Wer in der Covid-19-Station eines Krankenhauses arbeitet, muss hart im Nehmen sein. Das sagt Olga Tschamkin. Die 28 Jahre alte Krankenschwester berichtet hier von ihrer täglichen Arbeit zwischen Überleben und Sterben in Gelnhausen.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Olga Tschamkin - Krankenschwester auf einer COVID-Intensivstation in Gelnhausen

Olga Tschamkin
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Die Zeit seit Beginn der Corona-Pandemie fühlt sich an wie ein Marathonlauf, der einfach nicht enden will. Ein Marathon, den wir Krankenpfleger in einer Schutzkleidung bewältigen müssen, die jede Bewegung noch ein bisschen schwerer macht.

Dabei sind meine Kolleginnen und Kollegen und ich auch nicht körperlich fitter als andere. Mit Schutzkittel oder Overall, Schutzbrille, FFP3- oder FFP2-Maske, Schutzvisier, zusätzlicher Kopfhaube und zwei Paar Handschuhen wird mir beim Arbeiten sehr warm.

Natürlich war es im Sommer noch viel heißer. Jetzt, im Winter, ist es in den Patientenzimmern warm. Aber, weil wir so viel lüften, im Flur kalt. So wechseln wir dauernd vom Warmen ins Kalte und zurück. Auch nicht angenehm.

Zwei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.

Die Patienten mal nach rechts, mal nach links zu drehen und ihnen immer die Decke unter Arme und Beine zu legen, das ist mit dieser Montur schon anstrengend. Bei Covid-19-Kranken, die intensiv beatmet werden, kommt die spezielle Bauchlage dazu. Das machen wir jeden Tag im Schnitt drei bis vier Stunden lang. Wenn es nicht gut läuft, dann auch mal sieben bis acht Stunden am Stück.

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„Habe ich Kopf- oder Halsschmerzen, frage ich mich: Corona oder Erschöpfung? Auch nach der Arbeit komme ich nicht zur Ruhe.“ Zitat von Olga Tschamkin
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Nach der Schicht sind mein Rücken und mein Nacken ganz verspannt. Oder ich habe Kopfschmerzen und, wegen des Wechsels zwischen warm und kalt, Halsschmerzen. Ich überlege dann: Ist das Corona oder einfach nur Erschöpfung? Ich versuche, die Symptome richtig zu deuten. Auch nach der Arbeit komme ich oft nicht zur Ruhe.

Je nach Krankheitsverlauf werden Patienten entweder nicht-invasiv mit einer Maske beatmet oder eben intubiert. Die einen Patienten sind wach, können immer mal eine Trinkpause machen. Die anderen liegen im künstlichen Koma. Auf unserer Station gibt es beide Arten.

Unter unseren Patienten sind durchaus auch Jüngere. Wir haben Patienten ohne Vorerkrankungen und welche mit Vorerkrankungen. Etliche kamen wegen etwas anderem ins Krankenhaus, und man hat sie dann hier positiv auf Corona getestet. Im Moment kann sich keiner sicher fühlen.

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„Bei Corona begleiten wir Patienten über Tage und Wochen hinweg, bauen eine Beziehung auf. Wenn die es nicht schaffen, ist das schwerer als bei gewöhnlichen Notfallpatienten.“ Zitat von Olga Tschamkin
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Auf der Intensivstation in den Main-Kinzig-Kliniken gibt es aktuell 21 Betten. Im Maximalfall können wir den bestand auf 31 Beatmungsbetten erweitern - aber die können wir nicht alle mit Covid-Kranken füllen, denn es gibt ja auch Patienten mit Herzinfarkten oder anderen schweren Krankheiten. Die muss ja auch jemand betreuen. (Stand 7. Januar, vormittags: 42 Covid-Patienten auf Normalstation, elf auf Intensiv, Anm. d. Red.) Ich hoffe auf Entspannung, wenn sich die Masse hat impfen lassen.

Natürlich haben ich und meine Kolleginnen und Kollegen auch vor Corona schon Patienten betreut, die es dann leider nicht geschafft haben, bei denen wir medizinisch und menschlich alles getan haben, was wir konnten, es aber nicht ausgereicht hat, weil der Weg für den Patienten einfach schon entschieden war.

Eine Krankenschwester dokumentiert auf der Intensivstation neben dem Bett eines Corona-Patienten die Behandlungsschritte

Jetzt wegen Corona sterben aber so viele. Ich habe schon sehr viele begleitet in den Tod. Damit umzugehen habe ich gelernt in meinen sieben Jahren als Krankenschwester bisher. Auch, dass mich manche Schicksale mehr nach Hause begleiten als andere. Das macht es aber nicht unbedingt leichter.

