Leyla Lacin steht in Kassel an der Grimm Welt

Sie kamen hier zur Welt oder leben seit Jahrzehnten in Deutschland: Doch ohne deutschen Pass sind viele Menschen in ständiger Angst, in eine ihnen völlig fremde "Heimat" geschickt zu werden. Aktuelle Schicksale aus Hessen.

Lelyla Lacin kam mit drei Jahren zusammen mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland - seitdem muss die kurdische Familie um eine Bleibeperspektive kämpfen. Und das in einem Land, das für Lacin ihre Heimat ist: Deutschland.

Lacin lebt mit ihrer schwerkranken Mutter seit zehn Jahren in Kassel und arbeitete zuletzt fünf Jahre in der ambulanten Pflege. Bis sie den Job aufgeben musste, weil sie weiter keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekommt, sondern nur "faktisch geduldet" ist. Die fehlenden Papiere führen zu einem Leben in Unsicherheit: Keine Arbeitserlaubnis, kein Führerschein, keine Krankenversicherung, die Abhängigkeit von Sozialleistungen und die ewige Sorge, irgendwann in die Türkei abgeschoben zu werden.

Leyla Lacin wuchs in Deutschland auf - hat aber seit 33 Jahren keine feste Bleibeperspektive

Lacin: "Immer in einer Art Ausnahmezustand"

Es sei eine permanente Belastung, sagt Lacin: "Ich will in Frieden und Freiheit unter dem deutschen Gesetz leben." Ihre Biographie könnte als mustergültige Integration gelten, stattdessen werde sie ständig zermürbt. Sie spüre jeden Tag, was diese Unsicherheit im Leben mit Menschen mache - "wie es auch die Seele schädigen kann, man überhaupt nicht mehr zuversichtlich selbstbestimmt in eine Zukunft blicken kann, in der man einfach ein freies Leben führt, sondern immer in einer Art Ausnahmezustand ist." Immer wieder stünden sie und ihre Mutter vor neuen bürokratischen Hürden.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber Georg Riester vom ambulanten Pflegedienst setzt sich dafür ein, dass Lacin weiter für ihn arbeiten kann. Sie sei hochengagiert, und es brauche gerade in der Pflege dringend Kräfte. Mit Lacin habe er eine erfahrene Mitarbeiterin verloren. "Ich kann es nicht verstehen", sagt er, "wir wurden gezwungen, sie zu kündigen." Sobald es eine Lösung gebe, würde er sie sofort wieder einstellen. Kolleginnen von Lacin kämpfen mit einer Petition für eine Bleibeperspektive für Leyla und ihre Mutter, damit sie endlich eine sichere Zukunft haben.

Geboren in Deutschland, trotzdem abgeschoben

Die Angst vor der Abschiebung ist auch für Menschen ein Thema, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Das zeigt etwa der Fall von Mutlu B. aus Wiesbaden. Er ist Anfang 30, hat eine kleine Tochter und arbeitete zuletzt als Koch. Mutlu B. begann mit Anfang 20 Straftaten. "Das bereue ich, die Strafe habe ich verbüßt", sagt er. Dass er keinen deutschen Pass besaß, war für ihn bis dahin kein Thema. Viele Kinder türkischer Eltern bekommen keinen deutschen Pass. Sechs Jahre lang drohte ihm die Abschiebung in die Türkei, ein Land dessen Sprache er nicht beherrscht.

Jetzt ist Mutlu B. abgeschoben worden: Am Montag setzten Polizisten ihn ein Flugzeug. "Mir wurden die Augen verbunden, die Hände an einen Bauchgurt gefesselt, ich habe immer noch blaue Flecken", erzählt er. Er habe Angst gehabt, es war der erste Flug in seinem Leben. Am Flughafen empfing ihn die türkische Polizei mit einem Schreiben - weil es auf Türkisch war, konnte Mutlu B. nichts verstehen. Es war die Benachrichtigung, dass er zum Wehrdienst in der türkischen Armee eingezogen wird - für 5 Jahre. "Ich habe Angst und weiß nicht weiter", sagt Mutlu B.. In Istanbul kennt er niemanden, die ersten Tage verbrachte er in einem Hotelzimmer.

