Der A49-Trasse im Dannenröder Forst stehen kaum noch Bäume im Weg. Räumung und Abholzung klingen mit den Tönen eines Starpianisten aus: An der Schneise spielte Igor Levit "Danny Boy" für die Ausbaugegner.

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Pianist Igor Levit spielt ein Konzert im Dannenröder Forst
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Weniger als hundert Meter noch, dann ist die Trasse durch den Wald geschlagen. Doch die Gegner des A49-Ausbaus geben auch an diesem Freitag noch nicht auf. Diesmal wird dabei ein ganz neuer Ton angeschlagen: Während ein Großaufgebot der Polizei den Rodungsbereich absperrt und die Ausbaugegner ihnen ihre Parolen entgegenrufen, untermalt Klaviermusik auf höchstem Niveau die Konfrontation.

Aus achtzehn Lautsprechern schallte es zu den letzten verbliebenen Baumhäusern. Die Musik kam ebenfalls aus dem Wald, live gespielt von Igor Levit. Ein surreal anmutender, kurzer Auftritt: Auf einem kleinen Podest, direkt an der gerodeten Schneise, saß der Starpianist an seinem Klavier. Der Zaun mit Stacheldraht um die kahle Fläche war nur wenige Meter entfernt. Polizeiwagen, Baufahrzeuge und ein Krankenwagen fuhren auf der Trasse entlang, während Levit spielte.

Mit seinem Auftritt wollte er ein Zeichen für den Umwelt- und Klimaschutz setzen. "Dieser Wald ist Symbolbild für so vieles, das sich ändern muss", schrieb Levit vorab auf Twitter. Es sei eine "traurige Freude", dort zu spielen.

"Danny Boy" für "Danni"-Aktivisten

Mit dem Song "Danny Boy", einem alten irischen Volkslied, wolle er auch den Aktivisten danken, sagte Levit. "Ihr habt eine Situation nicht nur wachgehalten, ihr habt sie mit neuem Leben gefüllt." Levit gab sein Konzert auf Einladung von Greenpeace und "Fridays for Future". Er engagiert sich neben dem Klimaschutz auch für andere gesellschaftliche Themen, im Oktober erst wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Auch für den Grammy ist der Pianist, der aus Russland stammt und heute in Berlin lebt, nominiert.

Das Klavier, an dem Levit spielte, musste einen Teil des Weges in den Wald getragen werden. Denn der Boden ist mittlerweile so aufgeweicht und matschig, dass ein Transport mit dem Auto nicht über die gesamte Strecke möglich war.

Neubauer: "Ganz großartige Wertschätzung"

Mit Levit war die Klimaaktivistin Luisa Neubauer angereist. Für sie sei die Aktion eine "ganz großartige Wertschätzung an die Aktivistinnen und Aktivisten, die diesen Widerstand zu dem gemacht haben, was er ist." Die Auseinandersetzung um das Waldstück werde "schnell reduziert auf irgendeinen Konflikt zwischen Aktivisten und Polizei", sagte Neubauer. Aber es sei der Versuch, Ökosysteme und Lebensgrundlagen zu verteidigen.

Rodung geht in finale Phase

Wegen dieses Zieles hat sich der Protest laut Neubauer auch dann gelohnt, wenn er erfolglos bleibt. Denn nach knapp vier Wochen neigen sich die Räumungs- und Rodungsarbeiten in dem Waldstück dem Ende zu. Die Polizei rechnet damit, dass sie in der kommenden Woche abgeschlossen werden können.

Die Einsatzkräfte haben die Baumhäuser im letzten verbliebenen Camp nach eigenen Angaben am Donnerstag geräumt. Einzelne "Gebilde" und mehrere Menschen befänden sich aber noch in den Bäumen, hieß es am Freitag.

Die Gegner des A49-Ausbaus hatten das Waldgebiet vor mehr als einem Jahr besetzt und zahlreiche Baumhäuser und Barrikaden errichtet, die in den vergangenen Wochen von der Polizei schrittweise geräumt wurden. Dabei warfen sich beide Seiten immer wieder gegenseitig vor, gewalttätig geworden zu sein, auch Verletzte gab es. Die Polizei beklagte Angriffe mit Stöcken, Steinen, Flaschen und Pyrotechnik. Die Demonstranten warfen den Einsatzkräften wiederum vor, sie bei der Räumung zum Teil in lebensgefährliche Situationen gebracht zu haben.

Bessere Anbindung oder Katastrophe für Natur?

Die A49 soll Kassel und Gießen direkt miteinander verbinden. Umwelt- und Klimaschützer halten das Projekt angesichts der Klimakrise für verfehlt. Sie fordern eine Verkehrswende und befürchten katastrophale Folgen für die Natur. Die Befürworter erhoffen sich weniger Lärm- und Verkehrsbelastung in den Dörfern der Region, eine bessere Verkehrsanbindung und damit wirtschaftliche Impulse.