Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis uns die begehrten Corona-Impfstoffe zur Verfügung stehen – zumindest in den Industrienationen. Doch was ist mit dem Rest der Welt? Hilfswerke kritisieren: Von globaler Solidarität sei nicht viel geblieben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Globale Impfstoffverteilung: "Nicht viel übrig von der Solidarität"

Symbolbild Impfung
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Es ist ein Wettrennen gegen das Virus - aber es entwickelt sich immer mehr auch zum Rennen gegen den Rest der Welt: Während mehrere Corona-Impfstoffe weltweit mitten in Zulassungsverfahren stecken, wurde am Mittwoch bekannt gegeben, dass Großbritannien dabei vielen zuvorgekommen ist. Dem Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Konzerns Pfizer wurde eine Notzulassung erteilt.

Sofort gab Biontech bekannt, man könne den Briten bereits in der kommenden Woche 800.000 Impfdosen zur Verfügung stellen. Bis es in der EU und den USA so weit ist, sollte es nur noch eine Frage der Zeit sein. Verträge sind geschlossen, auch mit anderen Herstellern wie Moderna und Asta Zeneca.

Hierzulande laufen die logistischen Vorbereitungen. In Hessen will Biontech ab 2021 Impfstoff in großen Mengen produzieren, er könnte wohl von Marburg aus in die ganze Welt gehen. Doch bereits jetzt ist klar: Es wird anfangs gar nicht genug für alle Menschen auf der Welt geben.

Kritik an ungerechter globaler Impfstoffverteilung

Die Kritik an einer möglicherweise ungerechten globalen Verteilung wird immer lauter, zum Beispiel vom Hilfswerk Medico mit Sitz in Frankfurt. "Es ist leider nicht sehr viel übrig geblieben von der anfangs angekündigten globalen Solidarität", meint Sprecherin Anne Jung.

Medico kritisiert, dass sich wenige reiche Länder direkt Exklusivverträge mit einzelnen Pharmaherstellern gesichert hätten - zum Nachteil ohnehin schon medizinisch unterversorgter Länder. "Ein Großteil der ersten Margen der Impfstoffe wird auf jeden Fall den Industrienationen zur Verfügung gestellt werden", meint Jung. Und das seien nicht unbedingt die Länder, die den Impfstoff als erstes brauchen würden.

Auch andere international tätige Hilfsorganisationen weisen seit Monaten darauf hin, dass ärmere Länder besonders unter den Folgen von Covid-19 leiden, etwa weil dort die Gesundheitssysteme bereits vorher schwach waren. Durch die globalen Einschränkungen kommt es dort außerdem zu existenziellen wirtschaftlichen Zusammenbrüchen.

"Gerechte Verteilung nicht Aufgabe der Pharmaindustrie"

Zwar haben Pharmaunternehmen wie Biontech und Pfizer bereits angekündigt, für eine gerechte globale Verteilung sorgen zu wollen. "Aber das ist nicht die Aufgabe der Pharmaindustrie", meint Anne Jung. Die Europäischen Länder und andere Industrienationen hätten es in den letzten Monaten versäumt, rechtliche Grundlagen zu schaffen, um für die gerechte Verteilung des Impfstoffes zu sorgen.

"Das hätte man einfach erreichen können, wenn man sich zumindest vorübergehend international auf die Aussetzung des Patentschutzes für solche lebensnotwendigen Medikamente verständigt hätte", erklärt Jung. Dass dann keine Forschung mehr stattfinde, sei "ein Mythos" - denn über die Hälfte der Forschungsgelder stamme aus öffentlichen Mitteln. Bisher hat Biontech 375 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten.

"Es geht nicht darum, dass die Pharmaindustrie kein Geld mehr verdienen soll, sondern darum, Rahmenbedingungen für die Produktion und den Preis festzulegen", so Jung. Derzeit wisse man aber fast nichts über die Verträge. Die Firma Biontech selbst stand bisher zu keiner persönlichen Stellungnahme zur Verfügung. Auf hr-Anfrage teilte sie mit, man habe verschiedene Verträge geschlossen und sei mit 30 Ländern im Gespräch.

Wenig Unterstützung für Solidaritäts-Aufruf der WHO

Zwar gibt es durchaus internationale Bestrebungen, ärmere Länder mit Impfstoff zu versorgen, etwa durch den Zusammenschluss Covax. Doch eine Art gemeinsamer Corona-Technologie-Pool, in dem Länder gemeinsames Wissen und Daten miteinander teilen, wie ihn die WHO bereits im April vorgeschlagen hat, konnte sich bisher nicht durchsetzen. Ziel ist es, Produkte wie Impfstoffe als "globales öffentliches Gut" verfügbar zu machen.

Nur 40 von 194 Mitgliedsstaaten haben einen entsprechenden Solidaritätsaufruf der WHO unterzeichnet. Die großen impfstoffproduzierenden Länder China, Indien, Großbritannien, die USA und Deutschland sind nicht dabei. Absagen gab es auch von großen Pharmaherstellern wie Pfizer, mit dem Biontech bei der Herstellung des Impfstoffs zusammenarbeitet. Der Pfizer-Chef nannte den Ansatz "Unfug".

Die fehlende deutsche Unterstützung für diesen Vorstoß kritisieren neben Medico auch andere Hilfsorganisationen, zum Beispiel das kirchliche Werk Brot für die Welt. Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel schreibt in einem Blogbeitrag: "Öffentliche Mittel sollten dem Gemeinwohl dienen - in diesem Falle nicht nur bei uns, sondern auch global." Das gelte besonders, wenn - wie im Falle von Biontech - Millionen Euro an Steuergeldern in die Entwicklung geflossen seien.

Gießener Rechtsprofessor: "Eine gewisse Ungleichbehandlung"

Der Gießener Rechtsprofessor Steffen Augsberg ist Mitglied des Deutschen Ethikrats. "Aus ethischer Sicht tragen wir eine Mitverantwortung", erklärt er. Die Idee der Menschenrechte sei von ihrem Grundgedanken her grenzüberschreitend und universell. Gleichzeitig hätten aber Politiker auch eine rechtliche und ethische "Primärverantwortung" für ihre eigene Bevölkerung. Das darüber hinausgehende Element der internationalen Solidarität sei also wichtig, aber im Zweifel "nachrangig", so Augsberg.

Dass Pharmaunternehmen ihre Produkte bezahlt bekommen wollen und deshalb Verträge mit sicheren und zahlungskräftigen Abnehmern abschließen, sei nicht besonders verwunderlich, so der Professor. "Es ist sicherlich eine gewisse Ungleichbehandlung." Doch die zeige sich alltäglich auf der ganzen Welt darin, dass den reichen Ländern andere Mittel zur Verfügung stehen als den Ländern des globalen Südens. "Das werden wir jetzt auch nicht in der Krise einfach aus der Welt schaffen können."