Ein Paar hält ein Kondom in den Händen

Sex ohne Kondom geht nur, wenn beide das wollen. Denn wer entgegen der vorherigen Absprache beim Sex das Kondom abzieht, macht sich strafbar. "Stealthing" lautet dieses Phänomen. Bekannte Fälle gibt es in Hessen bisher kaum, aber eine hohe Dunkelziffer. Eine Betroffene bricht ihr Schweigen.

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"Stealthing" - Beim Sex heimlich das Kondom abziehen ist strafbar

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Vor zwei Jahren war es passiert: Lea (Name von der Redaktion geändert) zog für ein Praxissemester aus Südhessen in eine andere Stadt. Die Studentin wollte neue Leute kennenlernen, lud sich auch eine Dating-App runter und traf sich mehrmals mit einem Mann. Es lief gut, erzählt Lea im Gespräch mit dem hr, beide hätten Sex miteinander gewollt. Lea machte nach eigener Aussage klar, dass sie nur mit Kondom mit ihm schlafen möchte, auch weil sie die Pille nicht nahm und ihn noch nicht so gut kannte.

Mittendrin habe es sich plötzlich komisch angefühlt. "Ich habe ihn gefragt: Was hast du gemacht?" Ihr Date hatte das Kondom abgezogen. Sie sei geschockt gewesen, habe ihn weggestoßen. Seine Reaktion sei nur gewesen: "Wie hat es sich für dich angefühlt? Also für mich war es gut." Für Lea war "gar nichts gut". Die junge Frau fühlte sich "eklig", holte sich die Pille danach und ließ sich auf Geschlechtskrankheiten testen. Das, was ihr passiert ist, nennt man "Stealthing". Gegen ihren Willen wurde das Kondom entfernt, gegen ihren Willen hatte sie ungeschützten Sex.

Mehr Betroffene als Fälle

Seitdem hat die 23-Jährige mit kaum jemandem über den Vorfall gesprochen. Bis sie vor kurzem auf Social Media einen Post zur Strafbarkeit von Stealthing in Kalifornien sieht - und ihr Schweigen bricht. "Da ist mir bewusst geworden, das ist mir auch passiert!" Die Kommentare unter dem Post machten sie wütend. Es seien nur die Täter verteidigt worden, kaum jemand hätte die Betroffenen ernst genommen, erzählt Lea. Selbst, als sie kommentiert und unterschwellig preisgegeben habe, dass sie ebenfalls Opfer wurde, seien männliche User verbal auf sie losgegangen.

In Deutschland gibt es bereits erste Urteile zu Stealthing. In einem Fall wurde der Täter Anfang 2020 vor dem Kammergericht Berlin des sexuellen Übergriffs schuldig gesprochen.

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Stealthing seit 2016 eine Straftat

Das Wort "Steahlting" leitet sich vom Englischen "stealth" ab, das List oder Heimlichtuerei übersetzt bedeutet. Der Begriff beschreibt eine Form des sexuellen Missbrauchs, bei dem der Sexualpartner während des Geschlechtsverkehrs heimlich und ohne Einwilligung des anderen Partners das Kondom entfernt. Seit 2016 ist eine Anzeige laut Paragraph 177 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs möglich. Im Falle einer Verurteilung droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

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Pro Familia fordert bessere Aufklärung

Lea hat ihren Vorfall damals nicht zur Anzeige gebracht. Sie habe nicht gewusst, dass das überhaupt möglich ist. "Das ist keine Seltenheit", berichtet Miriam Seel, die als Beraterin für Betroffene von sexualisierter Gewalt bei Pro Familia in Darmstadt arbeitet. "Wir hatten gerade eine Konferenz mit anderen Beratungsstellen, bisher sind vier Fälle bekannt", schildert Seel und geht dabei von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. Viele Betroffene wüssten gar nicht, dass es eine Straftat ist. "Dafür braucht es mehr Bekanntheit und Bewusstsein."

Oft Scham- oder Schuldgefühle bei Opfern

Auch der Frankfurter Kriminologe Andres Wißner betont, dass die geringen Fallzahlen nichts mit einem Mangel an Fällen zu tun hätten. Gründe für die seltenen Anzeigen bei der Polizei sind seiner Meinung nach nicht nur in der Unwissenheit begründet, dass es sich bei Stealthing um eine Straftat handelt. Auch emotionale Abhängigkeit vom Täter, Scham- oder sogar Schuldgefühle seitens der Opfer spielen laut Wißner eine Rolle. Die Polizei sei bei Stealthing präventiv tätig, zum Beispiel über die Jugendseite "Polizei für dich".

Betroffenen rät Pro-Familia-Beraterin Seel, "sich sobald wie möglich bei uns zu melden oder auch bei der medizinischen Soforthilfe". Das Programm, an dem auch verschiedene Kliniken in Hessen wie etwa das Klinikum Darmstadt teilnehmen, untersucht Opfer auf Spuren und bietet die Möglichkeit, diese bis zu einem Jahr lang zu speichern. "So haben die Betroffenen noch Zeit zu überlegen, ob Sie Anzeige erstatten wollen und zusammen mit uns die Vor- und Nachtteile abzuwägen", so Seel.

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Hilfsangebote

Wer betroffen, aber unsicher ist, der kann sich an Beratungsstellen und Hilfetelefone, wie beispielsweise das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" mit der Nummer 0800/0116016 wenden. Oder auf www.frauennotruf-hessen.de eine Beratungsstelle in der Nähe finden.

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Lea sagt, sie hätte gerne früher von dieser Option gewusst. Die Angst, dass der Mann von damals das noch bei anderen Frauen macht, beschäftige sie bis heute. Sie will ihn, wenn möglich, zumindest bei der Dating-App melden, bei der sie ihn kennengelernt hat. Ob sie ihn bei der Polizei anzeigen wird, wisse sie noch nicht. Auf jeden Fall will die Südhessin "aufrütteln und andere Betroffene für das Thema Stealthing sensibilisieren".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.11.2021, 19.30 Uhr