Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Psychologin Marlene Batzke über Wissenschaftler in der Corona-Krise

Marlene Batzke CESR-Institut/Querdenker

Lassen wir die Corona-Krise näher an uns ran als den Klimawandel? Die Umweltpsychologin Marlene Batzke erklärt im Interview, warum uns die persönliche Betroffenheit stärker handeln lässt. Sie spricht auch über den richtigen Umgang mit Leugnern.

Seit Monaten dominiert die Corona-Pandemie den gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Für andere Krisenherde bleibt da wenig Raum - auch wenn es wahrlich genug Redebedarf gäbe. Die Scientists4Future in Kassel setzen sich dafür ein, das Thema Klimawandel wieder stärker in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.

Gemeinsam mit dem Staatstheater in Kassel haben die "Scientists4Future"-Wissenschaftler die Veranstaltungsreihe "Kasseler Klimagespräche" ins Leben gerufen, die während der Corona-Krise auf dem Youtube-Kanal des Staatstheaters gestreamt wird. In der letzten Veranstaltung "Believe it or not - Verleugnen wir nicht alle ein wenig den Klimawandel?" ging es mit der Umweltpsychologin Marlene Batzke um die Frage, warum uns Veränderung so schwerfällt (und fallen darf).

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

hessenschau.de: Werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Corona-Krise mehr gehört als beim Klimawandel?

Marlene Batzke: Sie haben nicht mehr Einfluss oder mehr Macht und melden sich zum Klimawandel genauso wie auch zu Corona zu Wort. Man merkt in der Corona-Situation aber, dass das Thema viel mehr in der Öffentlichkeit ist und deshalb natürlich auch die dazugehörigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Weitere Informationen

Marlene Batzke

Marlene Batzke ist Psychologin und Expertin in Umweltpsychologie. Sie forscht am CESR-Institut der Universität Kassel zur Frage, wie Menschen mit ihrer Umwelt interagieren. Außerdem ist sie Mitglied der Scientists4Future in Kassel.

Ende der weiteren Informationen

hessenschau.de: Warum reagieren Menschen unmittelbarer auf Corona als auf den Klimawandel?

Batzke: Die Corona-Krise stellt eine ganz andere Art von Gefahr dar. Man kann sich Gefahr und Risiken psychologisch anschauen. Der Klimawandel entwickelt sich langsam und erscheint sehr weit weg, weil die Folgen so zeitlich verzögert sind. Deswegen fällt es uns Menschen ganz schwer, den Klimawandel zu begreifen und zu sagen: Oh ja, der ist jetzt wirklich gefährlich, und wir müssen was tun.

Bei Corona ist das anders: Wir fühlen uns alle persönlich betroffen, wir sehen, wie schlimm es in Italien war. Das war auch räumlich sehr nah. Wir hören die Schreckensgeschichten in Deutschland, kennen sogar Menschen, die davon betroffen sind. All das führt dazu, dass wir diese Angst haben und diese Gefahr sehr real finden und stärker darauf reagieren als beim Klimawandel.

hessenschau.de: Es gibt aber auch Menschen, die Corona und den Klimawandel nicht ernst nehmen oder sogar leugnen. Wie kommt es dazu?

Batzke: Das menschliche Denken ist immer motiviert und nicht rein rational. Es ist häufig davon geprägt, was wir gerne glauben wollen. Wenn eine Gefahr so abstrakt ist wie der Klimawandel, dann fällt es uns ganz schwer, ins Handeln zu kommen, weil wir nicht wissen, was wir tun sollen und was effektiv ist. Das führt dazu, dass wir eher nicht daran glauben und es uns leichtfällt, abzuwiegeln und schnell in eine Skepsis zu verfallen: Ist es wirklich eine Gefahr, wenn wir alle nichts tun?

Deswegen ist es sehr hilfreich, wenn man Menschen Dinge an die Hand gibt, die sie tun können. Dieses Handlungswissen motiviert Menschen auf verschiedene Arten. Und wenn Menschen aktiv werden, dann fühlen sie sich selbstwirksam, sie haben ein Gefühl von Kontrolle. Und das ist ganz wichtig, weil sie dann daran glauben können. Das sind die Menschen, die man noch erreichen kann.

Aber es gibt natürlich auch Menschen, die in ihren Ansichten verhärtet sind, und da ist es wirklich schwer, sie zu erreichen. Das gilt für das Klima genauso wie für Corona. Die Menschen, die den Klimawandel oder Corona leugnen und davon überzeugt sind, sind nur ein ganz kleiner Prozentsatz in der Bevölkerung - auch wenn sie bei diesen Themen immer laut auftreten. Wir müssen da hoffen, dass wir die große, stille Mehrheit erreichen und nicht unsere ganze Energie darauf verschwenden, diesen ganz kleinen Prozentsatz in der Bevölkerung erreichen zu wollen.

hessenschau.de: Was kann man der Politik im Umgang mit Skeptikerinnen und Skeptikern raten?

Batzke: Für die allgemeine Bevölkerung ist es wichtig, dass man die Menschen, die Klimawandel oder Corona leugnen, nicht so sehr in den Mittelpunkt stellt, sonst bekommt man schnell ein verzerrtes Bild. Denn es sind gar nicht so viele, wenn man sich die Umfragen anschaut.

Politikerinnen und Politiker sollten immer wieder alle ansprechen und Dinge an die Hand geben, um Menschen mitzunehmen. Das ist kein linearer Zusammenhang; soziale Bewegungen folgen anderen Wachstumsgesetzen. Wenn man also immer wieder versucht, die Menschen auf unterschiedlichen Wegen zu motivieren, werden immer mehr folgen.

Weitere Informationen

Wer sind die Scientists4Future?

Im März 2019 haben mehr als 26.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Stellungnahme unterzeichnet. Sie wollen damit die Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung unterstützen. In vielen Orten haben sich daraufhin sogenannte Scientists4Future-Gruppen gegründet, auch in Kassel. Seit August 2019 engagieren sich hier rund 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - vor allem von der Universität Kassel und dem Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik. Ihr Ziel ist es, den aktuellen Stand der Wissenschaft in Bezug auf Nachhaltigkeit und Klimawandel in verständlicher Form in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Stefanie Küster