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Zwei vermeintlich widersprüchliche Verkehsprojekte

Zwischen Frankfurt und Mannheim stehen zwei Großprojekte an. A5 und A67 werden breiter, direkt nebenan entsteht die als Vorzeige-Projekt der Verkehrswende gefeierte ICE-Trasse. Umweltschützer können es nicht fassen.

Noch ist kein einziger Bagger angerückt, doch schon jetzt sind alle ganz stolz auf die ICE-Trasse zwischen Frankfurt und Mannheim. Sowohl die hessische als auch die baden-württembergische Landesregierung werden nicht müde zu betonen, welch große Bedeutung das vom Bundestag beschlossene Projekt für die anvisierte Verkehrswende habe. Auch die Bahn stapelt nicht gerade tief: Die deutschen Klimaziele seien nun einmal nur mit einer starken Schiene und dem Bau neuer Strecken zu erreichen.

Daran wäre auch gar nichts auszusetzen, wäre da nicht ein anderes Verkehrsprojekt, das auch vom Bund abgesegnet ist. Denn nur einen Steinwurf von der geplanten Bahnstrecke verläuft als asphaltierte Antithese zur Verkehrswende die Autobahn. Eine Parallelwelt und das auch noch im Doppelpack mit A5 und A67. Auch hier werden bald die Bagger anrollen. Denn die bundeseigene Autobahn GmbH hält unter der neuen Regierung an den alten Plänen zum Ausbau der beiden Verkehrsadern fest.

Autobahnen sollen verbreitert werden

So sollen die A67 zwischen dem Mönchhofdreieck und Lorsch sowie die A5 zwischen dem Kreuz Darmstadt und Seeheim-Jugenheim jeweils von vier auf sechs Spuren ausgebaut werden, wie die Autobahn GmbH dem hr bestätigte. Wann es los geht, steht noch nicht fest, die Planer stufen den Ausbau jedoch als "vordringlich" ein. Zusätzlich laufe derzeit eine Machbarkeitsstudie für einen Ausbau der A5 nördlich von Frankfurt bis nach Friedberg von derzeit sechs auf bis zu zehn Spuren.

Zwei Verkehrsprojekte, die so dicht beieinander liegen, gegensätzlicher aber nicht sein könnten. Während das eine - der Bau der ICE-Strecke - darauf abzielt, Menschen von der Straße auf die Schiene zu bringen, will das andere – die Verbreiterung der Autobahnen – dafür sorgen, dass noch mehr Menschen weiter möglichst ungehindert mit dem Auto reisen können. Fördert die Politik nun die Verkehrswende? Oder doch nicht? Oder nur ein bisschen?

Fast parallel zur geplanten ICE-Strecke wird auch die Autobahn ausgebaut.

Verkehrswende - oder doch nicht?

Manch eine fragt sich: Was soll der Quatsch? Karla Wiegmann von der Klimaschutzbewegung Fridays for Future gehört zu ihnen. Um Menschen wirklich dazu zu bringen, das Auto stehen zu lassen, brauche es eine "konsequente Neuausrichtung der Mobilität", erklärt die Aktivistin. Nicht zuletzt deswegen fordert Fridays for Future einen sofortigen Stopp aller Neu- und Umbauprojekte von Autobahnen und Bundesstraßen. Nur so würden Autofahrer auch tatsächlich sukzessive gezwungen, auf andere Fortbewegungsmittel umzusteigen.

Statt weiter Geld in die Infrastruktur des Autoverkehrs zu stecken, solle die Politik lieber den Schienen- und Nahverkehr ausbauen und Zugtickets subventionieren. "Solange Autofahren billiger ist als die Bahn ändert sich nichts."

Neben der Verhinderung oder zumindest Verzögerung der Verkehrswende hätten Autobahn-Bauprojekte auch ganz unmittelbare Auswirkungen auf die Umwelt. "Es kann nicht sein, dass im Jahr 2022 immer noch Moore und große Flächen Wald zerstört werden", sagt Wiegmann. Zum Vergleich: Für den geplanten Ausbau von A5 und A67 müssen auf einer Länge von 50 Kilometern rund 300 Hektar Wald gerodet werden. Das ist mehr als zehnmal so viel, wie zuletzt im Dannenröder Forst beim hart umkämpften Ausbau der A49.

