Helmut Kühnberger ist sauer. Der Direktor des Riedberg-Gymnasiums darf in diesem Jahr keine Fünftklässler auswählen, die zu dem naturwissenschaftlichen Profil der Schule passen. Warum er sich benachteiligt fühlt und wie er nun vorgehen will, erläutert er im Interview.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kühnberger: "Dürfen die Eltern-Wünsche nicht mehr berücksichtigen"

Schulleiter Helmut Kühnberger und das Gymnasium Riedberg
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Musik und Sport gehören in Hessen zu den staatlich anerkannten Schwerpunkten an weiterführenden Schulen. Naturwissenschaften dagegen nicht. Das wurmt Helmut Kühnberger sehr. Er ist Direktor des Frankfurter Riedberg-Gymnasiums, das sich vor Jahren für den sogenannten MINT-EC-Schwerpunkt (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in Verbindung mit zweisprachigem Unterricht entschieden hat.

Eine neue Regelung des Staatlichen Schulamts (hier geht es zu den wichtigsten Fragen & Antworten zur Neuregelung) führt nun dazu, dass das Riedberg-Gymnasium und zwölf weitere Frankfurter Schulen ihre neuen Fünftklässler nicht mehr nach schuleigenen Kriterien auswählen dürfen. Kühnberger muss im Auswahlverfahren deutlich schneller zur Lostrommel greifen. Er fühlt sich benachteiligt – und will das auf Dauer nicht hinnehmen.

hessenschau.de: Das Staatliche Schulamt hat das Verfahren zur Aufnahme von Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen geändert. Warum ärgern Sie sich darüber?

Helmut Kühnberger: In den vergangenen zehn Jahren haben wir die Wünsche der Eltern nach verstärktem naturwissenschaftlichen und bilingualen Unterricht immer ernst genommen und auch bei der Aufnahme berücksichtigt. Das war gut so. Denn die Eltern haben uns sehr stark beim Aufbau dieser Schwerpunkte unterstützt. Nun verbietet uns das Staatliche Schulamt, die Wünsche der Eltern zu berücksichtigen. Das kann niemanden freuen.

hessenschau.de: Dagegen können Schulen mit den staatlich anerkannten Schwerpunkten Musik und Sport weiter Kinder auswählen. Fühlen Sie sich zurückgesetzt?

Kühnberger: Das Staatliche Schulamt hat alles Recht der Welt, eine solche Verfügung zu erlassen. Deswegen muss man sie aber nicht lieben. Es gibt aus meiner Sicht keine rechtlichen Gründe dafür, für alle zwangsweise ein Losverfahren einzuführen. Wir haben über zehn Jahre einen sehr ausgeprägten naturwissenschaftlich-bilingualen Schwerpunkt aufgebaut – und fallen jetzt hinten runter. Im Kollegium, bei den Eltern und bei mir entsteht das Gefühl, dass diese Profilbildung gar nicht erwünscht ist und nicht wertgeschätzt wird. Das schmerzt natürlich.

hessenschau.de: Das Staatliche Schulamt will mehr Rechtssicherheit, weil Eltern in der Vergangenheit immer wieder gegen Schulzuweisungen geklagt haben.

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Das Staatliche Schulamt spricht von 200 Widersprüchen im vergangenen Jahr. Sie wurden alle abgewiesen. Mehr dazu in unseren Fragen & Antworten.

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Kühnberger: Alle Gerichtsurteile des letzten Sommers sagen eindeutig, dass das Auswahlverfahren bisher rechtens war. Ein allgemeines Losverfahren kann die Rechtssicherheit also nicht erhöhen. Man hätte alles so lassen können wie bisher. Das alte System war aus unserer Sicht perfekt, weil wir auf die Wünsche der Eltern eingehen konnten. Sie konnten uns auf dem Anmeldeformular mitgeben, dass sie sich für ihr Kind den naturwissenschaftlich-bilingualen Schwerpunkt wünschen und sich verpflichten, an unserem speziellen Programm ab der fünften Klasse teilzunehmen. Erst als letzte Maßnahme haben wir gelost, wenn es die Anmeldezahlen erfordert haben. Dieses Verfahren war allgemein akzeptiert, Klagen dagegen waren äußerst selten.

hessenschau.de: Sie müssen nun den überwiegenden Teil ihrer 180 Plätze verlosen. Was hat das für konkrete Folgen? 

