Gerhard Amendt Uni Frankfurt
Homophob? Menschenverachtend? Der Soziologe Gerhard Amendt verteidigt sich und seine geplante Veranstaltung an der Uni Frankfurt gegen Kritik. Bild © privat/dpa/Montage hessenschau.de

Erbitterter Protest richtet sich in Frankfurt gegen einen Kongress unter Leitung des Soziologen Gerhard Amendt. Doch der bestreitet den Vorwurf der Homophobie als "hirnrissig". Im Interview fordert er von der Uni, die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen.

Er kritisiert den Feminismus und hat als führender Vertreter der Männerrechtsbewegung eine Benachteiligung seiner Geschlechtsgenossen beklagt – bei Scheidungen zum Beispiel. Und statt Frauenhäuser hat er Familienhäuser gefordert, weil auch Männer Opfer von häuslicher Gewalt würden. Auch Homophobie-Vorwürfe gegen ihn gab es schon früher. Die Proteste gegen eine von ihm geleitete Konferenz Mitte April an der Uni Frankfurt sind für den Soziologen Gerhard Amendt also keine neue Erfahrung.

Zu Beginn des Telefongesprächs mit dem 78-Jährigen fällt auf: Die Heftigkeit der Gegnerschaft, die ihm eine "menschenverachtende Haltung" gegen Homosexuelle attestiert, scheint den Soziologen trotzdem ein wenig überrascht zu haben. Doch im Interview mit hessenschau.de machte er klar: Klein beigeben kommt für ihn nicht in Frage.

hessenschau.de: Herr Amendt, die Uni sieht sich massiven Forderungen ausgesetzt, Ihrem Kongress keine Bühne zu bieten. Eine Demo ist auch schon geplant. Ziehen Sie von sich aus zurück?

Gerhard Amendt: Warum sollte ich? Die Kritik ist völlig aus den Wolken herunter geholt und hat mit der Veranstaltung absolut nichts zu tun. Es geht bei der Konferenz einzig darum, Gewalt in der Familie zu verhindern. Ein wichtiger Ansatz ist es zum Beispiel in den Blick zu nehmen, wie sich Gewalterfahrung als Gewaltausübung gewissermaßen wiederholt. Als Referenten erwarten wir Forscher aus den USA, Großbritannien, England und Israel. Das sind alles Praktiker, die auch mit Klienten zusammenarbeiten: Jugendpsychiater, Sozialpädagogen oder Kinderärzte. Wenn diese Experten erführen, was gegen die Veranstaltung in Frankfurt vorgebracht wird, wären sie gewiss irritiert.

hessenschau.de: Der Protest richtet sich ja vor allem gegen Sie persönlich. Der Hauptvorwurf lautet, Sie seien schwulenfeindlich. Sie gehörten sogar zu denen, für die Homosexualität eine Krankheit ist.

Amendt: Das ist doch völlig hirnrissig. Meine Haltung ist ganz klar: Bei Heterosexuellen wie Homosexuellen gibt es ungezählte Varianten, wie Sexualität gelebt wird. Das ist heute akzeptiert. Dagegen habe ich nichts vorzubringen, weder als Wissenschaftler noch persönlich. Es kann jeder machen, was er will, wenn kein anderer darunter leidet.

hessenschau.de: In Ihrem Aufsatz "Verständigung über Pädophilie" bringen Sie Homosexualität, Perversion und Pädophilie in einen direkten Zusammenhang.

Amendt: Zunächst ist Perversion ein Begriff, den die Forschung heute eher nicht mehr verwendet. Wir sprechen von Charakterstörungen, und die finden sich in gleichem Maße bei Heterosexuellen wie bei Homosexuellen. Und was die Pädophilie-Kritik angeht: In diesem älteren Aufsatz bezieht sie sich auf die Ereignisse an der Odenwald-Schule. Es geht also punktuell um eine kleine Gruppe von Homosexuellen, die auf Kinder zugreift, die in ihre Obhut gegeben wurden. Wer die Augen vor der Pädophilie verschließt, der unterstützt letztlich den Missbrauch von Kindern. Es gibt nämlich keine gute Pädophilie, nur weil sie ohne instrumentelle Gewalt vonstatten geht. Die psychische Gewalt ist in nichts besser. Und ich sage ja gerade: Man darf nicht verallgemeinern. Wie man daraus Homophobie machen kann, ist mir rätselhaft.

hessenschau.de: Dieser Aufsatz steht auf der Internetseite des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft (DIJG). Es wirbt für die sogenannte Konversionstherapie, andere sprechen von "Homoheilung". Nicht nur die Bundesärztekammer bekämpft das als unethisch und gefährlich.

