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Audioseite Danni-Klimacamp beginnt: Workshops, Widerstand und Wir-Gefühl

Zelte auf einer Wiese

Mehrere Monate nach der Rodung der A49-Trasse werden ab Freitag trotz Lockdowns einige hundert Klimaschützer zurück im Dannenröder Wald erwartet. Auf einem zehntägigen Camp geht es um Workshops, Widerstand und Wir-Gefühl. In der Region finden das längst nicht alle gut.

Gutes Campingwetter sieht anders aus: nasskalter Schneeregen, wenige Grad über null. Auf der matschigen Wiese am Rand des Dannenröder Waldes (Vogelsberg) versammeln sich rund 40 Personen in einem großen Kreis. Aktivistin Maja steht vor einer Pinnwand und verteilt die letzten Aufgaben an die Freiwilligen: Feuerstellen vorbereiten, Leihräder zum Bahnhof bringen, Müll entsorgen.

A49-Gegnerinnen und -Gegner halten an diesem Ort weiterhin ihren Protest aufrecht, organisieren kleinere Kundgebungen und geführte Waldspaziergänge. Dort, wo noch ein Bauwagen sowie ein paar Zelte und Plakate an den erbitterten Widerstand gegen den Autobahn-Lückenschluss zwischen Gießen und Kassel Ende vergangenen Jahres erinnern, soll es ab Freitag noch einmal voll werden. Das Aktionsbündnis "Wald statt Asphalt" lädt bis zum 19. April zu einem Klimacamp ein. Laut Orga-Team werden pro Tag rund 300 Menschen bei der zehntägigen Veranstaltung erwartet. Wer will, kann im eigenen Zelt übernachten.

"Wir geben den Kampf nicht einfach auf"

Die nebenan entlangführende Trasse für die A49 ist inzwischen längst von Baumhäusern geräumt, die umkämpften Bäume sind gefällt, bald werden wohl die ersten Baumaschinen im Wald loslegen. Aktivistinnen wie Maja geben sich dennoch weiter angriffslustig. "Wir geben den Kampf für die Mobilitätswende ja nicht einfach auf, nur weil jetzt der Wald abgeholzt ist", sagt sie. Man wolle mit dem Camp weiter gegen den A49-Ausbau protestieren und ein grundsätzliches Zeichen für eine Verkehrswende setzen.

Junge Frau mit Maske vor Zelten

Eine Besucherin, die sich "Asterix" nennt, erzählt, dass sie bereits im Herbst eine Zeit lang bei der Baumbesetzung dabei gewesen sei. Zwischendurch sei sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt und habe ein paar Monate "halbherzig weiterstudiert". Jetzt sei sie wieder hier, "um in Erinnerungen an die Waldbesetzung zu schwelgen", wie sie sagt. "Mir hat die Zeit im Wald einfach gezeigt, dass alternative Formen von Leben möglich sind, was solidarisches Zusammenleben angeht." Das erhofft sie sich nun auch von den nächsten Tagen im Camp.

Kompost, Klettern, Kinderprogramm

Dass die Veranstaltung mitten in der Pandemie überhaupt stattfinden darf, liegt daran, dass sie als politische Versammlung gilt. Das Organisationsteam betont, man habe ein strenges Hygienekonzept erarbeitet, das zum Beispiel durchgängige Maskenpflicht und Schnelltests vor oder bei der Ankunft beinhalte.

In Workshops und Vorträgen soll es um ökologische und soziale Themen gehen, etwa zu Tierindustrie, globaler Gerechtigkeit oder einer autofreien Zukunft. Auch konkrete Techniken und Methoden aus der Waldbesetzerszene stehen auf dem Plan, etwa Klettern oder Umgang mit der Presse. Doch nicht alles wirkt so hochpolitisch: Es soll auch ein Kinderprogramm geben, Gruppenmeditationen oder Kompost-Workshops für WGs.

Einen Vortrag gibt es auch zur aktuell laufenden Baumbesetzung in der sogenannten Grünen Lunge im Frankfurter Günthersburgpark. Camp-Teilnehmer*in Qualle, nach eigenen Angaben ohne klares Geschlechtspronomen, berichtet: Man sei eng miteinander in Kontakt, manche Leute seien auch an beiden Orten aktiv. "Wir sind ja eine Bewegung", sagt Qualle.