Autobahngesellschaft will Sicherheit gewährleisten

Die Autobahn GmbH geht in ihrer Begründung, warum sie an den teilweise schon Jahrzehnte alten Ausbauplänen festhält, mit keinem Wort auf die Themen Verkehrswende oder Umweltschutz ein. Das Unternehmen orientiert sich streng an den Zahlen, und die seien eindeutig. Bald seien bis zu 100.000 Fahrzeuge am Tag auf den einzelnen Streckenabschnitten unterwegs, teilte die Autobahngesellschaft dem hr mit. Dafür sei eine derzeit in beide Richtungen zweispurige Autobahn nun einmal nicht ausgelegt. Um die Sicherheit der Autofahrer auch in Zukunft gewährleisten zu können, müsse ausgebaut werden.

Für Wiegmann ist das nur vorgeschoben: "Die Sicherheit von Autofahrern ist nicht dadurch gefährdet, dass wir zu wenig Autobahnspuren haben, sondern dass unser Verkehr komplett auf das Auto zentriert ist." Ziel müsse es sein, nicht die Zahl der Straßen zu erhöhen, sondern die der Autos zu verringern.

Sicherheit und/oder Umwelt

Sicherheit auf der einen, Umweltschutz auf der anderen Seite – für Jürgen K. Wilke vom Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der Technischen Universität in Darmstadt sind beides starke und wichtige Argumente. "Ein wichtiges Ziel bei der Verkehrsplanung ist die Sicherheit, die müssen wir auf jeden Fall gewährleisten", erklärt der Diplom-Ingenieur im Gespräch mit dem hr. Ein anderes großes Ziel sei "die Verkehrsverlagerung hin zu klimafreundlicher Fortbewegung". Um diesen Zielkonflikt zu lösen, seien aufwendige Abwägungsprozesse notwendig.

Mit pauschalen Forderungen, wie etwa dem sofortigen Stopp aller Autobahnprojekte, tut sich Wilke schwer, auch wenn er das Ziel dahinter – Stärkung alternativer Fortbewegung – begrüßt. "Ad hoc lässt sich die Verkehrssituation so aber nicht verbessern. Obwohl die Verkehrswende das große Ziel ist, heißt das nicht, dass Straßen nicht mehr ausgebaut werden dürfen."

Drei Schritte zur Verkehrswende

Wilke teilt den Weg zur Verkehrswende grob in drei Bereiche ein. Der erste zentrale Baustein sei die Reduzierung des Verkehrs in jeglicher Form. Hier können zum Beispiel der Ausbau der Heimarbeit oder andere "weiche Maßnahmen" hilfreich sein. Dann gelte es, so viel Verkehr wie möglich auf klimafreundliche Fortbewegungsmittel zu verlagern, wie etwa die Bahn oder das Fahrrad. Dabei müssten nachhaltige Verkehrsmittel gefördert werden. Die Attraktivität zur Nutzung des Autos könne durch zusätzliche Maßnahmen reduziert werden.

Im dritten Schritt müsse der dann noch verbliebene Autoverkehr möglichst umweltfreundlich abgewickelt werden, hierbei spiele unter anderem das E-Auto eine Rolle. "Über all diesen Prozessen steht aber auch die Sicherheit als ein wesentlicher Aspekt."

Was heißt das für den Streckenabschnitt zwischen Frankfurt und Mannheim? Ist die Politik vielleicht doch nicht so orientierungslos, wie man vermuten könnte? Tatsächlich stehen der Bau der ICE-Trasse und der Ausbau der beiden Autobahnen in Wilkes Augen nicht wirklich im Widerspruch. Sollten aufgrund der hohen Verkehrsmenge Sicherheitsbedenken für die Autofahrenden auf A5 und A67 bestehen, stelle auch ein Ausbau eine möglichhe Maßnahme dar. Parallel müssten aber Maßnahmen ergriffen werden, um die Klimaneutralität sicherzustellen.

Vielleicht entspannt sich die Situation auf den Autobahnen ja tatsächlich, wenn dann irgendwann nach 2030 einmal Schnellzüge die Menschen in weniger als einer halben Stunde von Mannheim nach Frankfurt bringen. Dann wäre ein weiterer Ausbau eventuell überflüssig.