Kühnberger: Sollten wir mehr als 180 Anmeldungen erhalten, muss ich unter Umständen begabte und interessierte Kinder an eine andere Schule schicken, weil sie Pech bei der Verlosung hatten. Die Eltern informieren sich vorab über das Schulangebot und müssen auswählen. Wenn man das Recht hat zu entscheiden, hat man auf der anderen Seite auch die Verantwortung. Ich als Schulleiter nehme die Entscheidung der Eltern ernst und habe sie nicht in Frage zu stellen. Wir brauchen die Willigen, die sich wegen des Schwerpunkts für uns entscheiden. Das Losverfahren ist für mich ein letztes Mittel und sollte niemals so ein Gewicht bekommen, wie es jetzt entschieden wurde.

hessenschau.de: Das Gymnasium am Riedberg gehört zu den beliebten Frankfurter Schulen, wie die Anmeldezahlen der vergangenen Jahre zeigen.

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Das Gymnasium Riedberg wurde 2009 gegründet und war zunächst in provisorischen Räumen untergebracht. 2013 zog die Schule mit seinem naturwissenschaftlichen und bilingualen Schwerpunkt an den jetzigen Standort. Schulleiter Helmut Kühnberger ist von an Anfang dabei.

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Kühnberger: Es gibt viele gute Gründe, sich an unserer Schule zu bewerben. Ich wohne um die Ecke, finde das Gebäude schön oder die Lehrer nett. Wenn eine Schule wirklich gut sein will, muss sie sich einen Schwerpunkt setzen. Wir haben uns für Naturwissenschaften und Bilingualität entschieden und möchten natürlich auch, dass besonders die Kinder zu uns kommen, die davon optimal profitieren.

Ob Viertklässler für unsere Schwerpunkte geeignet sind, kann ich nicht entscheiden, das müssen die Eltern wissen. Und ich vertraue dieser Entscheidung. Die Eltern können nach wie vor den Wunsch nach unserem Schwerpunkt äußern. Aber wir dürfen diesen Wunsch nicht mehr berücksichtigen. Das ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll.

hessenschau.de: Mathias Koepsell, der Schulleiter des Frankfurter Adorno-Gymnasiums, sagt im FR-Interview: "Wer meint, in seinem Viertklässlerkind schon den geborenen Naturwissenschaftler erkennen zu können, ist aller Voraussicht nach ein maßloser Aufschneider."

Kühnberger: Jeder Schulleiter muss selbst entscheiden, was er öffentlich verkündet. Wie er zu einer so negativen Haltung gegenüber Eltern und Kindern kommt, weiß ich nicht. Ich möchte das nicht kommentieren. Ich weiß, wie viel Mühe sich Eltern bei der Wahl der richtigen Schule geben, deshalb nehmen wir die Wünsche der Eltern sehr ernst. Schließlich kennen die Eltern ihre Kinder am besten. Dabei geht es uns nicht darum, die zukünftigen Nobelpreisträger zu identifizieren. Es geht darum, die Eltern bzw. Kinder zu bekommen, die unser Schulprofil wollen und ihre Kinder dabei unterstützen.

Wir haben ein sehr gutes Schulsystem in Frankfurt, eine gute Allgemeinbildung gibt es an allen Schulen. Wenn man eine bessere Ausbildung anbieten will, müssen sich die Schulen spezialisieren. Diese Spezialisierungen sind die Schulprofile. Und für diese Profile brauchen wir keine Schülerinnen und Schüler, die beliebig zugelost worden sind.

hessenschau.de: Herr Koepsell sagt weiter, durch das Verfahren seien nun alle gleich. Auch manche Eltern finden das breit angelegte Losverfahren gerechter.

