Das Foto zeigt Jan Keweloh an seinem Schreibtisch zuhause.

Normalerweise schwärmen Schüler der neunten Klassen im Januar für ihr berufliches Praktikum aus. Coronabedingt klappt das bei den meisten nicht. Wirtschaftsvertreter warnen vor noch größerem Fachkräftemangel.

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Jan Keweloh sitzt zu Hause und lernt Mathe. Bei ihm steht gerade sogenanntes Homeschooling an, anstatt praktische Erfahrungen in einem Betrieb zu sammeln. Dabei hatte sich der Gymnasiast richtig auf sein Praktikum gefreut: "Ich wollte zu einer Schreinerei gehen, um generell ein bisschen mehr darüber zu lernen, wie man mit Holz arbeitet. Das hätte mir bestimmt Spaß gemacht." Dann wurde das Praktikum allerdings wegen der Corona-Pandemie per E-Mail abgesagt. "Da war ich erst einmal enttäuscht."

Entscheidung fiel in den Weihnachtsferien

Wie Jan Keweloh geht es jetzt im Januar rund 24.000 Neuntklässlern an hessischen Gymnasien. Der 14-Jährige wohnt im Frankfurter Stadtteil Fechenheim und besucht die Helmholtzschule im Ostend. Alle seine Klassenkameraden hatten wie er eigentlich einen sicheren Praktikumsplatz. Zumindest bis vor Weihnachten, sagt Yvonne Engelmann, die als Fachbereichsleiterin am Helmholtz-Gymnasium für die Betriebspraktika zuständig ist.

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Praktika auch im hr abgesagt

Der Hessische Rundfunk hat strenge Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Deshalb haben wir allen Schülerpraktikant*innen bis einschließlich März abgesagt. Wie es nach den Osterferien weitergeht, ist leider noch unklar.

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"Im Laufe der Weihnachtsferien wurde entschieden, dass die Praktika abgesagt werden mussten. Das war kurzfristig, ich kann die Enttäuschung verstehen", so Engelmann. "Aber wir haben reagiert, wir machen das wann anders."

Die Grafik zeigt die Anzahl der Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen in Hessen: 21.086 besuchen ein öffentliches Gymnasium, 2.978 ein privates Gymnasium.

Online-Praktikum weiter möglich

Die Schule hat das vorgesehene Praktikum der neunten Klassen kurzerhand in den Herbst verlegt. Nur drei der Schüler können ihr Praktikum machen. Und zwar online, bei der Deutschen Bahn. "Das entspannt die Lage", so Engelmann: "Das Praktikum ist vor Ort nicht möglich, aber über das Netz können die Schüler trotzdem in das Unternehmen schnuppern."

Die Schule hat Online-Praktika erlaubt. Zwar hatte das Kultusministerium beschlossen, wegen der anhaltenden Corona-Pandemie Betriebspraktika an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen bis zum Beginn der Osterferien am 1. April 2021 auzusetzen. Aber: "Begründete Einzelfallentscheidungen anderer Art sind bei Zustimmung aller Beteiligten unter Einhaltung der geltenden Hygienepläne möglich." Besuche durch Lehrkräfte dürften allerdings nicht stattfinden.

IHK: Berufliche Orientierung darf nicht einschlafen

Online-Praktika könnten klassische Betriebspraktika nicht ersetzen, bemängelt Benedikt Porzelt, zuständig für die berufliche Orientierung beim Hessischen Industrie- und Handelskammertag (HIHK): "Wenn man wirklich in den Betrieb reingeht, die Atmosphäre dort mitbekommt, diese Erfahrungen gibt es nicht im Homeoffice."

Dennoch sei es wichtig, dass Betriebe auch während der Corona-Pandemie Angebote für Schülerpraktikanten aller Schulformen machten: "Unter den jetzigen Voraussetzungen ist wichtig, dass irgendetwas stattfindet. Berufliche Orientierung darf nicht einschlafen", sagte Porzelt.

Zahl der Ausbildungsplätze geht zurück

Die Zahl der Ausbildungsplätze geht laut Porzelt zurück: "Das ist dramatisch. Denn der Fachkräftemangel wird sich in Zukunft verstärken. Und wenn wir jetzt Jugendliche haben, die wegen Verunsicherung nicht in das Berufsleben starten, dann werden Kräfte auf dem Arbeitsmarkt fehlen." Die Ausbildungsplätze seien auch zurückgegangen, weil bei den Unternehmen weniger Bewerbungen eingegangen seien.

Die hessischen IHKs ermuntern Betriebe zu prüfen, welche Angebote sie Schülern machen können: "Das kann ein virtueller Betriebsbesuch sein oder Auszubildende, die von ihrer Arbeit berichten. Das kann jedes Unternehmen umsetzen", so Porzelt.

Die Grafik zeigt die Zahl der hessischen Aussbildungsplätze im Vergleich der letzten beiden Ausbildungsjahre. Im Vergleich zu 2018/2019 ist die Zahl der Ausbildungsplätze in 2019/2020 um 8,4% gesunken - auf 30.982 (gerundet).

Schulen müssen flexibel bleiben

An der Helmholtzschule in Frankfurt wollen die Verantwortlichen flexibel mit den Folgen der Corona-Krise umgehen: "In die Zukunft können wir alle nicht schauen", sagt die Praktikumsbeauftragte Yvonne Engelmann. "Selbst wenn wir im Herbst keine Praktika machen können, sind wir soweit gerüstet, dass wir andere Möglichkeiten anbieten. Wir haben viel Vorbereitungszeit."

Jan Keweloh will sein Praktikum im Herbst auf jeden Fall nachholen. Die Zusage der Schreinerei dafür hat er schon.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 22.01.2021, 16.45 Uhr