Mutlu B. ist einer der aktuellen Fälle in Hessen, bei denen Inländer ohne Staatsbürgerschaft in die Türkei abgeschoben wurden. Dorothea Köhler ist Teil der Initiative "Community for all", die Menschen im Abschiebegfängnis in Darmstadt betreut, wo auch Mutlu B. einsaß. Sie sagt, es gebe immer wieder ähnliche Fälle. Am gleichen Tag wie Mutlu B. wurde auch der 22-jährige Ali A. abgeschoben, ebenfalls in Deutschland geboren.

Linke: "Gnadenlose Abschiebepolitik"

Die Initiative beobachte außerdem, dass insgesamt vermehrt Menschen abgeschoben würden, die kurz davor stünden, etwa als Flüchtlinge einen längeren Aufenthaltstitel zu bekommen, sagt Köhler. Manche haben Arbeit in Aussicht oder würden heiraten wollen - was eine feste Bleibeperspektive ermöglichen kann. Viele würden einen Pass besorgen, um heiraten zu dürfen - und werden dann abgeschoben. "Wir haben dann Anrufe von verzweifelten Ehefrauen", berichtet Köhler am Freitag auf einer Pressekonferenz der Fraktion der Linken im hessischen Landtag unter dem Titel "Gnadenlose Abschiebepolitik".

Für die integrationspolitische Sprecherin der Linken, Saadet Sönmez, zeigt sich in der Politik bei den aktuellen Fällen eine Doppelzüngigkeit: "Das sind eigentlich die Menschen, die in Sonntagsreden und Gedenkveranstaltungen als 'die Unseren' beschrieben werden", kritisiert sie. Die schwarz-grüne Landesregierung sei "meilenweit entfernt von einer humanen Abschiebepolitik".

Ausländerrecht sei Bundesrecht, aber die Landesregierung mache auch da, wo sie Spielraum hätte, keine Anstalten, sich für nachhaltige Integration einzusetzen und Menschen eine Bleibeperspektive zu geben. Dass Inländer ohne Staatsbürgerschaft wie Mutlu B. abgeschoben würden, obwohl sie ihre Strafe verbüßten, gleiche einer "doppelte Bestrafung", kritisiert Sönmez.

Dersim D.: "Wir sind enttäuscht von unserem Land"

Auch die Mutter von Dersim D. hatte ihre mehrjährige Haftstrafe längst verbüßt, bevor sie vor Kurzem nach 35 Jahren in Deutschland in die Türkei abgeschoben wurde. Dersim D. und seine vier Geschwister sind seitdem verzweifelt: "Wir sind fassungslos und sehr enttäuscht von unserem Land", sagt er am Freitag bei der Pressekonferenz der Linken. Einer seiner Brüder leide an einer geistigen Behinderung und sei auf die Hilfe der 60-jährigen Mutter angewiesen.

Ihre Mutter habe sie in Deutschland groß gezogen, die Kinder arbeiten als Informatiker, in der Pflege und als Lehrer. Nun sei seine Mutter in einer "Nacht- und Nebelaktion gefesselt und die Türkei gebracht" worden. Seine Mutter sei straffällig geworden, weil sie sich gegen den Vater zur Wehr gesetzt habe, der sie 20 Jahre lang misshandelt habe. Dieser Aspekt sei nie berücksichtigt worden.

Sie habe ihre Strafe verbüßt. Normalerweise folge im Rechtssystem dann die Resozialisierung - und nicht die Abschiebung, kritisiert Dersim D.: "Man hat sie in den Tod geschickt“. Und er und seine Geschwister fühlten sich plötzlich "fremd im eigenen Land".

In der Türkei könne die Haft drohen

Auch Leyla Lacin aus Kassel lebt mit der Angst, eines Tages in die Türkei abgeschoben zu werden. Ein Land, an das sie sich nicht erinnern kann und dessen Sprache sie nicht kennt: "Mich beschäftigt vor allem der Gedanke einer befreiten Gesellschaft, Ökologie, Basis-Demokratie und Geschlechterbefreiung", sagt sie.

Als Kurdin mit einer freiheitlichen Vorstellung von Demokratie, drohe ihr in der Türkei im schlimmsten Fall die Haft. Genau der Grund, warum ihre Eltern vor Jahrzehnten nach Deutschland flüchteten.

Sendung: hessenschau, hr-fernsehen, 05.03.2021, 16.45 Uhr