Kühnberger: Für mich ist das eine Karotten-Gerechtigkeit: In Zukunft gibt es für alle nur noch Karotten. Die Kaninchen sind begeistert, doch alle anderen Tiere sind etwas befremdet. Es gibt in Frankfurt eine große Vielfalt an Schwerpunkten und damit eine große Auswahlmöglichkeit für alle Eltern, nicht nur an den Gymnasien. Für fast jedes Kind gibt es eine passende Schule. Warum gibt man das jetzt auf? Das ist für mich nicht nachvollziehbar.

hessenschau.de: Sie sind tätig geworden und haben eine Zertifizierung Ihres Schwerpunkts beantragt.

Kühnberger: Das Gymnasium Riedberg und vier andere Frankfurter Schulen (Wöhlerschule, Ziehenschule, Elisabethenschule, Schule am Ried, Anm. d. Red.) haben beim Kultusministerium beantragt, dass der Schwerpunkt MINT-EC (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, Anm. d. Red.) als besonderer Schwerpunkt staatlich anerkannt wird. Wenn wir diesen Schritt geschafft haben, könnten wir wieder so verfahren wie in den vergangenen Jahren. Also vor einem Losverfahren die Schülerinnen und Schüler aufnehmen, die sich unser Profil konkret wünschen.

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Der Verein MINT-EC ist ein bundesweites Netzwerk von Schulen, die einen besonderen Schwerpunkt auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik legen. An der regelmäßigen Zertifizierung ist unter anderem die Kultusministerkonferenz beteiligt.

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hessenschau.de: Und was hören Sie zu Ihrem Antrag aus Wiesbaden?

Kühnberger: Wir haben bislang keine Antwort erhalten. Obwohl wir viele Unterstützer haben. Ich weiß, dass viele Briefe an das Kultusministerium gegangen sind. Aus der Wirtschaft, aus der Wissenschaft, aus der Elternschaft. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Musik, Sport oder Rudern für das Land Hessen so wichtig sind, Naturwissenschaften aber nicht. Ich habe nichts gegen Musik, Sport oder Rudern, finde aber, dass man sich den gesellschaftlichen Bedarf insgesamt anschauen muss.

Wir brauchen Schülerinnen und Schüler, die sich etwa in den Bereichen Digitalisierung und Klimawandel engagieren wollen. Das sind die großen Themen dieser Zeit. Wir müssen Talente fördern, um Naturwissenschaftler, Mathematiker und Programmierer hervorzubringen. Es geht darum, unsere eigene Zukunft mitzugestalten. Ich glaube, niemand möchte, dass unsere Zukunft allein in Amerika oder China entschieden wird.

hessenschau.de: Begabung fördern, Interesse wecken – so versteht das Kultusministerium in einer Antwort auf unsere Fragen den Auftrag von weiterführenden Schulen. Es sei nicht entscheidend, dass Schülerinnen und Schüler schon "besondere Fähigkeiten" mitbringen.

Kühnberger: Das ist richtig. Es geht darum, dass wir Kinder für Dinge begeistern. Dass wir sie vorantreiben. Sie müssen es aber wollen! Wenn man bei der Eintracht im Fanblock alle Plätze verlosen würde, würden viele Frankfurter teilnehmen, um mal zur Eintracht gehen zu können. Aber man muss bedenken, was das für Auswirkungen auf die Spiele haben könnte. Werden die Menschen mit Losglück die gleiche Begeisterung zeigen? Werden sie die Mannschaft genauso lautstark unterstützen? So ist es bei den Naturwissenschaften auch.

hessenschau.de: Wie gehen Sie mit der Situation um?

