Was macht eigentlich eine gute Kita aus? Freiräume, sagt die Vorsitzende des Deutschen Kita-Verbandes im Interview. Freundschaft und Klettern lernten die Kleinsten nicht im Internet.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Interview: "Kinder brauchen Freiräume für eigene Ideen"

Ein kleines Kind hängt an einer Stange auf dem Spielplatz und lässt sich pendeln.
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Am Mittwochabend wurde in Berlin online der Deutsche Kita-Preis verliehen. Ausgezeichnet wurde auch das AWO Kita Familienzentrum Marshallstraße in Gießen. Aber was macht eigentlich eine gute Kita aus? Wie Kinder glücklich zu machen sind, was Erzieherinnen und Erzieher generell dazu beitragen können und müssen und warum Videocalls keine Alternative für Kinder sind, erklärt die Vorsitzende des Deutschen Kita-Verbandes, Waltraut Weegmann, im hr-Interview.

hessenschau.de: Ganz generell, was ist denn eine gute Kita?

Waltraut Weegmann: Zunächst mal: Kitas sind Bildungseinrichtungen. Und Bildung ist die Förderung zur Eigenständigkeit und Selbstbestimmung eines Menschen. Das bedeutet, dass die Kinder intensiv die Möglichkeit haben müssen, sich die Dinge sinnlich anzueignen. Es geht also nicht um das, was wir in den Schulen unter Bildung verstehen: Lesen, Rechnen, Schreiben. Hier geht es darum, die Persönlichkeit zu entwickeln. Deswegen ist eine gute Kita eine Kita, die viel Raum für die Kinder lässt.

hessenschau.de: Wie wichtig ist dabei das Personal in den Kitas?

Weegmann: Das Personal in den Kitas ist der Dreh- und Angelpunkt. Wir brauchen besonders engagiertes Fachpersonal, das versteht, dass Kinder ihre Freiräume brauchen und bei ihren eigenen Ideen unterstützt werden, also dass man die Kinder miteinander gewähren lässt. Das Thema eigene Ideen ist ganz wichtig. Das ist eine große Herausforderung und nicht mal eben im Rahmen einer Ausbildung zu lernen. Da gehört ein großes Verständnis dazu, und das ist eine Entwicklung, die man über Jahre hinweg macht.

hessenschau.de: Wie eng sind die Vorgaben durch den Kita-Träger oder den Staat?

Weegmann: Das ist sehr stark abhängig vom Träger. Aber die Kita-Leitungen haben meistens eine sehr große Entscheidungsfreiheit, und die Träger nehmen sich meistens sehr zurück. Das heißt, die Kitas sind dann aber auch verpflichtet, aus diesen Freiräumen etwas zu machen. Ich finde, die Träger sollten sich eher weniger zurücknehmen und besser sicherstellen, dass die Qualität in den Kitas stimmt.

hessenschau.de: Also müssen die Eltern bei der Wahl genau hinschauen, was die Kita anbietet?

Weegmann: Ja, das müssen sie sicher. Aber schwierig ist, dass Eltern eben oft ein anderes Bildungsverständnis haben. Sie gehen etwa oft davon aus, dass es entscheidend ist, dass ihr Kind, wenn es in die Schule kommt, einen Strich gerade malen kann. Aber das passiert schon. Ich kenne keinen Erwachsenen, der nicht einen Strich geradeaus malen kann.

hessenschau.de: Aber worauf sollen Eltern denn achten?

Weegmann: Wichtig ist, dass ein Kind zum Beispiel Selbstbewusstsein entwickelt, dass es sagen kann, was es will und eigene Ideen hat. Das ist ganz entscheidend in der Kitaphase. Sie müssen lernen, mit anderen Kindern ihre Konflikte zu lösen und Freundschaften aufzubauen.

hessenschau.de: Was hat denn unter diesen Vorgaben das Corona-Jahr für die Kinder und Familien bedeutet?

Weegmann: Das war natürlich ganz besonders dramatisch. Unsere Gesellschaft mit den Wohn- und Arbeitssituationen ist einfach darauf ausgerichtet, dass Kinder ihr Kinderleben zu einem großen Teil in den Kitas erleben. Ich bin jetzt über 60 Jahre alt. Als ich klein war, konnte ich noch ins Freie gehen und spielen, da war noch nicht so gefährlich. Das können Kinder heute nicht mehr. Das heißt, ohne Kita sind sie auf sich zurückgeworfen. In Wohnungen, in denen sie häufig allein oder mit nur einem Geschwisterkind sind, mit Eltern im Homeoffice. Und Homeoffice heißt ja: Ich habe Büro zuhause und muss arbeiten.

hessenschau.de: Und Kita als Home-Variante ist dann keine Alternative?

Weegmann: Die Kita-Kinder sind in einem Alter, in dem sie haptisch ganz viel ausprobieren müssen. Sie lernen Laufen, sie lernen Klettern... Aber klettern kann ich nicht über das Internet. Und ein vier- oder fünfjähriges Kind kann keine Freundschaften entwickeln über Videogespräche. Für uns Erwachsene war das ja auch schon schwierig. Und deswegen war die Kita-Pause wegen Corona für die Kinder ganz besonders schlimm.

Die Fragen stellte Werner Schlierike.

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