Einem Anwohner "steht es bis hier"

In der Region stößt die Veranstaltung jedoch auf gemischte Gefühle. Die monatelange Waldbesetzung und der gigantische Polizeieinsatz haben ihre Spuren im kleinen Dannenrod, einem Ortsteil von Homberg (Ohm) hinterlassen. Ein Anwohner, dessen Hof direkt an das Camp-Gelände grenzt, hat sein Grundstück inzwischen komplett mit Warnschildern plakatiert. "Betreten verboten" und "Achtung Videoüberwachung" prangt an jeder Ecke. Wer sich dem Hof nähert, wird sofort von einem Wachhund an einer langen Kette angebellt.

Warnschilder vor einer Wiese

Der Hofbesitzer will kein Interview geben, ruft aber einige aufgebrachte Sätze von seiner Haustür rüber zum Gehweg. "Mir steht es bis hier!" Ständig würden Menschen unerlaubt sein Grundstück betreten, er könne nicht fassen, dass dieses Camp nun von der Versammlungsfreiheit gedeckt sein soll. Auch für die Presse habe er nicht viel übrig. "Wenn mich hier wieder jemand belästigt, hole ich sofort die Polizei", sagt er noch, bevor er die Tür wieder schnell hinter sich zumacht.

Dannenröderin lässt A49-Gegner bei sich duschen

Ein paar Häuser weiter hört man dagegen ganz andere Töne. "Ich habe nichts dagegen, wenn sie sich benehmen und im Ort eingliedern", sagt eine ältere Dame über das Camp. Sie will ebenfalls anonym bleiben. Sie habe in den vergangenen Monaten gute Erfahrungen mit den A49-Gegnerinnen und -Gegnern gemacht und sogar immer wieder einige bei sich duschen lassen.

Sie wisse, dass es im Ort durchaus andere Meinungen dazu gebe, doch der größte Teil der Menschen in Dannenrod sei gegen die Autobahn. "Wer das genehmigt hat, so einen Wald zu roden - das kann man nicht verstehen", sagt sie.

Bürgermeisterin sieht Camp "äußerst bedenklich"

Über die Genehmigung habe es "nicht viel zu diskutieren" gegeben, sagt die Homberger Bürgermeisterin Claudia Blum (SPD) und verweist auf die monatelangen gerichtlichen Streitigkeiten, die es bereits um vorherige Protest-Versammlungen gegen den A49-Ausbau gegeben hatte.

Laut Gerichtsentscheid falle demnach auch Zelten unter das Versammlungsrecht, so Blum. Die Stadt habe das Klimacamp deshalb unter strengen Hygieneauflagen genehmigen müssen. "Ich persönlich halte das für äußerst bedenklich in Pandemiezeiten, und wir haben auch von Seiten der Verwaltung darauf hingewiesen, dass der Veranstalter das Risiko trägt."

"Eine Riesenbelastung für die dörfliche Gemeinschaft"

Aktuell gäbe es noch einen Konflikt um die Wasserversorgung des Camps, berichtet die Rathauschefin. Die Stadt sei vom Organisationsteam gebeten worden, einen Trinkwasserzugang zur Verfügung zu stellen. Das habe man jedoch abgelehnt. "Das haben wir auch bei vergangenen Veranstaltungen nie gemacht, und das ist auch nicht unsere Pflicht", so Blum. Es gäbe schließlich auch die Möglichkeit, das Camp etwa über mobile Wassertanks zu versorgen.

"Grundsätzlich finde ich die Idee des Camps gut und begrüße, dass junge Menschen sich nun mehr für den Klimaschutz einsetzen", sagt Blum. Es wäre ihrer Meinung nach jedoch besser, wenn dieser Widerstand komme, bevor ein Planfeststellungsverfahren schon abgeschlossen wurde. "Die monatelangen Aktivitäten in Dannenrod habe ich von Anfang an kritisch gesehen, weil es ein kleiner Ort ist, in den dann so viele Menschen kommen." Auch das jetzige Camp sei für die dörfliche Gemeinschaft eine Riesenbelastung, so Blum. "Aber vielleicht kommen ja wegen des Wetters auch gar nicht so viele."