Kühnberger: Die Entscheidung des Staatlichen Schulamts ist rechtens. Die Änderung ist durch das Schulgesetz gedeckt und ich werde mich selbstverständlich exakt daran halten. Ob es eine weise Entscheidung war, ist eine politische Beurteilung. Wenn einem in einer Demokratie etwas nicht gefällt, muss man politisch agieren. Wir werden weiter dafür kämpfen, dass die Naturwissenschaften in Hessen wieder den gleichen Rang wie Sport oder Musik erreichen. Es muss dazu kein Gesetz geändert werden. Es muss nur aus dem Kultusministerium ein Satz kommen: Hiermit erkennen wir den Schwerpunkt an. Das ist eine rein politische Entscheidung. Dazu muss sich der Kultusminister verhalten.

hessenschau.de: Das Kultusministerium hat uns mitgeteilt, dass dafür formal eine Änderung des Schulgesetzes nötig sei. Und man sehe inhaltlich – anders als bei Sport oder Musik – derzeit keinen Grund für eine staatliche Anerkennung des naturwissenschaftlichen Profils.

Kühnberger: Wir warten die Antwort des Ministeriums ab und werden uns die Begründung genau anschauen. Auf jeden Fall werden wir einen Entwurf für eine Verordnung vorschlagen, der sich 1:1 an der Verordnung für den Schwerpunkt Musik orientiert. Eine Änderung des Schulgesetzes wäre dann nicht nötig. Mir ist es sehr wichtig zu betonen, dass der Schwerpunkt MINT-EC nicht zwingend die besonders begabten Schülerinnen und Schüler im Fokus hat.

Vielmehr bietet er Möglichkeiten, Naturwissenschaften und Technik gerade auch jenen Kindern näher zu bringen, die im Elternhaus wenige Berührungspunkte damit haben. Es geht darum, Talente zu entdecken, zu entwickeln und schließlich zusammen mit unseren Kooperationspartnern optimal zu fördern. Für eine hochtechnisierte Nation mit sinkender Bevölkerungszahl ist dies ein Gebot der Zeit.

Die Fragen stellten Hanna Immich und Bernhard Böth.

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Das sagt das Kultusministerium auf hr-Anfrage zu den zertifizierten Schwerpunkten:

"Beim Übergang 4/5 ist für den Besuch eines weiterführenden Bildungsganges die Eignung für diesen vorausgesetzt, nicht jedoch die Eignung für ein mögliches schulisches Profil. Insofern stellt sich die Frage, wie zum Zeitpunkt des Übergangs 4/5 bei Grundschülerinnen und Grundschülern ermittelt werden kann, ob Schülerinnen und Schüler für ein bestimmtes MINT-Profil geeignet sind, und ob es überhaupt Sinn machen würde, dies zu ermitteln. Für das MINT-Profil einer Schule ist es nicht unbedingt entscheidend, ob Schülerinnen und Schüler besondere Begabungen und Fähigkeiten bereits mitbringen. Vielmehr geht es nach Einschätzung des Fachreferats bei MINT in erster Linie darum, Interesse für MINT zu wecken, indem z.B. der experimentelle Anteil im Unterricht gestärkt wird. Dies setzt zunächst keine besonderen Fähigkeiten oder Eigenschaften der Schülerschaft voraus. Interesse kann bei allen geweckt und Begabungen dabei entdeckt werden.

Anders verhält es sich beim Profilschwerpunkt Sport: die Entscheidung für den (Leistungs-)Sport fällt in der Regel früh, oft bereits im Grundschulalter. Die Wahl einer Schule mit sportlichem Schwerpunkt ist dann ein logischer Schritt. Demgegenüber hat der Schwerpunkt Musik nicht zwingend ausschließlich die Förderung besonders begabter Schülerinnen und Schüler im Fokus: vielmehr bietet er Möglichkeiten, Musik gerade jenen Kindern näher zu bringen, die im Elternhaus wenig Berührungspunkte haben. Die in der Grundschule vermittelten Fähigkeiten und Fertigkeiten, das, was die Schülerinnen und Schüler mitbringen, sind die Grundvoraussetzungen zum Erfolg in der weiterführenden Schule. Sie kommen, um zu lernen und nicht, um schon zu können. Die Aufgabe von Schule ist es, Talente zu erkennen, zu entwickeln und schließlich zu fördern – dies gilt umso mehr für Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern."

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