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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 20 oder 150 Euro? Was kostet eine Impfung?

Menschen warten in einem Impfzentrum.

Bund und Land zahlen für die 28 hessischen Impfzentren mindestens 640 Millionen Euro. Kassenärzte gehen davon aus, dass eine Spritze dort etwa 150 Euro kostet. Das sind sieben Mal höhere Kosten als in den Arztpraxen. Die Opposition beklagt fehlende Transparenz und Kostenkontrolle.

Während im Gesundheitswesen seit Jahren der Rotstift regiert, funktioniert die Ausgabenpolitik beim Impfen offenbar nach dem umgekehrten Prinzip: erst impfen, dann rechnen. In Hessen belaufen sich die Kosten für die 28 Impfzentren bis September auf mindestens 640 Millionen Euro. Pro Monat kosten die Zentren 50 Millionen Euro, hinzu kommen IT-Kosten in Höhe von 140 Millionen. Die Summe wird von Land und Bund in gleichen Teilen über Schulden finanziert.

Waren die Investitionen in die Zentren am Anfang der Impfkampagne der Angst vor einer unkontrollierbaren Pandemie geschuldet, rücken mit fortschreitenden Erfolgen der Impfkampagne die staatlichen Ausgaben für die Impfzentren in den Fokus. Zumal inzwischen fast die Hälfte der Corona-Schutzimpfungen in Praxen niedergelassener Kassenärzte vorgenommen wird.

Spritze beim Hausarzt kostet 20 Euro

Für sie sind die Kosten mit 20 Euro pro Spritze klar festgelegt. So viel zahlt der Bund pro Injektion an die Kassenärzte. Dafür stellen diese ihre Praxisinfrastruktur zur Verfügung, organisieren mit ihren Teams die Terminvergabe, beraten ihre impfinteressierten Patienten, spritzen den Impfstoff und dokumentieren, rechnet Frank Dastych vor.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen geht davon aus, dass eine Impfung in den staatlichen Impfzentren derzeit das Siebenfache kostet. Seiner Berechnung legt er die von der Landesregierung erwarteten 7,4 Millionen Impfungen bis Ende des Sommers zugrunde. Dem stehen die schon jetzt zu erwartenden Kosten in Höhe von mindestens 640 Millionen Euro für den Betrieb der Impfzentren gegenüber.

Infrastruktur ist teuer

Wenn etwas mehr als die Hälfte der Impfungen dort verabreicht wird, ergäbe das für eine Impfung Kosten von rund 150 Euro. Damit zahlen die staatlich beauftragten Betreiber der Zentren die Mitarbeiter der Impfzentren, das Sicherheitspersonal, Parkplatzeinweiser, Catering- und Reinigungsfirmen. Nicht berücksichtigt sind - sowohl bei den Impfzentren als auch den Ärzten - die Kosten für den Impfstoff, die der Bund übernimmt.

Das hessische Innenministerium nennt auf Anfrage keine aktuellen Kosten für eine Impfung in den Zentren, räumt allerdings ein, dass Impfzentren höhere Kosten haben, weil ihre Infrastruktur neu geschaffen werden muss. "Einrichtung und Betrieb der 28 hessischen Impfzentren unterliegen aber der strikten Beachtung der Grundsätze von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit."

Rund 40 Euro Kosten bei maximaler Auslastung

Nach einer vorläufigen groben Schätzung geht das Ministerium von Kosten von durchschnittlich 1,8 Millionen Euro pro Impfzentrum im Monat aus. "Bei einer Maximalkapazität von rund 45.000 Impfungen pro Tag, die durch die Impfzentren und mobilen Impfteams geleistet werden können, ergibt sich eine monatliche Maximalimpfzahl für Hessen von ca. 1,35 Millionen Impfungen. Auf dieser Basis ergäben sich bei maximaler Auslastung der Impfzentren Kosten in Höhe von 37,33 Euro pro Impfung", heißt es auf hr-Anfrage.

Dastych wirft der Landesregierung vor, sich mit solchen Zahlen die Kosten schönzurechnen. Für diese Maximalauslastung gebe es nicht genug Impfstoff. Und wenn die doppelte bis dreifache Zahl an Impfungen ohne höhere variable Kosten durchgeführt werden könne, könnte man das so verstehen, "dass im Moment die Menschen Däumchen drehend herumsitzen."

Gesundheitsökonom warnt vor Verschwendung

Der Frankfurter Gesundheitsökonom Thomas Busse kann verstehen, dass die Regierungen am Anfang der Impfkampagne nicht auf die Kosten geschaut haben. "Aber nach fast einem halben Jahr wäre es an der Zeit, Kennzahlen zu erheben, wie hoch die Kosten in den einzelnen Impfzentren sind", erklärt Busse.

Als Experte für Gesundheitsökonomie an der Frankfurt University of Applied Sciences kennt er die Berechnungen, wie sie beispielsweise bei der Finanzierung von Krankenhäusern üblich sind. Da werden Durchschnittskosten für Operationen erhoben und daraus zulässige Höchstgrenzen für OP-Kosten errechnet. Mehr Geld ist dann nicht drin für die Klinik.

Die fehlenden Kennzahlen bei den Impfzenten hält er für einen Fehler. "Damit sind Verschwendung und Missbrauch öffentlicher Gelder Tür und Tor geöffnet." Betreiber der Impfzentren sind in Hessen gemeinnützige Organisationen, wie das Deutsche Rote Kreuz, die Kreise selbst oder auch private Firmen.

Opposition fordert Kosten-Transparenz

Die Opposition fordert mehr Kostentransparenz. Die FDP-Haushaltspolitikerin Marion Schardt-Sauer will seit Langem wissen, wie viel Geld die Impfzentren konkret kosten. Auch sie hält die Impfzentren für notwendig, um die Pandemie zu bekämpfen. Aber in dem Maße, wie die Hausärzte immer mehr zum Impferfolg beitragen, sollte die Regierung über ein Zurückfahren der Strukturen nachdenken. "Wir sollten nicht alles einfach bürokratisch weiter betreiben und am Ende verdutzt feststellen: das hat aber viel Geld gekostet."

Ein Zurückfahren der Infrastruktur sieht der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag, Marius Weiß, noch nicht. Hessen sei aktuell deutschlandweit noch immer auf dem letzten Platz bei den Zweitimpfungen. "Deswegen werden wir neben den Betriebs- und Hausärzten auch weiterhin die Impfzentren brauchen." Zudem hätten viele Jüngere gar keinen Hausarzt.

Die SPD habe bis jetzt im Landtag jedem Euro die Zustimmung erteilt, der für einen schnellen Impffortschritt erforderlich war. Eine verantwortungsvolle Regierung müsse dafür sorgen, dass dieses Geld zielgerichtet und wirtschaftlich eingesetzt werde. "Davon sind wir bei den Ministern Beuth und Klose nicht immer überzeugt", sagt Weiß. "Der übervolle Schattenhaushalt von 12 Milliarden darf nicht zu einem Laisser-faire führen."

Sendung: hr3, 26.05.2021, 6:00 Uhr