Die Grafik zeigt den Oberarm eines Menschen und eine Hand, die eine Impfspritze zu diesem Oberarm führt.

Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen haben beim Impfen Vorrang. Der Fall eines Heims in Nordhessen zeigt: Viele wollen erst einmal abwarten - sogar wenn sie einen tödlichen Corona-Ausbruch miterlebt haben.

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Die Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffes gegen Corona ist für viele die hoffnungsvollste Nachricht des Jahres. Lea Justine Berle könnte ihn schon sehr bald verabreicht bekommen, sie ist Krankenpflegerin und arbeitet in einem nordhessischen Altenheim.

Sie und ihre Berufskollegen stehen bei der bisherigen Planung des Landes ganz oben auf der Liste, zusammen mit den besonders gefährdeten Bewohnern, die sie betreuen. Aber Berle möchte sich nicht impfen lassen, vorerst jedenfalls nicht.

80 Prozent wollen keine Impfung

Die Krankenpflegerin ist noch nicht überzeugt: "Wenn eine Zeit vergangen ist und keine gravierenden Nebenwirkungen auftreten, dann würde ich noch mal überlegen", sagt sie. Mit dieser Haltung ist sie an ihrem Arbeitsplatz nicht alleine. Bei einer Abfrage, wer alles geimpft werden möchte, kam heraus: Von 170 Mitarbeitern im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg (Schwalm-Eder) wollen sich bisher maximal 30 impfen lassen. Das sind weniger als 20 Prozent.

Bei den Bewohnern sieht es anders aus. Hier sind es rund 70 Prozent, die geimpft werden wollen. Für Walter Berle, Vater von Lea Justine und Leiter der Einrichtung, ist klar: Er selbst hat das Risiko für sich abgewogen und will sich impfen lassen. Seine Mitarbeiter kann er dazu allerdings nicht zwingen.

Warten, bis es mehr Erfahrung gibt

"Ich kann die Bedenken nachvollziehen", sagt Leiter Berle, "es ist ein Eingriff in den Körper. Bei vielen war der Tenor: Die Zulassung geht uns zu schnell." Die meisten würden sich allerdings nach einigen Monaten impfen lassen wollen, wenn es mehr Erfahrungen mit dem Mittel gebe, das hätten ihm Mitarbeiter berichtet.

Pfleger Thorsten Birkholz mit Altenheimbewohnerin Gisela Herzens

Am Dienstag wollte Heimleiter Berle offiziell die Liste der Impfwilligen einreichen, in der Hoffnung, dass seine Einrichtung dann mit als erste an die Reihe kommt - wenn auch nur mit einem Teil der Belegschaft. Im März waren 14 Bewohner an Corona gestorben, seitdem ist die Einrichtung verschont geblieben.

Pfleger: "Bei Impfpflicht werden die Leute kündigen"

Die Impfskepsis unter medizinischem Personal ist relativ weit verbreitet. Laut einer aktuellen Studie, für die intensivmedizinisches Personal befragt wurde, wollen sich 73 Prozent der Ärzte impfen lassen, aber nur 50 Prozent des Pflegepersonals. Ein Pfleger, der in der ambulanten Altenhilfe in Nordhessen arbeitet und anonym bleiben möchte, bestätigte dem hr diesen Eindruck aus eigener Erfahrung.

Viele seiner Kollegen seien sehr skeptisch, darunter auch Ärzte. "Ich kenne viele Pfleger, die sagen: Wenn es eine Impfpflicht gibt, werden die Leute in Scharen kündigen." Er selbst führt eine ganze Reihe von Gründen an, warum er keine Impfung will: Er könne trotzdem infektiös sein, die Impfung schütze vor schweren, nicht aber vor leichten Verläufen, die langfristigen Folgen seien nicht bekannt, der Impfstoff nicht ausreichend getestet - "es ist ein riesengroßer Feldversuch".

Pneumologe: Impfung bringt 95 Prozent Schutz

Aber ist an diesen Bedenken irgendetwas dran? Professor Stefan Andreas ist Chefarzt der Lungenfachklinik in Immenhausen (Kassel). Der Pneumologe und Intensivmediziner sagt, die Impfung sei hoch effektiv, biete einen Schutz von 95 Prozent. Dass eine geimpfte Person trotzdem erkrankt, "ist daher unwahrscheinlich".

Wenn es trotzdem Krankheitsverläufe gebe, seien diese sehr viel schwächer. Auch sinke die Wahrscheinlichkeit, andere anzustecken, auch wenn das noch nicht in langfristigen Studien bewiesen sei: "Wir gehen davon aus, dass die Infektiösität bei geimpften Personen geringer ist." Dass der Impfstoff nicht ausreichend getestet sei, lässt Andreas nicht gelten.

Es sei ganz ähnlich wie bei anderen Impfungen, welche die meisten im Impfpass stehen haben: "Dieser Impfstoff ist wie alle, die wir kennen, sehr gut getestet", sagt Andreas. Für den Biontech-Impfstoff habe es eine umfangreiche Studie mit rund 40.000 Teilnehmern gegeben. Geimpftes Pflegepersonal schütze am Ende auch Heimbewohner, sagt Andreas. Beim Abwägen der Gefahren von Impfrisiken mit denen einer Corona-Infektion seien letztere einfach höher, auch auf lange Sicht.

Pfleger Birkholz: Impfung ist auch Solidarität

In der Alteneinrichtung Eben-Ezer diskutieren die Mitarbeiter schon seit langem untereinander viel über das Pro und Contra, ein Dauer-Gesprächsthema. Pfleger Thorsten Birkholz will sich "auf alle Fälle" impfen lassen, sobald wie möglich. Er hat eine Corona-Infektion hinter sich, fünf Wochen lang war er krank.

Birkholz hält eine Impfung fürs Personal für absolut notwendig, es gehe um einen "Gedanken der Solidarität" gerade in einer Zeit, in der die Zahlen der Infizierten immer weiter steigen. Birkholz sagt, er wolle sich, die Bewohner und auch seine Angehörigen schützen. Und er hofft darauf, dass viele seiner Kollegen noch umdenken.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 21.12.2020, 19.30 Uhr