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Stadt oder Land, Auto oder öffentliche Verkehrsmittel? Fünf Pendler berichten hier von ihrem Alltag. Psychologen erklären, was genau Menschen beim Pendeln stresst - und was nicht.

Zwei Wochen lang hat der hr mehrere Pendler bei ihrer Fahrt zur Arbeit begleitet, hat sie mit Tracking-Geräten ausgestattet und ihre Pulsfrequenz gemessen. Wann geht ihr Puls hoch? Und was stresst sie selbst am meisten? Bezieht man die Einschätzungen von Psychologen ein, sind das die wichtigsten Ergebnisse:

  • Wer länger pendelt, hat öfter gesundheitliche Beschwerden.
  • Die Motivation, warum man pendelt, ist ausschlaggebend für das Stresslevel.
  • Eine Abgrenzung von Arbeit und Freizeit ist bei Pendlern besonders wichtig.

1. Verkehrsmittel: ÖPNV

Tom Klein
Tom Klein, Bahnpendler Bild © hr

Um zur Arbeit zu kommen, fährt hr-Mitarbeiter Tom Klein mit dem öffentlichen Nahverkehr - und muss dreimal umsteigen. Erst steigt er in den Bus, dann in den Zug und später nochmal in die U-Bahn. 140 Minuten ist er so täglich unterwegs - wenn alles glatt läuft. "Das Pendeln nervt schon häufig", sagt er. Verspätungen und laute Mitreisende machen die Bahnfahrt für ihn oft zur Tortur. Das wirkt sich auch auf seinen Puls aus.

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Pendler sind häufiger krank und erschöpft

Doch auch den psychischen Stress bekommt Tom Klein zu spüren. "Immer die Frage: Schaffe ich es rechtzeitig zum Anschluss? Das finde ich ganz besonders schlimm", sagt er.

Viele Studien weisen darauf hin, dass Pendler häufig erschöpfter sind und mehr körperliche Beschwerden haben. "Beschäftigte sind umso unzufriedener mit ihrer Work-Life-Balance, je mehr Zeit das tägliche Pendeln in Anspruch nimmt", sagt Anne Marit Wöhrmann, Psychologin bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

Bei ÖPNV-Nutzern sorgen nach ihrer Einschätzung vor allem die unerwarteten Momente für Stress: Wenn die Bahn Verspätung hat, der Zug voll ist oder die klimatischen Verhältnisse nicht gut sind. "Anders als beim Auto kann ich aber versuchen abzuschalten und mich abzulenken", sagt Wöhrmann.

"Durchs Pendeln verliere ich viel Zeit"

Maria Pfeiffer nutzt nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern gleich mehrere. 30 Kilometer trennen ihren Wohnort Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) von ihrer Arbeitsstelle in Frankfurt. Knapp zwei Stunden ist sie täglich unterwegs. Von Babenhausen fährt sie zunächst 30 Minuten mit dem Auto zum Bahnhof Rodgau-Dudenhofen (Offenbach). Anschließend steigt sie in die S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof um. Vor allem der Umstieg sorgt bei ihr für einen hohen Puls.

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Freizeit darf unter Pendel-Stress nicht leiden

Für drei Tage hat sich Maria Pfeiffer in ein Hotel in Frankfurt einquartiert, um zu sehen, ob sich ihr Stressempfinden verändert. Ihr Weg zur Arbeit beträgt nun 30 statt 120 Minuten. "Die Teilhabe am Leben ist eher möglich", erzählt sie später. Fast zwei Stunden habe sie täglich dazugewonnen, könne abends entspannt auch mal noch etwas essen oder trinken gehen.

Und genau da liegt nach Expertenmeinung auch das Problem. Schwierig werde es insbesondere, wenn die Freizeit unter dem Pendeln leide. "Wenn das soziale Netz aufgrund des Pendelns zu bröckeln droht, sollte man Alarm schlagen", sagt Thomas Rigotti, Arbeitspsychologe an der Universität Mainz. Denn vor allem Wegstrecken ab 50 Minuten pro Fahrt seien oft sehr belastend. "Eine klare Grenzziehung zwischen Arbeit und Freizeit ist für Pendler sehr wichtig", so der Psychologe.

2. Verkehrsmittel: Fahrrad

Mario Dauber
Mario Dauber, Fahrradpendler Bild © Mario Dauber

Am längsten unter den hr-Vergleichspendler ist Mario Dauber aus Bad Endbach unterwegs. Drei bis vier Stunden nimmt er täglich in Kauf für den Weg zur Arbeit und zurück. Und das, obwohl er nicht mal den weitesten Weg hat. 38 Kilometer trennen seinen Wohnort Bad Endbach (Marburg-Biedenkopf) von seinem Arbeitsplatz in Gießen. Er legt sie mit dem Fahrrad zurück - Mario Dauber fährt jeden Tag fast 80 Kilometer. Im Jahr legt er so rund 15.000 Kilometer zurück. Sein Puls ist dabei aber recht konstant.

