Ein Mädchen schaukelt vor tristen Wohnblocks

Jedes siebte Kind in Hessen ist von Armut betroffen. Das geht aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Besonders hoch ist der Anteil armer Kinder in den Großstädten. Die Corona-Krise könnte die Lage noch verschärfen.

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Kaum Taschengeld, kein Computer, kein Kino, keine Klassenfahrt: Armut beschämt viele Kinder und grenzt sie aus. Auch im wohlhabenden Hessen lebte im vergangenen Jahr im landesweiten Durchschnitt rund jedes siebte Kind (13,6 Prozent ) in einer Familie, die Leistungen nach SGB II (Hartz IV) erhielt. Bundesweit lag die Zahl sogar bei 21,3 Prozent.

In Hessen waren damit 142.668 Kinder von Kinderarmut betroffen, wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Im Fünfjahres-Vergleich bedeutete das nur einen leichten Rückgang: 2014 galten noch 14,1 Prozent der jungen Menschen in Hessen als arm.

Positive Entwicklung in Offenbach

Von Armut besonders betroffen sind dabei Kinder in großen Städten. Spitzenreiter ist die Stadt Kassel: Dort lebten im vergangenen Jahr 26,2 Prozent der unter 18-Jährigen in einer Familie, die auf Sozialleistungen angewiesen war (2014: 23,2 Prozent).

Auf Kassel folgt die Stadt Offenbach, die in den vergangenen Jahren jedoch eine erfreuliche Entwicklung hingelegt hat: Waren dort vor sechs Jahren noch 33,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Armut betroffen, sank die Quote 2019 auf 24,5 Prozent.

Auch in Wiesbaden waren vergleichsweise viele junge Menschen betroffen (21,4 Prozent), ebenso wie in Darmstadt (19,9 Prozent) und Frankfurt (17,7 Prozent).

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Warum sich gerade das Sorgenkind Offenbach positiv entwickelte, weiß Matthias Schulze-Böing, Leiter des Amtes für Arbeitsförderung, Statistik und Integration: Die Ursachen lägen in dem "sehr ausgeprägten Rückgang der Fallzahlen im System der Grundsicherung und einer deutlich gestiegenen Erwerbsbeteiligung gerade bei Familien mit ausländischem Hintergrund", sagte er dem hr. Zudem hätten die Jobcenter und andere Stellen der Stadt für Alleinerziehende bessere berufliche Perspektiven geschaffen.

Vergleichsweise wenig Kinderarmut ist in den Landkreisen Fulda (8,6 Prozent), Main-Taunus (8,7 Prozent) und Hochtaunus (8,8 Prozent) zu verzeichnen. In anderen Landesteilen schwankten die Werte zwischen 15,4 Prozent im Werra-Meißner-Kreis im Norden, 12,9 Prozent im Kreis Limburg-Weilburg und 11,2 Prozent im Odenwaldkreis ganz im Süden.

Arme Kinder laden seltener Freunde ein

In einer Armutslage lebt, wer Hartz IV bezieht oder weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Davon sind in Deutschland 2,8 Millionen Kinder betroffen.

Laut Bertelsmann-Stiftung bleibt die Kinderarmut damit ein ungelöstes strukturelles Problem, mit erheblichen Folgen für das Aufwachsen, das Wohlbefinden, die Bildung und die Zukunftschancen der Kinder. Vor allem bei Alleinerziehenden und kinderreichen Familien sei das Armutsrisiko groß.

So können finanziell benachteiligte Kinder den Studien-Ergebnissen zufolge aus Platzgründen seltener Freunde nach Hause einladen oder sie schämen sich, wenn jemand zu ihnen kommt. Auch Eisessen und ins Kino gehen fällt demnach oftmals aus finanziellen Gründen flach. Ganz zu schweigen von Urlaubsreisen, einem eigenen Smartphone oder Computer.

Corona-Krise verschärft die Situation

In der Studie wurden nur Daten bis zum Dezember 2019 ausgewertet, die Auswirkungen der Corona-Krise sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Für die Macher der Studie steht aber jetzt schon fest: Die Corona-Krise verschärft die Situation armer Kinder. Denn die Eltern der benachteiligten Kinder und Jugendlichen arbeiten demnach häufiger in Teilzeit oder als Minijobber und gehören deswegen zu der Gruppe, die als erste ihre Jobs verlieren oder nur vergleichsweise wenig beziehungsweise gar kein Kurzarbeitergeld erhalten.

Laut Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, drohen viele arme Kinder in Deutschland "durchs Raster zu fallen". So konnten sie laut Dräger während des Lockdowns viele Hilfsangebote nicht wahrnehmen. Auch beim Homeschooling seien Kinder aus armen Verhältnissen benachteiligt.

Dräger kritisiert die zu geringen Anstrengungen der Politik, um Kinderarmut zu reduzieren: "Die Politik tut zu wenig, um Kindern Armut zu ersparen." Es seien neue sozial- und familienpolitische Konzepte erforderlich, sagte er weiter. Vorschläge für ein Teilhabegeld oder eine Grundsicherung für Kinder liegen laut Dräger bereits auf dem Tisch.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 22.07.2020, 19.30 Uhr