Amendt: Ich würde das eher Aversionstherapie nennen, wie man es vom Prinzip her von den Zigarettenschachteln kennt: Man bombardiert Menschen bei missliebigem Verhalten mit abschreckenden Bildern, damit sie sich ändern. Das widerspricht all meinen Vorstellungen von Freiheit und Professionalität. Meine Position ist ganz klar: Wir leben in einer Demokratie. Jeder entscheidet selbst, ob er in eine Therapie geht und in welche. Mein Verdacht ist: Irgendwelche Leute haben da assoziativ Dinge zusammen gebracht, die nicht zusammengehören. In einem Artikel gegen mich war ja sogar von Konversationstherapie die Rede. Und mir wird sogar die Mitarbeit an solchen Aversionstherapien vorgehalten. Dagegen und gegen andere Falschmeldungen werden wir, wenn nötig, mit rechtlichen Mitteln vorgehen. Man muss damit beginnen, den Anfängen der politischen Denunziation Einhalt zu gebieten.

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Auf der Internetseite des DIJG heißt es: Man respektiere das Recht, eine homosexuelle Identität "anzunehmen". Aber: "Eine Fülle von Forschungen zeigt: Motivierte Klienten, die sich eine Veränderung wünschen, können nicht selten auch mit Unterstützung durch geeignete Therapien, geeignete Seelsorge, Selbsthilfegruppen u.ä. eine Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen erreichen." In der Rubrik "Ich will nicht schwul/lesbisch sein" werden anonym Mails homosexueller Männer und Frauen zitiert. So soll ein "Muslim, 35 Jahre" geschrieben haben: "Ich würde alles geben, wenn eine Veränderung möglich wäre, denn ich sterbe unter diesem Leiden."

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hessenschau.de: Auch heute noch steht der Aufsatz auf der DIJG-Seite. Kritiker werfen Ihnen vor, Mitarbeiter des Instituts zu sein.

Amendt: Auch das ist absurd. Da gilt offenbar: mitgefangen, mitgehangen. Der Artikel über Pädophilie ist vor vielen Jahren in der FAZ veröffentlicht worden. Das Institut hat ihn später abgedruckt. Angeboten habe ich nichts, das lief offenbar über den Verlag. Und was das DIJG betrifft: Da handelt es sich um eine evangelikale Gruppe, die mich tatsächlich auch persönlich schon kontaktiert hat. Denen habe ich im Gespräch meine Haltung gesagt: Ich lehne jede Therapie ab, die jemand nicht selbst ausgewählt hat und die nicht vollkommen freiwillig und ohne Druck zustande gekommen ist. Deshalb habe ich seit 1977, also von Anfang an, die Zwangsberatung bei Schwangerschaftsabbrüchen konsequent abgelehnt. Denn sie behandelt Frauen wie kleine Kinder und schränkt ihre Entscheidungsfreiheit ein.

hessenschau.de: Sie sollen die Uni aber auch getäuscht haben. Vor allem damit, dass Sie den Eindruck erweckten, ein aktiver Bremer Professor bemühe sich um Räume der Uni.

Amendt: Auch dieser Vorwurf ist völlig daneben und lässt sich anhand der Korrespondenz mit dem Präsidium der Universität Frankfurt widerlegen. Die wissen doch, wer ich bin und dass ich inzwischen ein Alter habe, in dem andere emeritierte Professoren auf der Couch schöngeistige Literatur lesen. Ich benutze als Emeritus wie die meisten meiner Kollegen die Mail-Adresse der Uni Bremen.

hessenschau.de: Trotzdem prüft die Frankfurter Universität aufgrund des Protestes gerade, ob sie den Mietvertrag mit Ihnen nicht kündigen kann.

Amendt: Davon ist mir nichts bekannt. Wir reden zurzeit gemeinsam über die Sicherheit des Kongresses, seiner Besucher wie des Studienbetriebs in angrenzenden Räumen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Präsidium der Uni Frankfurt zur Freiheit der Wissenschaft steht und sie gegebenenfalls auch mit den Mitteln des Rechtsstaats durchsetzt. Dafür gibt es Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. Andernfalls werden solche Eingriffe von außen sonst kein Ende nehmen. Außerdem hat der Kongress über Gewalt in der Familie enorme Bedeutung für die deutsche Forschung. Denn wir hinken hier dem Stand gut und gerne 15 Jahre hinterher.

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Viele Gegner - und Feinde

Bis zu seiner Emeritierung 2003 war Gerhard Amendt an der Uni Bremen Professor am inzwischen aufgelösten Institut für Geschlechter- und Generationenforschung. Er war Vorsitzender von Pro Familia in Bremen und Berater der Weltgesundheitsorganisation WHO. Einst galt er vielen als links-liberal. Im Streit um den Paragrafen 218 kämpfte er gegen die Beratungspflicht für Frauen vor einem Schwangerschaftsabbruch, weil der Zwang nicht in eine Demokratie passe.
Später machte er sich vor allem als Feminismus-Kritiker und bekannter Vertreter der Männerrechtsbewegung gerade im linken Lager Gegner und Feinde. Den Vorwurf der Homophobie zog er bereits auf sich, als er 2002 zum Adoptionsrecht forderte: Der Wunsch homosexueller Paare, Kinder zu haben ("homosexuelles Fortpflanzungsbegehren"), sei eine "aggressive Parodie" und mit Blick auf das Wohl der Kinder abzulehnen.

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Das Gespräch führte Wolfgang Türk.