Die 93 Jahre alte Éva Pusztai-Fahidi (l.) auf der Bühne.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Auschwitz-Überlebende Pusztai-Fahidi (l.) tanzt in Stadtallendorf (Foto: Csaba Mészáros)

Éva Pusztai-Fahidi hat Auschwitz überlebt und musste als Zwangsarbeiterin im mittelhessischen Allendorf Granaten befüllen. Dorthin kommt die 93-Jährige nun zurück - um zu tanzen.

Während des Holocausts verlor die Ungarin Éva Pusztai-Fahidi ihre Eltern und ihre Schwester in Auschwitz. Sie selbst wurde an der Rampe des Konzentrationslagers aussortiert und als Zwangsarbeiterin ins mittelhessische Allendorf geschickt.

Im heutigen Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) hatten die Nazis die größte Sprengstofffabrik Europas aufgebaut. 1.000 ungarische Jüdinnen mussten dort als Zwangsarbeiterinnern in den Baracken der KZ-Außenstelle Münchmühle hausen und in den Sprengstoffwerken Granaten befüllen.

Nach dem Krieg kehrte Éva Pusztai-Fahidi zurück nach Ungarn und stellte fest, dass aus ihrer Verwandtschaft nur noch sie übrig geblieben war. 49 Familienangehörige waren getötet worden. Jahrelang schwieg die Überlebende über ihre Erlebnisse. Erst in den 1990er-Jahren begann sie, ihre Geschichte zu erzählen - immer und immer wieder.

Im hohen Alter bringt sie nun ihre Erlebnisse in Form eines Tanztheater-Stücks auf Bühne. Gemeinsam mit einer jungen ungarischen Tänzerin tritt sie damit jetzt auch in Stadtallendorf auf. Das war ihr großer Wunsch.

hessenschau.de: Frau Pusztai-Fahidi, Sie haben hier schlimme Dinge erlebt, kommen aber seit Jahren regelmäßig nach Stadtallendorf. Was denken Sie, wenn sie herkommen?

Éva Pusztai-Fahidi: Ich habe den schönen Satz dazu: Aus der Schulbank wurden wir herausgerissen, um nach Auschwitz-Birkenau ausgeliefert zu werden. Und getötet zu werden. Und irgendwie sind wir doch am Leben geblieben.

Als ich nach Allendorf kam, war ich 19 Jahre alt. Das war ja noch nicht Stadtallendorf, das war ein Dorf mit 1.500 Einwohnern. Eigentlich sogar noch weniger, weil ja so viele Männer im Krieg waren. Und jedes Mal, wenn ich später wieder hergekommen bin, habe ich etwas Wunderschönes gesehen und gefunden in Stadtallendorf.

Auf dem Gelände der Sprengstoffwerke wird heute Schokolade produziert, wussten Sie das? Ich habe gesehen, wie das hier eine Stadt geworden ist, die groß geworden ist, schön geworden ist.

Und die diese wunderbare Idee verkörpert, dass hier viele verschiedene Nationalitäten in Frieden zusammenleben können - wenn sie wollen. Aber der Wille dazu muss da sein. Jetzt hab ich gewisse Zweifel daran.

Auschwitz-Überlebende Éva Pusztai-Fahidi
Auschwitz-Überlebende Éva Pusztai-Fahidi Bild © hr

hessenschau.de: Was hat sich für Sie in letzter Zeit geändert?

Pusztai-Fahidi: Lange Zeit bin ich in der Annahme hierher gekommen, dass das hier ein fester Punkt in der Welt ist - also Hessen, Thüringen und so weiter, wo es Landtage gibt, in denen die Rechtsextremen nicht drin sitzen. Und dann auf einmal ...

Und seitdem hab ich gemischte Gedanken: Ob die Auseinandersetzung bisher - die ich wirklich fantastisch gefunden habe - ob das alles so aufrichtig war? Oder ob da doch auch etwas Lüge dabei war?

hessenschau.de: Was möchten Sie, was die Menschen heute über Ihre Erfahrungen wissen?

Pusztai-Fahidi: Eine grundsätzliche Sache möchte ich, aber das scheint nicht erreichbar zu sein: Dass alle Menschen gleich sind. Man muss nicht alle Menschen lieben. Man muss sie nicht gern haben. Nur eben hassen soll man sie nicht. Das genügt.

Ich habe immer die Hoffnung gehabt, dass man nun ein bisschen gegenseitige Empathie erreichen kann. Jetzt habe ich da große Fragezeichen. Aber man kann sich damit trösten, dass es durchgängig immer Zeiten gab, in denen es nicht so gut war.

hessenschau.de: Sie sind dieses Mal hergekommen, um ein Tanztheater-Stück aufzuführen: In "Sea Lavender" geht es um ihre Lebensgeschichte. Gemeinsam mit einer jungen ungarischen Tänzerin stehen Sie auf der Bühne. Wie sind sie darauf gekommen - mit über 90 Jahren?

Pusztai-Fahidi: Ich habe mein ganzes Leben lang getanzt. Letzten Endes wusste ich immer, dass man mit Bewegung und Gebärden alles am besten zum Ausdruck bringen kann. Sogar hier zwischen den Granaten habe ich getanzt. 

Meinen 90. Geburtstag wollte ich dann ein bisschen außergewöhnlich und auffallend feiern. Ich habe lange darüber nachgedacht. Und jemand stellt sich auf die Bühne mit 90? Das ist schon auffällig genug.

hessenschau.de: Sie sind mit dem Stück inzwischen über 80 Mal in Europa aufgetreten, jetzt in Stadtallendorf. Hatten Sie das so geplant?

Pusztai-Fahidi: Wir hatten eigentlich nur eine Aufführung geplant: Die Premiere in einem Theater in Budapest. Und dann mussten wir sofort zwei daraus machen, weil das Interesse so groß war.

Wir führen das Stück jetzt zum 83. Mal auf. Wir waren schon in Berlin, in Erfurt und jetzt endlich sind wir hier. Das war wirklich mein ganz großer Wunsch. Und jetzt bin ich wirklich sehr, sehr froh. Ich habe es doch erreicht. Das ist heute auch im Namen von den 1.000 Frauen, damals in der Münchmühle. Ich denke, das ist verständlich.

hessenschau.de: Das Stück ist sehr persönlich und Sie stehen mit 93 Jahren noch eineinhalb Stunden auf der Bühne. Wie schaffen Sie das?

Pusztai-Fahidi: Ja, das ist anstrengend. Aber das ist es mir wert. Diese winzig kleine Nachricht, die ich geben will - wenn nur die durchkommt, habe ich mein Ziel erreicht. Ich bin immer noch idealistisch und denke, dass vielleicht doch etwas hängenbleibt. Zehn Minuten Nachdenken vielleicht. Dann hab ich schon genug getan. Mehr kann man nicht tun.

Das Gespräch führte Rebekka Dieckmann (hr)