Gedenkstätte Juden Bad Salzschlirf

Wie sollte das osthessische Bad Salzschlirf an seine ermordeten Juden erinnern? Die Antwort des Bürgermeisters hinterlässt Familien der Opfer fassungslos. Am Sonntag sind sogar getrennte Gedenkfeiern geplant. Alles nur ein Missverständnis?

Es sollte eine Reise werden, die versöhnt. Doch am Ende stehen Verbitterung, Frust und Trauer. 15 Nachkommen im Holocaust ermordeter Juden sind aus Schweden, Israel und den USA nach Bad Salzschlirf (Fulda) gekommen, um am Sonntag an einer Gedenkveranstaltung für ihre aus dem Ort vertriebenen und umgebrachten Vorfahren teilzunehmen.

Doch nun fühlen sie sich vom Verhalten des Bad Salzschlirfer Bürgermeisters Matthias Kübel (CDU) so vor den Kopf gestoßen, dass sie nicht mehr gemeinsam mit der Stadt gedenken wollen. Stattdessen haben sie eigene Veranstaltungen organisiert.

Gedenkstätte sollte eingeweiht werden

Seit 2016 hatte die Historikerin Anja Listmann daran gearbeitet, dass diese Reise zustande kam. Listmann wurde in Bad Salzschlirf geboren und forscht seit Jahrzehnten über das Schicksal der dortigen Juden. Viele Nachfahren hatte sie ausfindig gemacht, einen engen Kontakt gepflegt und die Gedenkveranstaltung angeregt.

Ein Vorbereitungsgruppe kümmerte sich um die Organisation. Am Sonntag sollten schließlich vier Nachkommen jeweils etwas über ihre Familien erzählen und im Kurpark eine Gedenkstätte mit Gedenktafeln eingeweiht werden.

Plötzlich Atmosphäre verändert

Bürgermeister Kübel sei von Anfang an sehr engagiert mit im Boot gewesen, erzählt Listmann. "Dann, so im April oder Mai, hat er sich mehr und mehr aus den Vorbereitungen zurückgezogen." Außerdem habe sich die Atmosphäre verändert.

Plötzlich habe Kübel die Zahl der sprechenden Angehörigen auf nur ein oder zwei beschränken und deren Redezeit kürzen wollen. Außerdem habe er verlangt, dass keinesfalls die Namen der damaligen Täter genannt werden sollten. "Er sagte, er müsse doch auch die Familien der Täter schützen", berichtet Listmann. "Aber davon war ohnehin nie die Rede, die Familien wollten über ihre Angehörigen reden, der Blick auf die Täter ist für sie viel zu schmerzhaft."

Streit um Hohmann-Einladung

Ein weiterer Streitpunkt war die Tatsache, dass die Opferangehörigen 19 Plaketten mit den Namen der ermordeten Juden anbringen lassen wollten. Der Bürgermeister wollte dagegen zwei Tafeln mit 58 Namen aller ehemaligen Bad Salzschlirfer Juden installieren lassen. Das sehen die Nachkommen als Geschichtsverfälschung, sagt Listmann.

Im Juli sei Kübel dann ganz aus den Vorbereitungen ausgestiegen, nachdem es darum gegangen sei, welche Honoratioren eingeladen werden müssten. "Ich habe mich vehement dagegen gewehrt, dass jemand wie Martin Hohmann eingeladen wird", berichtet Listmann. "Den kennt seit 2003 jeder in Israel, das wäre ein Affront gewesen." Der Bundestagsabgeordnete war nach einer als antisemitisch bewerteten Rede aus der CDU ausgeschlossen worden und gehört nun der AfD an. Für sie sitzt er 2016 im Kreistag Fulda.

Bürgermeister sieht sich missverstanden

Kübel war am Samstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Auf osthessen-news.de bestritt er vehement alle Vorwürfe. Er habe die Reden der Angehörigen keineswegs einschränken oder zensieren wollen. "Ich habe nur darauf hingewiesen, dass es am Samstag schon einen Abend der Erinnerung mit allen Beteiligten geben solle." Außerdem sollten bei diesem Anlass die Opfer und nicht die Täter in den Blick genommen werden.

Auch an eine Einladung Hohmanns sei nicht gedacht gewesen. Kübel vermutet, er sei missverstanden worden und hofft auf Gesprächbereitschaft der Familien. An der Gedenkfeier der Gemeinde hielt er trotz der Absage der Angehörigen fest.

Diese wiederum warten darauf, dass der Bürgermeister sie kontaktiert, wie Listmann berichtet. Sie haben nun eigene Gedenkfeiern am Jüdischen Friedhof, im Kurpark und abends in der Jüdischen Gemeinde in Fulda organisiert. Leif Olsen, der aus Schweden angereist war, fasst seien Gefühle so zusammen: "Ich bin einfach nur unglaublich traurig, dass so etwas im Jahr 2019 möglich ist."