben jeden Süchtigen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, sogar mit Kindern und sogar ohne Krankenversicherung. "Heute sind drei gekommen", sagt Thomas. Manche würden aber sofort oder nach ein paar Tagen wieder abhauen.

"Die brauchten dann nur ne Ausrede, für die Eltern oder den Staatsanwalt." Manche bleiben aber, monate- oder sogar jahrelang. Momentan gibt es in Cölbe rund 120 feste Bewohner, inzwischen gibt es ein weiteres Haus in Frankfurt und ein Jugendhilfehaus in Leimbach (Schwalm-Eder-Kreis).

Gerichtsurteile treiben Hof in finanzielle Not

Das alternative Selbsthilfekonzept wird von vielen gelobt, etwa von Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) oder der Landrätin Kirsten Fründt (SPD). Auch für den deutschen Integrationspreis waren die Fleckenbühler zuletzt im Rennen. Doch trotz allen Lobes ist der Hof derzeit in finanzieller Not, erklärt der Vorstandsvorsitzende Ronald Meyer. "Unsere Betreibe arbeiten gerade mal kostendeckend", erklärt er. "Wir sind immer am Strampeln." Ohne zusätzliche Spenden und öffentliche Gelder sei der Hof nicht zu stemmen. Doch von denen sei in den letzten Jahren ein großer Batzen weggefallen.

Nach zwei Gerichtsurteilen in Berlin entschied das örtliche Kreisjobcenter, den Bewohnern kein Arbeitslosengeld mehr zu zahlen – weil sie in einer Einrichtung seien und damit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stünden. Schlechte Nachrichten gab es auch vom Hessischen Landeswohlverband. Der will den Hof nicht unterstützten, weil den Fleckenbühlern Fachpersonal fehlt, etwa Ärzte oder Therapeuten. Erst kürzlich bestätigte die Landesregierung diese Entscheidung.

Fleckenbühler fallen durchs Raster

Als es im vergangenen Jahr besonders eng wurde, sprang das Finanzministerium mit 650.000 Euro ein. Doch diese Unterstützung läuft Ende des Jahres aus. Derzeit laufen Gespräche mit dem Kreis Marburg-Biedenkopf, der Stadt Frankfurt und dem Sozialministerium. Das Problem liegt da, wo auch die Stärke der Fleckenbühler liegt: Im einzigartigen Konzept der stationären Selbsthilfe. Sind sie eine Einrichtung - oder eine große, besonders gut organisierte Selbsthilfegruppe?

"Wir fallen durchs Raster", meint Meyer. Es fehle schlicht eine rechtliche Grundlage, um Initiativen wie die Fleckenbühler einzuordnen. Auch der Kreis Marburg-Biedenkopf nennt die Situation "sachlich und fachlich kompliziert". Stabile Fördermöglichkeiten würden auch "von organisatorischen und konzeptionellen Veränderungen bei den Fleckenbühlern abhängen". Die Gespräche laufen. Eine Lösung gibt es bisher aber nicht.

Bis dahin bangen die Bewohner um die Existenz des Hofs. "Das ist schon irgendwie dramatisch", sagt Thomas. "Wir werden sehen, was kommt."

Sendung: hr4, 06.09.2019, 16.30 Uhr