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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Nachbestellungen lassen auf sich warten

Grippe-Impfstoff

In diesem Jahr wollen sich deutlich mehr Patienten gegen Grippe impfen lassen. Impfstoff gibt es eigentlich genug, doch vereinzelt kommt es zu Engpässen.

Brigitte Willert ist sauer. Schon im September hat sie bei ihrem Hausarzt in Darmstadt-Bessungen angerufen und einen Termin zur Grippeimpfung vereinbart. Sie ist Risikopatientin, ihre Impfung sollte Anfang November sein. Dann die Nachricht auf dem Anrufbeantworter: "Sie haben am Montag einen Termin bei uns zur Grippeimpfung, den muss ich leider stornieren, wir haben keinen Grippeimpfstoff, wir haben leider nicht alles bekommen, was wir bestellt hatten."

Sie ist nicht die einzige, die momentan leer ausgeht. Auch eine Hausärztin aus Darmstadt-Arheilgen berichtet, dass sie schon im September alle bestellten Dosen verbraucht hat. Über 400 Patienten hat sie geimpft, viel mehr als sonst in der ganzen Saison. Angesichts von Covid-19 meldeten sich deutlich mehr Menschen als sonst zur Grippeimpfung. Der Nachschub lasse auf sich warten und wenn doch etwas geliefert werde, dann nur kleine Mengen, die auch in wenigen Tagen wieder verbraucht seien, so die Ärztin.

Paul-Ehrlich-Institut: "Ein lokales Problem"

Brigitte Willert hat sich also selbst auf die Suche nach Impfstoff gemacht und verschiedene Apotheken abgeklappert. Aber da war auch nichts zu machen. Die Goethe-Apotheke in Darmstadt beispielsweise hat schon seit Ende September keinen Grippe-Impfstoff mehr auf Lager. "Ich habe nachbestellt, aber es kann uns keiner sagen, ob und wann und wie viel geliefert wird", sagt Apothekerin Britta Spang. Der Engel-Apotheke am Luisenplatz seien Bestellungen sogar abgesagt worden.

Beim Paul-Ehrlich-Insitut in Langen (Offenbach) sieht man keinen flächendeckenden Engpass. Bei dem Bundesinstitut für Impfstoffe und Biomedizinische Arzneimittel können sich Ärzte, Apotheker oder auch Privatpersonen melden, wenn irgendwo Impfstoff knapp wird. Die bisher eingegangenen Meldungen deuteten auf ein rein lokales Umverteilungsproblem hin, erklärt Pressesprecherin Susanne Stöcker.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen sieht man das anders. "Da scheint es keinen Unterschied zwischen Stadt und Land, Nord oder Süd zu geben. Das ist ein Phänomen, das es offensichtlich in ganz Hessen gibt", erklärt Pressesprecher Karl Roth.

So viel Impfstoff wie nie produziert

Beim Paul-Ehrlich-Institut sieht man die Lage aber entspannt. Mehr als 26 Millionen Impfstoffdosen sind für diese Saison in Deutschland hergestellt worden. "Mehr als je zuvor", erklärt Susanne Stöcker. 22,7 Millionen Dosen seien schon freigegeben worden. "Das ist sehr viel mehr als letztes Jahr verimpft worden ist." Vier Millionen Dosen würden dazu in den nächsten Wochen noch freigegeben.

Stöcker versichert, dass in den kommenden drei bis sechs Wochen immer wieder Impfstoff nachkommt. Wo und wann geliefert wird, kann sie allerdings nicht sagen. Sie hat auch keine Information darüber, ob die bisher freigegebenen 22,7 Millionen Dosen schon verbraucht sind. Sie gehe nicht davon aus, einiges davon könne noch in den Lieferketten stecken. Und einzelne Ärzte berichten von Restbeständen, die in der Regel aber schon für die eigenen Patienten verplant sind.

Vor Panikmache warnt auch der Hessische Apothekerverband. Die Hessischen Ärzte hätten 50 Prozent mehr Impfstoff bestellt als im vergangenen Jahr. Das Mittel stehe für eine Million Hessen bereit - wenn jetzt noch nicht, dann in den kommenden Wochen. Risikopatienten, also Menschen über 60, Schwangere und chronisch Kranke sollten zuerst geimpft werden. Dafür müssten die Hausärzte sorgen.

Produktion ist langwierig

Über die bereits hergestellten 26 Millionen Impfdosen hinaus noch weiteren Impfstoff zu produzieren, ist spontan nicht möglich. Die Produktion dauert alles in allem rund ein halbes Jahr. Das Virus muss aufwändig in Hühnereiern vermehrt werden. Deshalb sind die Ärzte und Apotheker auch schon Ende 2019 bis Anfang 2020 gefragt worden, wie viele Dosen sie benötigen.

Auf diese Bestellungen seien rund 30 Prozent aufgeschlagen worden. Das Bundesgesundheitsministerium bestellte zusätzlich sechs Millionen Impfdosen - insgesamt können also 26 Millionen Menschen in Deutschland gegen Grippe geimpft werden. Auch wenn damit noch längst nicht jeder der rund 83 Millionen Einwohner versorgt wäre, sind das knapp zehn Millionen Impfdosen mehr als für 2019 eingekauft wurden. Damals wanderten am Ende der Saison noch mehrere Millionen Dosen in den Müll.

Hoher Ansturm gleich im September

Eine Nachbestellung aus dem 26-Millionen-Kontingent ist also durchaus noch möglich. Bis die Lieferung kommt, kann es aber dauern, denn die Impfstoffe werden nur nach und nach vom Paul-Ehrlich-Institut freigegeben. Die kurzzeitigen Lieferengpässe seien auf den ungewohnten Ansturm gleich im September zurückzuführen.

Und selbst wenn in diesem Jahr tatsächlich alle Impfdosen verbraucht werden sollten, ruft der Hessische Apothekerverband zu Gelassenheit auf. "Dann wäre die Durchimpfungsrate so hoch wie noch nie. Und die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, wäre somit auch viel geringer", sagt Pressesprecherin Katja Förster.

Sendung: hr-iNFO, 6.11.2020, 16.45 Uhr