Ein kleines rundes Gebäude mit rundem Spitzdach und offener Tür steht auf einer Wiese.

Einst Getreidesilo, dann fast Wellness-Oase und nun Gotteshaus: Im Odenwald steht die wohl kleinste Kapelle Hessens. Der Andachtsraum ist Stätte zur stillen Einkehr für Bewohner und Pilger, aber auch geselliger Treffpunkt für Menschen aller Herkunft und Glaubensrichtungen.

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Audioseite Die wohl kleinste Kapelle Hessens

Ein Blick ins Innere der kleinen Kapelle. Außen rechts hängt das Glockenseil.
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Wo einst Getreide aufbewahrt wurde, können Menschen heute zu Gott beten. Oder einfach nur zu sich kommen und die Seele baumeln lassen. Im Hof der Familie Gölz aus Wald-Michelbach (Bergstraße) steht vor prächtiger Odenwald-Kulisse Hessens wohl kleinste Kapelle, errichtet in einem ehemaligen Silo.

Gerade einmal vier Stühle und ein kleiner Tisch finden in der Kapelle Platz. Unter einem Kreuz an der Wand liegt eine aufgeschlagene Bibel, neben einer Figur des heiligen Johannes liegen ein Rosenkranz und zwei Gesangbücher. Im Inneren herrscht trotz des hellen und warmen Herbstwetters eine angenehme Kühle - und Stille.

Die Familie hat die Kapelle nach dem heiligen Johannes getauft - so hieß auch der Onkel, dem einst Hof und Silo gehörten. In den letzten Jahren hat sich die Johanneskapelle zu einer beliebten Anlaufstätte für das christliche Leben in der Stadt, aber auch für Pilger und Pilgerinnen von außerhalb entwickelt.

Herkunft oder Glaube spielen keine Rolle

Doch nicht nur Christen legen sich an diesem idyllischen Fleckchen Erde am Rande des Ortsteils Gadern eine Pause vom hektischen Alltag ein. "Jeder darf bei uns in den Hof kommen, beten, zur Ruhe kommen oder einfach nur die Aussicht genießen", sagt Ute Gölz, die die Kapelle vor vier Jahren zusammen mit ihrer Familie errichtet hat. Alter, Herkunft oder Glaube spielten dabei keine Rolle: "Bei uns ist jeder Mensch willkommen", betont die evangelische Christin.

Sie erinnert sich an eine brasilianische Nachbarin, die in der Zeit, in der sie ihre Mutter beim Sterben begleitete, jeden Tag in die Johanneskapelle kam, um Kraft zu tanken und Trauer zu bewältigen.

Andere Besucher und Besucherinnen würden sich dagegen einfach nur auf die kleine Bank hinter der Kapelle setzen und ihre Blicke über Wiesen und Wälder schweifen lassen - besonders in den Lockdowns, als vieles andere geschlossen war, sei der Besucherzuspruch groß gewesen.

Regelmäßig Gottesdienste

Doch die kleine Kapelle ist nicht nur ein Ort der Stille und Andacht, oft wird es auch laut und gesellig rund um das ehemalige Silo. Mehrere Gottesdienste wurden dort schon gefeiert, darunter auch eine Taufe. "Wir hatten auch schon eine Hochzeit, da war der ganze Hof festlich eingedeckt", erklärt Gölz.

Vor wenigen Wochen fand auch ein Hoffest zugunsten der Tafel statt, an dem mehrere hundert Euro Spenden gesammelt wurden. Die Kapelle ist sogar mit einer eigenen kleinen Glocke ausgestattet, um auch standesgemäß zum Gottesdienst laden zu können.

Gottesdienst mit Spendensammlung zugunsten der Tafel an der Johanneskapelle in Wald-Michelbach

"Wir haben auch einmal im Jahr zum Johannesfest einen festen Gottesdienst", schildert Gölz. Im Anschluss gäbe es dann auch immer etwas zu essen und trinken, wozu alle Interessierten herzlich eingeladen seien. Geld will die Familie mit den Veranstaltungen nicht verdienen. "Wer Lust hat, kann hinterher eine kleine Spende in ein Sparschwein werfen."

Wohlfühlort statt Wellness-Oase

Doch fast hätte es diese Kapelle gar nicht gegeben. Denn im Zuge allgemeiner Renovierungsarbeiten am ehemaligen Bauernhof hatte die Familie vor vier Jahren lange überlegt, was sie mit dem seit Jahrzehnten stillgelegten und unansehnlichen Getreidesilo machen soll.

"Zuerst wollte ich dort einen Whirlpool hinstellen", gibt Gölz zu. Doch dann habe ihr Sohn die Idee gehabt, statt einer Wellness-Oase für die Familie lieber einen Wohlfühlort für die Gemeinschaft einzurichten. Die Idee mit der Kapelle sei auch im vor allem katholisch geprägten Ort gut angekommen und als eine Art Gemeinschaftsprojekt habe dann der Umbau begonnen. "Wir haben uns sehr gefreut, dass so viele Menschen mitgeholfen und dazu beigetragen haben, dass es diesen Ort nun gibt."

Dass seitdem immer wieder teils wildfremde Menschen auf ihren Hof kommen und sich dort niederlassen, stört Ute Gölz und ihren Mann Manfred nicht. Ganz im Gegenteil. "Das ganze Leben ist von Begegnungen geprägt", schildert die 63-Jährige. "Wir freuen uns sehr, wenn wir hier Menschen treffen. Oft gehen wir dann auch raus und unterhalten uns."

Gastfreundschaft wird groß geschrieben

Gastfreundschaft hat für die Familie einen hohen Stellenwert. Und wer sich mit dem Ehepaar unterhält, merkt schnell, dass das nicht nur so daher gesagt ist sondern von ganzem Herzen kommt. So überrascht es auch nicht, dass die angrenzende Scheune in eine Art Gaststätte umfunktioniert wurde, in der Bier gezapft und gemütlich gegessen werden kann. Manch ein Pilger wurde hier der Erzählung nach schon fürstlich bewirtet.

Nebenan hat der Sohn eine kleine Kneipe mit Theke und Großleinwand installiert, in der Freunde und Bekannte regelmäßig zum Fußballschauen zusammenkommen. Alles in rot, weiß und schwarz gehalten, denn der Sohn ist Eintracht-Frankfurt-Fan.

Doch über allem steht immer wieder die Stille, die Erfüllung der Sehnsucht nach innerer Einkehr und Ruhe. "Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende", steht in großen Buchstaben in Inneren der Kapelle an der Wand - eine Passage aus dem Matthäus-Evangelium. Jesus soll die Worte nach der Auferstehung zu seinen Jüngern gesagt haben. "Für mich hat der Spruch etwas Tröstliches", sagt Ute Gölz. Und sie hofft, dass er auch diejenigen berührt, die sonst nicht viel mit Glauben zu tun haben. Hier ist eben jeder Mensch willkommen.

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