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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So will Homberg/Efze Großstädter anlocken

Homberg/Efze

Raus aus der Großstadt, rein in die nordhessische Natur: Ab Mai können 20 Freiwillige im beschaulichen Homberg/Efze für einen Obolus wohnen und in bester Lage arbeiten. Allerdings gilt das Angebot nicht für alle.

Sie kommen in einer Wohnung in einem schnuckeligen Fachwerkhaus in einer historischen Altstadt unter und können tagsüber wie gewohnt ihrem Job in einem Großraumbüro nachgehen. Nur wenige Gehminuten von ihrem Zuhause entfernt. Keine Staus, keine S-Bahn-Störungen und kein Anfahrtsweg, dafür Naherholung trotz Arbeitssalltag.

Mit dieser romantischen Idee von Idylle und Arbeit will Homberg/Efze gestresste Großstädter ins beschauliche Schwalm-Eder-Städtchen mit Burgruine und Fachwerk locken - erst einmal für sechs Monate und dann hoffentlich längerfristig. Der Wunsch sei zwar naiv, aber nicht unmöglich, erklärt der parteilose Bürgermeister Nico Ritz.

Die Stadt und das regional ansässige Unternehmer-Netzwerk "Homeberger" organisieren zusammen mit dem Initiator Frederik Fischer, einem Berliner Journalisten, den "Summer of Pioneers". Gemeinsam suchen sie 20 Pioniere aus Kreativ- und Digitalberufen, die Arbeitsplatz und Wohnort radikal austauschen wollen. In der brandenburgischen Stadt Wittenberge zwischen Hamburg und Berlin hat das bereits geklappt - einige "Pioneers" seien auch nach Ende der offiziellen Projektlaufzeit in der Kleinstadt geblieben.

Fachwerkhaus in Homberg/Efze

Das erhofft sich die Stadt

"Langfristig ist es unser Ziel, unsere Region als einen Ort zum Leben und Arbeiten attraktiver werden zu lassen", erklärt Bürgermeister Ritz. "Natürlich kann man sagen, Nordhessen ist schön, der Schwalm-Eder-Kreis ist schön, und Homberg ist auch sehr schön. Die Frage ist jedoch, was wir mit dem 'schön' anfangen."

Mit dem Projekt will die Stadt an dem Problem ansetzen, das für ländliche Kleinstädte wohl typisch ist: Dass junge Erwachsene im Alter von 18 bis 20 Jahren die Region verlassen, in die Großstädte ziehen und dort bleiben. "Wir sind darauf angewiesen, diese Gruppe auch zurückzugewinnen", erklärt Ritz.

Ziel des Projekts sei es, mögliche Faktoren herauszuarbeiten, die Großstädter bislang davon abhalten würden, zurückzukehren oder die Region als neue Wahlheimat auszusuchen: "Das Projekt gibt uns die Chance, dass Menschen von außen den Wandel von innen erleben und auch ein Stück weit beeinflussen können. Ich glaube, das tut uns in Homberg gut."

Ein entscheidender Faktor sei, dass diese jüngere Gruppe den Raum Nordhessen auch als möglichen Arbeitsraum wahrnehme - gerade in der digitalen Arbeitsbranche. Hier biete Nordhessen durch den im Januar realisierten Ausbau des Glasfasernetzes die perfekten Startbedingungen.

So sichtbar wird das Projekt im Stadtalltag sein

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sollen während der sechs Monate wie gewohnt ihrem Arbeitsalltag nachgehen, nur in anderer Umgebung. Die Macher stellen dazu ein gemeinsam genutztes Großraumbüro, einen sogenannten Coworking-Space, zur Verfügung. Mitten auf dem historischen Marktplatz. "Das wird natürlich einen gewissen Betrieb bei 20 Personen auslösen", sagt Jonathan Linker vom regionalen Unternehmer-Netzwerk.

Gleichzeitig sei die Stadt auch offen für neue Ideen durch die Teilnehmer - zum Beispiel für Konzepte gegen den Leerstand in dem historischen Stadtkern. Teil der Bewerbung ist es, ein innovatives Projekt für die Region vorzustellen - und dieses während der Zeit in Homberg auszuarbeiten und umzusetzen. Es sei auch möglich, dass Teilnehmer sich mit ihrer Arbeit oder ihrem Projekt auf dem Wochenmarkt der Stadt präsentieren.

Doch auch die Teilnehmer könnten von den Hombergern profitieren, so die Macher. Sie erwartet in den sechs Monaten ein regionales Begleitprogramm - von der praktischen Erfahrung der Feldarbeit, einem Besuch in einem regionalen Unternehmen, das nachhaltige Smartphones entwickelt, bis hin zu einem Workshop, der zeigt, wie man aus Heilkräutern aus der Region Tee herstellt.

Homberg/Efze

Das investiert Homberg in das Projekt

Finanziell stelle die Stadt Homberg keine Extra-Gelder für das Projekt zur Verfügung, erklärt Ritz: "Wir können uns keine wirklich teuren und großen Projekte leisten, die wir mal eben so aufsetzen." Die Wohnungen für die 20 Teilnehmer würden größtenteils langfristig als Ferienwohnungen verwendet, die dafür vorgesehenen Fachwerkhäuser befinden sich bereits in kommunaler Hand.

Der vorgesehene Coworking-Space sei derzeit noch ein leerstehendes Ladenlokal. Nach dem Projekt soll der Raum von der Stadt weiterverwendet werden. Man wolle möglichst viele Partner aus der Region "ins Boot holen" - nicht nur aus Homberg, sondern aus ganz Nordhessen. Der Schwerpunkt der städtischen Arbeit liegt nach Aussage des Bürgermeisters im organisatorischen Bereich.

Insgesamt müssen die Teilnehmer 150 Euro pro Monat für Miete und die Benutzung des Coworking-Space bezahlen. Damit seien alle Kosten gedeckt, heißt es bei den Organisatoren.

Kritik: Schließt das Projekt das Handwerk aus?

Hauptzielgruppe des Projekts seien vorrangig "Digitalarbeiter, also Menschen, die für ihre Arbeit nur einen schnellen Internetanschluss benötigen", heißt es in der Beschreibung von "Summer of Pioneers". Darunter fallen kreative und digitale Berufsfelder, Beispiele seien Journalisten, IT-Spezialisten oder Designer.

Handwerker und andere Interessierte könnten sich dennoch bewerben - vorausgesetzt, sie könnten von Homberg aus weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, räumt Jonathan Linker ein: "Wenn der Handwerker sein Handwerk mitbringen kann und das übers Netz verkaufen kann, dann spricht da gar nichts dagegen. Eine Tischlerei kann für sechs Monate nicht einfach nach Homberg kommen." Für Digitalarbeiter sei der temporäre Umzug mit deutlich weniger Aufwand verbunden.

Das müssen Interessierte wissen

Bewerben kann man sich noch online bis zum 9. März. Einzige Voraussetzung: eine erste skizzenhafte Projektidee für die Region. Aus den Bewerbungen wählen die Veranstalter dann Teilnehmer aus: "Die Gruppe muss das Zeug haben, gut zusammen zu arbeiten, aber auch einfach einen schönen Sommer miteinander zu verbringen." Formelle Bewerbungsgespräche werde es nicht geben.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, die Teilnehmer müssten keine Miete zahlen. Als Entschädigung für Wohn- und Arbeitsräume fallen aber 150 Euro Kosten pro Monat und Teilnehmer an.

Sendung: hr4, 12.02.2020, 8.00 Uhr