Manche bleiben jahrelang, andere hauen nach einem Tag wieder ab: Der kalte Entzug ist nicht für alle das richtige Rezept, für manche Drogensüchtige aber die Rettung. Drei Beispiele.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Raus aus der Sucht: Bewohner von Hof Fleckenbühl berichten

Bewohnerin vom Hof Fleckenbühl füttert eine Kuh mit Stroh
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Es ist ein ziemlich idyllischer Ort, alte Fachwerkhäuser und Ställe stehen mitten im Grünen. Der Hof Fleckenbühl liegt abgeschieden in Cölbe bei Marburg. Neben der Einfahrt zum Hof befindet sich ein kleines Café.

Eine heile Welt? Nun ja. Seit über 35 Jahren ist der Hof Fleckenbühl die letzte Rettung für viele, die ganz weit abgerutscht sind in die Drogen- oder Alkoholsucht. Bei den Fleckenbühlern wagen sie den kalten Entzug.

Keiner wird hier abgewiesen, das gehört zum einmaligen Konzept der alternativen Suchthilfe-Einrichtung, aber einen Alltag ohne Betäubungsmittel schafft auch nicht jeder. An deren Stelle rückt in Fleckenbühl körperliche Arbeit. Die Bewohner auf dem Hof versorgen sich hier zum Großteil selbst. Sie leben zusammen mit Kühen, Ziegen, Hasen.

Melanie

Bewohnerin vom Hof Fleckenbühl beim Unkraut zupfen

In einem Gemüsebeet arbeitet Melanie. Die 36-Jährige ist seit fast einem Jahr hier. Ihr Fazit: "Ich bin hier zufrieden, ausgeglichen und glücklich."

Als sie im Oktober 2019 in Fleckenbühl ankam, war sie am Ende, körperlich und seelisch. Gerade einmal 48 Kilo wog sie noch, das Ergebnis von 17 Jahren Crystal-Meth-Konsum. So konnte es nicht weitergehen.

Zitat
„Jeden Tag ist der Gedanke in meinem Kopf, wieder zu konsumieren. Aber ich versuche standhaft zu bleiben.“ Zitat von Melanie, Ex-Drogenabhängige
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Melanie lief zu Fuß aus ihrer Heimat in Thüringen bis nach Mittelhessen. Dann fing er an, der kalte Entzug: Vom einen Tag auf den anderen absolut keine Drogen mehr. Bis heute hat sie Probleme, ohne den Stoff klarzukommen, wie sie erzählt.

An die Zeiten im Drogenrausch kann sie sich kaum noch erinnern. Melanie schaut lieber nach vorne. Sie hofft auf eine gute Zukunft für sich und ihre zwei Kinder.

Stefan

Bewohner vom Hof Fleckenbühl beim Kochen in der Küche

Dass es Melanie wieder besser geht, liegt auch an Stefan, ihrem Freund. Er lebt seit über zwei Jahren auf dem Hof Fleckenbühl. Und er möchte so bald auf keinen Fall weg.

Stefan hat schon mehrere erfolglose Therapien hinter sich. Am Ende hing er trotzdem immer wieder an der Flasche. Auf Fleckenbühl läuft das anders, wie er berichtet.

Zitat
„Irgendjemandem fällt es auf, dass mit dir was nicht stimmt. Hier braucht man niemandem etwas vormachen. Hier kann man sagen, ich habe Bock zu trinken, ich habe Bock zu konsumieren. Die Leute hier verstehen das.“ Zitat von Stefan, Ex-Drogenabhängiger
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Stefan kommt wie Melanie aus Thüringen. Er hat mal Fleischer gelernt. Diese Aufgabe macht ihm Spaß. Deshalb war es auch klar, wo er auf Fleckenbühl mit anpackt: in der Küche. Hier wird immer frisch gekocht: für die 115 Bewohner und vor Corona auch für mehrere hundert Kita-Kinder in der Region.

Marita

Bewohnerin vom Hof Fleckenbühl steht vor einem Kuhstall

Besonders auf Fleckenbühl ist, dass sich hier auch Ex-Junkies um die Suchtkranken kümmern. So wie Marita. Die 50-Jährige hat sich früher so ziemlich alles reingezogen und eingeworfen, was sie kriegen konnte: Heroin, Kokain, Schlaftabletten. Vor ein paar Jahren kam sie dann nach Fleckenbühl.

Zitat
„Ich wollte nicht mehr so leben wie früher, mit Gefängnisaufenthalten, Am-Bahnhof-Schlafen und Rumhängen, sondern ich wollte in das normale Leben zurück.“ Zitat von Marita, Betreuerin und Ex-Drogenabhängige
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Marita weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer gerade der Anfang ist: Die Familie und Freunde zurückzulassen, schafft nicht jeder. Ein Viertel der Neuankömmlinge geht nach einem Tag direkt wieder nach Hause. Aber wer die ersten harten Wochen durchhält, der bleibt oft länger und kann den Schulabschluss nachholen oder sogar eine Ausbildung machen.

Sendung: hr4, 21.09.2020, 15.30 Uhr