Odenwaldschule
Gedenkstein an der mittlerweile geschlossenen Odenwaldschule in Heppenheim. Bild © picture-alliance/dpa

An der Odenwaldschule sind bis zu 900 und damit deutlich mehr Schülerinnen und Schüler sexuell missbraucht worden als bisher angenommen. Sozialminister Klose bat die Opfer um Verzeihung.

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Die Zahl der Opfer von Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule muss nach Ergebnissen zweier neuer Studien deutlich nach oben korrigiert werden. "Die Anzahl dürfte sich danach wahrscheinlich im mittleren, möglicherweise sogar im höheren dreistelligen Bereich bewegen", sagte Jens Brachmann von der Universität Rostock am Freitag in Wiesbaden. Bisher war man von 132 Fällen ausgegangen. Heute wisse man, dass es etwa 500 bis 900 Opfer gebe, sagte Brachmann.

"Die dort über Jahrzehnte praktizierte sexuelle und emotionale Ausbeutung von Schülerinnen und Schülern lässt keine andere Diagnose zu als die eines manipulativen, selbstherrlichen und schäbigen pädagogischen Systems, in dem alle Kinder und Jugendlichen massiven Entwicklungsrisiken ausgesetzt wurden", sagte Florian Straus vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP).

Mehr als zwei Dutzend Täter

Die ausgewerteten Aktenmaterialien und Sekundärdaten ließen außerdem Rückschlüsse auf mehr als zwei Dutzend Täter alleine unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule zu, sagte Brachmann. Anders als vermutet, seien die Täter an dem Eliteinternat auch nicht ausnahmslos Männer gewesen, die Materialien ließen Rückschlüsse auf mindestens fünf pädagogische Mitarbeiterinnen zu.

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Gebäude der ehemaligen Odenwaldschule in Heppenheim

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Vom einstigen Leuchtturm der Reformpädagogik blieb nichts übrig

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Sozialministerium will Skandal weiter aufarbeiten

Nach Einschätzungen der Wissenschaftler scheiterte die Aufarbeitung der Vorfälle an dem Eliteinternat. Sowohl der Kultus- als auch der Sozialbereich hätten versagt. "Für dieses Versagen der staatlichen Stellen bitte ich alle, denen auch deshalb Leid widerfahren ist, als heute verantwortlicher Minister um Verzeihung", sagte Sozialminister Kai Klose (Grüne) während der Vorstellung.

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Die Münchener Studie

Das Buch der IPP-Forscher ist im Springer Verlag Wiesbaden erschienen unter dem Titel "Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive". Herausgegeben haben es Heiner Keupp und andere. Die 410 Seiten kosten 44,99 Euro.

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Die Vorstellung der Studie sei keineswegs ein Schlusspunkt, vielmehr der Beginn der Auseinandersetzung mit den Studienergebnissen. "Wir wollen und werden das Thema weiter be- und verarbeiten", sagte Klose.

Die Studien der Universität Rostock und des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP) waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Zusammenschluss der Betroffenen, dem Verein Glasbrechen, in Auftrag gegeben und vom Sozialministerium mitfinanziert worden. An dem Internat sind zwischen 1966 und 1989 hunderte Schüler sexuell missbraucht worden. Die Odenwaldschule wurde 2015 geschlossen.

Verein Glasbrechen: kein Grund zur Erleichterung

"Die haben noch Täterinnen und Täter entdeckt, von denen wir nichts wussten", sagte Adrian Koerfer, Gründungsvorsitzender von Glasbrechen und selbst Opfer von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule. Grund zur Erleichterung gebe es nicht. "Dafür ist die unfassbare Zahl der Opfer, 500 bis 900 laut einer der beiden Studien, zu hoch. Die Zahl der Taten und Täter und Täterinnen ebenso", sagte Koerfer.

Mit der Veröffentlichung der Studie seien die Vorgänge am Internat nun amtlich, sagte Landtagsmitglied Marcus Bocklet als Berichterstatter der Petition einer ehemaligen Odenwaldschülerin. Was nicht geglaubt und auch vertuscht werden sollte, müsse eine Lehre sein und dürfe sich nicht wiederholen. "Ein breites System von Personen und Institutionen sind ihrem Schutzauftrag von Kindern nicht nachgekommen, auch Ämter haben versagt", sagte Bocklet.