Zwei leere Stühle im Impfzentrum in Frankfurt

Viel zu oft verfallen in hessischen Arztpraxen und Impfzentren die Termine für den zweiten Pieks. Impfschwänzer verursachen damit nicht nur finanziellen Schaden, sie gefährden auch sich selbst.

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Der Weg raus aus der Pandemie führt übers Impfen, aber nicht alle halten sich an den vereinbarten Termin: Der Wiesbadener Hausarzt Christian Sommerbrodt verimpft pro Woche rund 300 bis 400 Dosen. Jeder siebte Patient erscheine nicht, berichtet er. Sein Team müsse dann spontan umorganisieren.

Das Problem sei, dass die Patienten mittlerweile verschiede Möglichkeiten hätten, geimpft zu werden. Heißt, viele melden sich an verschiedenen Stellen an und nehmen dann den frühstmöglichen oder bequemsten Termin wahr. Vorhandene Termine abzusagen, halten einige für unnötig. "Wir müssen dann versuchen, übrig gebliebenen Impfstoff unters Volk zu bringen", sagt Sommerbrodt.

Spontan-Impfung für Passanten

Der Impfstoff müsse vernichtet werden, wenn sich spontan kein Abnehmer findet. Früher hätte das Praxis-Team dann Wartelisten abtelefoniert, sagt Sommerbrodt, mittlerweile gingen sie einfach nach unten auf die Straße und sprächen Passanten an, ob diese sie sich nicht kurzfristig impfen lassen wollen. "Das geht viel schneller", sagt Sommerbrodt, viele seien überrascht, willigten aber ein - "das ist recht lustig".

In den Impfzentren ist die Zahl derjenigen, die nicht zur Zweitimpfung erscheinen, noch höher: In Wiesbaden sind es 4 von 10 Registrierten. Manche sind beim Hausarzt schneller dran gekommen, nicht alle sagen ab. Es gebe aber auch Teile der Bevölkerung, die glauben, sie seien mit einer Erstimpfung "gesättigt", sagt Marc Dieroff, Leiter des Impfzentrums. Oder sie würden es vorziehen, in den Urlaub zu fahren und die Impfung hinten anzustellen.

Verzicht auf Zweitimpfung birgt Risiken

Das sei angesichts der sich aktuell ausbreitenden Delta-Variante ein großer Fehler: "Wir wissen, dass bei allen Impfstoffen gerade bei der Delta-Variante mit der Erstimpfung ein nicht ausreichender Impfschutz besteht." Eine sei zwar besser als keine Impfung, Sicherheit vor dem Virus biete aber nur der volle Impfschutz. In Hessen sind aktuell rund 55 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft, rund 37 Prozent haben schon den vollen Impfschutz. Wer geimpft ist, ist zwar vor schweren Verläufen gefeit, kann das Virus dennoch aber in sich tragen.

Und das Schwänzen hat noch andere Nebenwirkungen, nämlich finanzieller Natur. Wie hoch der entstandene Schaden für die Impfzentren ist, lässt sich nach Aussage von Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) zwar derzeit noch nicht beziffern. Auf keinen Fall dürfe aber die Impfmüdigkeit um sich greifen. "Es ist wichtig, dass wir nicht denken, die Inzidenzen sind niedrig, das ist nicht so wichtig", sagt Klose. Noch im Juli sollen alle Bürger ein Impfangebot bekommen haben. Jetzt müssten alle "dran bleiben", sagt Klose, "das ist für den Gemeinschaftsschutz verdammt wichtig."

Wie Impfzentren den Trend verhindern können, zeigt das Impfzentrum Erbach im Odenwald - wenn auch mit großem personellen Einsatz. Laut dem Deutschen Roten Kreuz wird dort jeder vor seinem Termin vorher noch einmal telefonisch erinnert. Die Quote von nicht wahrgenommenen Terminen liege so bei nur fünf Prozent.

Bundesregierung verzichtet auf Strafen

Der Präsident des Berliner Roten Kreuzes, Mario Czaja, hatte kürzlich eine Debatte ausgelöst, er forderte eine Impfschwänzer-Abgabe von 25 bis 30 Euro für alle, die zum Termin für die Zweitimpfung ohne Absage nicht erscheinen. "Das ist ziemlich unsolidarisch denen gegenüber, die schneller einen Termin haben wollen", sagt Czaja - und es habe negative Auswirkungen auf die gesamte Impfkampagne. Auch aus der Union gab es vereinzelt die Forderung, das Nicht-Erscheinen zu sanktionieren.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte sich in den Tagesthemen ebenfalls für eine Geldstrafe ausgesprochen. Das Schwänzen führe dazu, dass Impfstoff vernichtet werden müsse und sei kein "Kavaliersdelikt", sagte Lauterbach. Vorerst bleibt es aber ohne Konsequenzen: Strafen sind auf Bundesebene nicht in Planung, die Regierung sprach sich am Montag gegen Bußgelder aus.

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