Drei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Hessens Intensivstationen hat sich seit Anfang Oktober verfünffacht. Auch auf den normalen Stationen liegen immer mehr Infizierte. Experten warnen vor einem Engpass, erste Kliniken verschieben planbare Operationen.

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Nach wochenlang rasant steigenden Corona-Infektionszahlen kommt die zweite Welle der Pandemie auch in den hessischen Kliniken an. Dort könnte es zu einem Engpass kommen, warnt der Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger. "Die für Covid-Patienten bereitgehaltenen Plätze laufen zusehends voll", sagte er Anfang dieser Woche.

Ohne Gegenmaßnahmen und Nachsteuern reichten die entsprechenden Kapazitäten vielleicht noch eine Woche oder zehn Tage, schätzte Gramminger. Nachsteuern ließe sich zum Beispiel durch die Verschiebung planbarer Eingriffe und Behandlungen, um so Kapazitäten für Covid-Patienten zu schaffen.

Offenbacher Klinik sagt OPs ab

Mit dieser Maßnahme hatten die Kliniken schon im Frühjahr auf die erste Welle der Pandemie reagiert. Das Sana-Klinikum in Offenbach greift seit dieser Woche wieder darauf zurück, nach eigenen Angaben als eine der ersten Kliniken in der Region. Dieser Schritt sei notwendig, um räumlich und auch personell die Kapazitäten zu schaffen, um der steigenden Anzahl an Covid-19-Patienten und Verdachtsfällen gerecht zu werden, erklärte Geschäftsführer Sascha John am Dienstag.

Patienten mussten bereits verlegt werden

Schon vergangene Woche waren einige Krankenhäuser in Frankfurt und Offenbach so stark ausgelastet, dass das Versorgungsgebiet die zweite von vier Stufen des hessischen Warnsystems erreichte. Das bedeutet: Die Kliniken müssen weitere Intensivbetten bereitstellen und können Patienten, wenn es medizinisch vertretbar ist, in andere Krankenhäuser verlegen. Wenige Tage später erreichten auch die Gebiete Darmstadt und Gießen-Marburg nach dem hessischen Krankenhausplan die zweite Warnstufe.

Nach Angaben des Sozialministeriums wurden bis zum vergangenen Freitag 16 Patienten aus Versorgungsgebieten mit Eskalationsstufe 2 in andere Gebiete verlegt. Seitdem seien einige weitere Patienten hinzugekommen.

1.360 Infizierte im Krankenhaus

Die Zahl der Corona-Infizierten, die stationär behandelt werden müssen, hat sich im vergangenen Monat vervierfacht: Anfang Oktober waren es noch 330 Patienten, aktuell sind es laut hessischem Sozialministerium 1.360 (Stand: 3.11., 11 Uhr).

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Auch die Zahl der Menschen, die so stark erkrankt sind, dass sie auf der Intensivstation liegen, steigt seit Anfang Oktober stark an und erreicht ähnlich hohe Werte wie im April: Am Mittwoch lag sie laut Ministerium bei 245. Einen Monat zuvor waren es in ganz Hessen 50 Patienten, die mit einer Corona-Infektion auf der Intensivstation behandelt werden mussten.

Pflegekräfte als begrenzender Faktor

Noch belegen Corona-Patienten im Schnitt nur 13 Prozent der rund 2.160 Intensivbetten in Hessen. Etwa 420 Betten sind laut den Krankenhäusern noch frei. Dazu kommt eine "Notfallreserve" von knapp 1.000 Intensivbetten, die innerhalb einer Woche bereitgestellt werden könnten - wenn denn genug Personal zur Verfügung steht.

Nicht alle Betten, die vorgehalten würden, seien auch betriebsbereit, sagte der Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft am Dienstag. "Wir können uns sachkundige Kräfte nicht backen", so Gramminger. Allerdings hätten die Kliniken bereits viele Pflegerinnen und Pfleger nachgeschult, so könne innerhalb des Hauses umorganisiert werden. Wie in jedem Herbst komme aber nun auch ein steigender Krankenstand beim medizinischen Personal hinzu.

Auch das Sozialministerium erklärte: "Die Verfügbarkeit des Personals ist tatsächlich der limitierende Faktor für die Betriebsbereitschaft der weiteren Intensivbetten." Allerdings sei zu berücksichtigen, dass die Krankenhäuser in Hessen über insgesamt rund 50.000 Mitarbeiter verfügten. Es könne für die Betreuung von Intensivpatienten im Notfall auch Personal aus anderen Abteilungen hinzugezogen werden.

Anstieg schwerer Fälle erwartet

Experten rechnen damit, dass die Zahl der stationären Covid-19-Patienten noch weiter ansteigen wird. Denn bis ein Infizierter so starke Symptome entwickelt, dass er im Krankenhaus oder sogar auf der Intensivstation behandelt werden muss, können Tage bis Wochen vergehen - die Zahlen hinken denen der Neuinfektionen also hinterher.

Anders als im Frühjahr sehe man jetzt einen schnelleren Anstieg an Patienten, die auf die normalen Stationen kommen, sagte die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek im aktuellen Coronavirus-Update des NDR. In Marburg zum Beispiel sei es in fast jeder der vier vergangenen Wochen zu einer Verdopplung der Fälle gekommen: Von 100 auf 170, weiter auf 313 und zuletzt auf 728.

"Und trotzdem sind nur sechs Prozent der Patienten auf den Intensivstationen Covid-Patienten." Ciesek rechnet damit, dass einige dieser Patienten intensivpflichtig werden - und fürchtet, dass in zwei Wochen Werte wie in Frankfurt erreicht werden, wo in 17 Prozent aller Intensivbetten Covid-Patienten liegen. Auch die Prognose eines Forscher-Teams zur Auslastung der Intensivstationen in Hessen verheißt nichts Gutes: Demnach könnte schon in wenigen Wochen die Kapazitätsgrenze erreicht sein.

Hoffen auf Teil-Lockdown und Klinik-Konzept

Mit dem Teil-Lockdown im November verbindet der Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger, die Hoffnung, dass die Infektionszahlen stagnieren. Auch wenn die Einschränkungen viele Branchen hart träfen, meint er: "Es ist ein Versuch, und es muss sein." Letztlich komme es aber darauf an, dass die Menschen im Privaten ihr Verhalten änderten.

Das Sozialministerium zeigt sich hinsichtlich der Krankenhaus-Auslastung zuversichtlich: "Wir verfügen über ein eingespieltes System, das sich bewährt hat", teilte die Behörde mit. Es diene dazu, alle Patienten zu jedem Zeitpunkt bestmöglich versorgen zu können. Zudem würden wieder zusätzliche Intensivkapazitäten geschaffen.

"Wäre die Infektionsentwicklung aber so weitergegangen wie zuletzt, würden wir irgendwann an unsere Grenzen stoßen", berichtete das Ministerium weiter. Deshalb seien die drastischen Kontaktbeschränkungen notwendig.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 5.11.2020, 19.30 Uhr