Vor allem, wenn ich, wie es bei Corona häufiger der Fall ist, längere Zeit Kontakt zu den Patienten hatte und sie über Tage oder Wochen betreut habe und Kontakt mit Angehörigen hatte und etwas von ihrer Lebensgeschichte weiß. Das ist dann schon etwas ganz anderes als bei denjenigen Patienten, die als Notfälle auf unsere Station kommen und bei denen es wir trotz zwei-, dreistündiger Reanimation nicht schaffen.

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„Manchmal wünsche ich mir jetzt, ich hätte einen anderen Job. Aber ich mache meinen Job gern. Wenn mal ein Tag besonders stressig ist - okay.“ Zitat von Olga Tschamkin
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Wenn wir bei jemandem sehen, dass ihr oder sein Weg nicht mehr lange geht, gewähren wir den Angehörigen die Chance, sich am Bett von der- oder demjenigen zu verabschieden. Wir begleiten sie - in Schutzanzügen - rein und raus und lassen sie dann allein beim Patienten. Oder bleiben dabei, wenn das jemand wünscht.

Derzeit habe ich sehr wenig Zeit, an einem Bett länger zu bleiben. Das belastet mich auch. Manchmal erkundige ich mich bei Kollegen auf Normalstationen, wie es denn dort aussieht. Die tragen auch ihr Päckchen, haben auch unheimlich viele Patienten zu betreuen. Die Situation ist für das gesamte Haus anstrengend.

Ich habe öfter Momente jetzt, wenn ich in dieser Montur stehe und mir einfach der Kopf kurz vorm Platzen ist. Dann wünsche ich mir, in einem anderen Job zu sein. Aber Ich mache die Arbeit gerne, ich mache sie wirklich unheimlich gerne. Wenn ab und zu mal ein stressiger Tag dabei ist, okay, das schaffe ich. Es ist momentan einfach dieser Marathon, den wir laufen, der das einfach wirklich anstrengend macht. Aber ansonsten machen wir alle unsere Arbeit gerne.

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„Von der Politik erwarte ich nicht viel. Es gab schon vorher Pflegermangel, und man hat es schleifen lassen. Nun sehen wir das Ergebnis.“ Zitat von Olga Tschamkin
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Es gibt auch schöne Erlebnisse. Mir fällt eine Patientin ein, die ganz tapfer die Bearbeitungszeit durchhielt mit Maske, die auch unangenehm ist, 24 Stunden am Stück mit nur mal zwei Minuten Trinkpause. Die zog das mehrere Tage durch, dann konnten wir ihr auch längere Pausen erlauben. Meines Wissens hat sie es geschafft. Wir haben sie auf eine Normalstation verlegt, aber mir ist zu Ohren gekommen, dass es ihr gut geht.

Manchmal hören wir auch Lob für unsere Arbeit, von früheren Patienten etwa. Das tut gut. Das freut mich. Und das stärkt uns im Wesentlichen.Natürlich wäre eine bessere Bezahlung für uns angemessen, für die Verantwortung, die wir tragen. Und bessere Rahmenbedingungen, dass es mehr Personal in den Kliniken gäbe, damit wir die Patienten intensiver betreuen könnten.

Von der Politik erwarte ich in der Hinsicht nicht viel. Ich bin ich nicht davon überzeugt, dass sich sehr viel für uns ändern wird, auch wenn die Kanzlerin oder Minister jetzt etwas anderes ankündigen.

Drei Ärzte stehen um ein Krankenbett einer Intensivstation.

Wir hatten schon vor Corona schwere Zeiten. Es ist auch bekannt, dass wir schon vorher Personalmangel hatten. Der Personalmangel wird jetzt einfach nur richtig deutlich. Die Politik kann auch keine Fachkräfte vom Himmel regnen lassen. Das ist nichts, was sich vom einen auf den anderen Tag ergibt.

Ich denke, dass unser Bild in der Gesellschaft schon etwas besser wird. Aber es ist halt eben auch nur das Bild, und davon haben wir auch nichts. Dass sich in unserem Beruf etwas ändert, das braucht Jahre oder Jahrzehnte, bis es sich dann wirklich wandelt. Man hat es die letzten Jahre schleifen lassen. Und das jetzt ist quasi das Ergebnis davon.

Protokoll: Stefan Bücheler und Stephan Loichinger

Sendung: hr-iNFO, 03.12.2020, 19.35 Uhr