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Motivation ist entscheidend

Mario Dauber lebt gerne auf dem Land. Das Pendeln macht ihm kaum etwas aus. "Ich rege mich bei der Fahrt wenig auf", erzählt er. Außerdem sei das Fahrradfahren schlichtweg günstiger. Um die 300 Euro spare er monatlich dadurch, dass er nicht mit dem Auto fahre.

Die wichtigste Frage ist laut Experten immer: Warum pendele ich? Habe ich mich selbst für das Pendeln entschieden oder muss ich mangels Jobalternativen oder zu hoher Wohnkosten lange Strecken zurücklegen? "Wenn ich mich selbst für die Konstellation entschieden habe, bin ich viel zufriedener, als wenn ich eigentlich gar nicht pendeln möchte", sagt Thomas Rigotti.

"Ich bin gerne selbstbestimmt unterwegs"

Peter Sauer
Peter Sauer, Fahrradpendler Bild © hr

Peter Sauer hat den kürzesten Weg zur Arbeit. Von Frankfurts Ostend ins Westend muss er sechs Kilometer zurücklegen. Mit dem Fahrrad ist er täglich 60 Minuten unterwegs. Er gönnt sich wechselnde Strecken, manchmal fährt er Umwege. Die äußeren Einflüsse seien bei ihm nicht so stark wie beim Auto- oder Bahnfahren. "Dadurch bin ich relativ entspannt und selten gestresst", sagt Peter Sauer.

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"Am besten schneidet ohne Frage das Fahrrad ab", sagt Thomas Rigotti von der Universität Mainz. Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren biete viele Vorteile. Es sei die umweltfreundlichste Fortbewegungsart, zudem gesund. "Eine große Studie in Großbritannien zeigte, dass Fahrradpendler ein deutlich verringertes Krebsrisiko aufwiesen", berichtet Rigotti. Idealerweise gebe es bei der Arbeit eine Möglichkeit, sich umzuziehen oder vielleicht sogar zu duschen.

3. Verkehrsmittel: Auto

40 Kilometer hin, 40 Kilometer zurück: Jeden Tag pendelt Martin Ammeling rund eineinhalb Stunden mit dem Auto zwischen Mainz und dem Hessischen Rundfunk in Frankfurt. "Das Pendeln mit dem Auto stresst mich schon. Vor allem Stau nervt mich immer", sagt er. Und der kommt auf der Strecke häufiger vor.

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"Im eigenen Auto wird mehr Kontrolle erlebt als in Bus und Bahn", sagt Thomas Rigotti. Dennoch werde von Pendlern, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, häufig über viel Stress und eine schlechtere Gesundheit berichtet. "Die Zeit im Auto kann weniger sinnvoll genutzt werden", so der Psychologe.

Leidet die Gesundheit unter dem Pendelstress?

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat eine Studie mit 20.000 Beschäftigten durchgeführt. Das Ergebnis: Mit längerer Wegzeit nehmen gesundheitliche Beschwerden zu. Dazu zählen Müdigkeit, Erschöpfung und Reizbarkeit.

Viele Pendler leiden außerdem unter Kopfschmerzen, Magenproblemen oder Rückenschmerzen. "Wenn man merkt, dass man Beschwerden hat, sollte man die Situation ändern", sagt Anne Marit Wöhrmann, Psychologin von der BAuA. Frauen leiden nach Einschätzungen mehr unter den Folgen vom langen Pendeln.

Was kann man gegen den Stress tun?

Belastungen durchs Pendeln können bei selbstbestimmten Arbeitszeiten abgemildert werden. "Wer durch eine Gleitzeitregelung seinen Arbeitsbeginn selbst festlegen kann, kann Hauptverkehrszeiten umgehen und bei Stau oder verspäteten Zügen entspannter bleiben", sagt Wöhrmann.

Auch eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber, bei der der Arbeitsweg als Arbeitszeit berechnet wird, könne helfen. Vor allem dabei, die zeitliche Zusatzbelastung durch das Pendeln zu reduzieren. Diese gebe es allerdings nur recht selten. "Wichtig ist, dass man nicht an die Arbeit oder Konflikte am Arbeitsplatz denkt, sondern abschaltet", sagt Wöhrmann. Dazu müsse jeder seinen eigenen Weg finden: ein Buch lesen, Musik hören, meditieren oder im Auto eine Sprache lernen.

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