Pilot Omar El Manfalouty aus Egelsbach hilft Seenotrettern im Mittelmeer

"Ich habe Besseres zu tun, als Menschen beim Sterben zuzusehen", sagt Omar El Manfalouty. Seit Jahren unterstützt der Egelsbacher Pilot zivile Seenotretter - weil Staaten sich ihrer Verantwortung entzögen.

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Omar El Manfalouty
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Omar El Manfalouty sitzt am Flugplatz Egelsbach (Kreis Offenbach) und schaut durch einen Zaun auf die Flugzeuge auf dem Rollfeld. Schon als Kind wollte der heute 28-Jährige fliegen lernen. Nach seinem Studium machte er seinen Traum wahr. Seit zweieinhalb Jahren ist der Berufspilot auch für einen guten Zweck unterwegs: Als Mitglied der Initiative Humanitäre Piloten fliegt er mehrmals im Jahr über das zentrale Mittelmeer, um Menschen zu helfen, die in Seenot geraten sind.

Mit einer kleinen Crew, der auch Mitarbeiter der Organisation Sea Watch angehören, ist Omar El Manfalouty für die zivile Luftaufklärung zuständig. Sie melden Flüchtlingsboote in Not an staatliche Behörden und dokumentieren Rechtsverstöße auf hoher See. "Wir sind nicht direkt Seenotretter, aber das, was wir tun, ist unersetzlich dafür, dass Seenotrettung auf dem Wasser funktioniert", sagt er.

Missionen dieser Art dauern in der Regel etwa eine Woche. Die Arbeitstage sind lang: Beginn gegen 4 Uhr, Vorbereitungen treffen, sieben Stunden in der Luft, tanken, Flugzeugübergabe gegen 16 Uhr. Bezahlt wird für dieses Engagement niemand.

"Was wir machen, soll überflüssig werden"

Während die meisten Menschen im Urlaub Abstand nehmen zu ihrem Arbeitsalltag, verhält es sich bei Omar El Manfalouty eher umgekehrt. Seine Beschäftigung mit seiner Doktorarbeit in Alter Geschichte an der Frankfurter Goethe-Universität erlebt er als willkommene Ablenkung zu seinen Einsätzen über dem Mittelmeer: "Man braucht eine gute Trennung zwischen dem, was dort geschieht, und dem, was hier geschieht. Das ist der Schlüssel, um geistig gesund zu bleiben."

Dem sonst so beherrschten Piloten ist anzumerken, wie sehr es in ihm arbeitet, wenn er das sagt. Für ihn ist das, was er bei seinen Flügen erlebt, "Staatsversagen". Was er und seine Mitstreiter tun, müssten eigentlich Regierungen machen. Die Bundesregierung zum Beispiel oder die EU.

Gefragt nach einer konkreten politischen Forderung, sagt er: "Was wir machen, soll überflüssig werden. Ich habe Besseres mit meinem Urlaub zu tun, als mich in ein anderes Land zu setzen, von dort zu fliegen, mich zwölf Stunden in der Sonne braten zu lassen, nur um Menschen beim Sterben zuzusehen."

"Beitrag leisten, dass die Leute nicht vergessen werden"

Dann erzählt er von einem Fall, bei dem seine Crew eine Leiche auf einem gekenterten Schlauchboot entdeckt und gemeldet habe. Die Behörden hätten den Körper bergen müssen, sagt Omar El Manfalouty, doch das sei nicht geschehen. Aktivisten hätten dieselbe Leiche Wochen später erneut gesichtet. Der Frankfurter Doktorand hält das für eine Schande.

Immerhin: Das Beweis-Foto seiner Crew machte Schlagzeilen in den italienischen Medien, das Parlament habe das Thema aufgegriffen. "Selbst wenn wir nur noch eine Leiche finden und keine Rettung mehr organisieren können, dann haben wir zumindest einen Beitrag dazu geleistet, dass diese Leute nicht vergessen oder übersehen werden", sagt Omar El Manfalouty.

"Zahl der Toten zu reduzieren, folgt gesundem Menschenverstand"

Zivile Seenotrettung ist nicht erst seit dem Vorfall mit Carola Rackete umstritten. Im Juni 2019 steuerte die deutsche Kapitänin ihr Schiff mit Flüchtlingen an Bord gegen behördliche Anweisungen in einen Hafen auf der italienischen Insel Lampedusa. Dafür wurde sie festgenommen, später aber wieder freigelassen.

Das Argument, zivile Seenotrettung begünstige die Arbeit von Schlepperbanden, lässt Omar El Manfalouty nicht gelten. Den Schleppern sei es egal, ob die Menschen heil in Europa ankämen oder nicht. Außerdem hätten die vergangenen Monate der Corona-Krise gezeigt, dass die Menschen sich auch auf die Flucht begeben, wenn kaum Seenotretter unterwegs sind. "Es ist einfach gesunder Menschenverstand, dass wir alles in unserer Macht tun, um die Zahl derjenigen, die den Tod finden, zu reduzieren", sagt Omar El Manfalouty.

"Idee von Europa als Wertegemeinschaft hat sich erledigt"

Der Egelsbacher, der deutsche und ägyptische Wurzeln hat, ist nicht gegen Grenzen oder eine kontrollierte Einwanderungspolitik. Auch über die Verteilung von Flüchtlingen in Europa könne man kontrovers diskutieren, findet er: "Womit ich nicht leben kann, ist, wenn man Leute, statt sie an Land zu holen, im Meer sterben lässt. Dann hat sich die Idee von einem Europa als Wertegemeinschaft erledigt."

Als Omar El Manfalouty sein Engagement begann, hatte er eigentlich genug von Politik. Früher arbeitete er bei den Jusos in Südhessen mit - das zeigte ihm, wie langsam manches in der Politik vorangeht. Er wollte schnelle Ergebnisse, wirklich etwas bewirken. Er wollte etwas Humanitäres machen. Was die Seenotretter tun, sollte keine politische Dimension haben, findet er - in der aktuellen Lage habe es sie aber: "In einer vernünftigen Ordnung würden unseren Job Küstenwachen machen oder Marineoffiziere - Leute, die professionell ausgebildet sind. Wir füllen einfach nur die Lücke, die der Staat an dieser Stelle lässt."