Aufgeschlagene Site der Zeitschrift Bravo

Star-Schnitte, Foto-Lovestorys: Vor 65 Jahren ging die "Bravo" an den Start. Der Renner waren die Aufklärungs-Tipps des Dr.-Sommer-Teams. Was sich in Zeiten von Internet, Youporn und Co. an den Themen der Jugendlichen geändert hat und was nicht, erzählt hr-Jugendredakteur Helmer Hein im Interview.

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Audioseite Helmer, mit welchen Themen seid ihr bei Bubbles angetreten?

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"Wir wollten Dr. Sommer für die Generation YouTube sein", sagt hr-Redakteur Helmer Hein. Er verantwortete von Ende 2017 bis zum Frühjahr 2021 das Aufklärungs-Format "Bubbles" des funk-Netzwerks. Bubbles war ganz offen an Bravos Dr.-Sommer-Format angelehnt, hat das Spektrum der Themen aber noch erweitert. Welche das waren und was er aus seiner Arbeit mit Jugendlichen mitgenommen hat, erzählt Hein im Interview.

hessenschau.de: Ihr seid angetreten mit der Schlagzeile "Dr. Sommer für die YouTube-Generation". Was war bei euch anders als bei der Bravo - außer eben, dass ihr kein gedrucktes Medium seid?

Helmer Hein: Von den Themen her war vieles sehr ähnlich. Die Probleme, die Teenager heute haben, sind oft so ähnlich wie damals. Es kommen natürlich neue dazu, Cybermobbing zum Beispiel. Wir haben außerdem thematisch ein bisschen mehr gemacht als Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Bei uns ging es auch um Depressionen, psychische Belastungen, selbstverletzendes Verhalten, Suizidgedanken und Ähnliches.

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Bravo

Die erste Ausgabe der Bravo erschien am 26. August 1956 als "Zeitschrift für Film und Fernsehen". Auf dem Titel: Hollywoodlegende Marilyn Monroe. Der erste Starschnitt zeigte die französische Schauspielerin Brigitte Bardot. Mit der Berichterstattung über Elvis wurde die Bravo zur Musikzeitschrift. Dr. Sommer kam ab 1969 dazu. In ihrer besten Zeit mit wöchentlichem Erscheinen hatte die Bravo eine Auflage von 1,7 Millionen, geschätzt also rund sechs Millionen Leserinnen und Leser. Heute erscheint sie in der Printversion noch einmal monatlich in einer Auflage von 83.000.

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hessenschau.de: Wenn wir einmal bei der Sexualität bleiben: Man denkt ja heute, das ist die Generation Internet, die Generation Youporn, die sollten eigentlich alles schon gesehen haben und alles wissen.

Hein: Wenn Jugendliche im jungen Alter - leider - schon Pornos sehen, die zum Beispiel in WhatsApp-Gruppen geteilt werden, dann wird da ja eine Welt dargestellt, die der Realität nicht entspricht. Die haben dann die Frage: Stimmt mit mir etwas nicht, wenn ich nicht so bin oder wenn ich so etwas nicht mache? Da man merkt man einfach, dass sie ein falsches Bild vermittelt bekommen. Und dann ist es ja so: Ihnen fehlt trotzdem jemand, mit dem sie darüber reden können. Das sind oft peinliche Dinge. Damit gehe ich nicht zu meinen Eltern und auch nicht zum Vertrauenslehrer.

hessenschau.de: Hättet ihr das Format nicht endlos weitermachen können? Wie bei der Bravo wächst die Zielgruppe ja nach.

Hein: Wir haben das ja fast schon endlos gemacht. Wir haben in diesen vier Jahren, die wir Bubbles gemacht haben, die gleichen Themen immer wieder aufgegriffen - mit einem anderen Aspekt oder einem anderen Protagonisten, der das Thema anders erlebt hat.

In der Mitte haben wir die Machart geändert. Am Anfang war es so, dass sich mehrere Leute zu einem Thema geäußert haben. Dann haben wir von der Zielgruppe das Feedback bekommen: Lasst die doch mal ausreden! Also haben wir beschlossen, dass wir die Folgen nur noch mit einer Person machen - mit einem Host, der mit ihnen ins Gespräch geht. Wir haben also alles mehrfach beantwortet und die Videos sind ja noch da. Wenn die nicht mehr up to date sind, wird es Dr. Sommer 3.0 geben müssen.

hessenschau.de: Was hast du persönlich mitgenommen, vielleicht auch gelernt aus dieser Zeit?

Hein: Es ist einfach erschreckend zu sehen, wie groß der Druck auf Jugendliche in unserem Land ist. Wenn ich mich zum Beispiel an meine Jugend erinnere, dann hatte ich immer das Gefühl, dass die Mitschülerinnen und Mitschüler, die Druck hatten, den meistens vom Elternhaus bekamen. Etwa: Bub, du musst mal gute Noten schreiben, wenn aus dir was werden soll!

hessenschau.de: Und heute?

Hein: Heute kommt der Druck von den Mitschülerinnen und Mitschülern. Die vergleichen sich. Das ist so immens, da geht es nicht nur um Klamotten oder das neuste Handy, sondern auch: Wie bin ich in der Schule, mit wem bin ich befreundet? Es gab Jugendliche, die haben uns erzählt, dass bei der Partnerwahl nicht die großen Gefühle im Vordergrund standen, sondern die Frage: Was hat er/sie für ein Standing an der Schule und wie kann das auf mich abfärben? Stehe ich dann gut da oder stehe ich sogar schlechter da?

Hinzu kommt, dass in vielen Familien offensichtlich ein harter Umgangston herrscht. Dahingehend habe ich viel mitgenommen - und beruflich, dass man sich viel mehr mit den Menschen, für die man Programm macht, auseinandersetzen sollte und nicht selber glauben, dass man schon weiß, wie man etwas macht und dass das schon richtig ist. Das heißt nicht, dass man die redaktionelle Hoheit abgibt. Wir entscheiden immer noch, welche Themen wir nehmen und wie wir sie umsetzen. Aber zu gucken: Wo drückt bei der Zielgruppe der Schuh? Welches Problem können wir für sie lösen? Wie wollen sie das haben?

hessenschau.de: Zum Beispiel?

Hein: Wir hatten am Anfang ganz viele schnelle Schnitte. Es war grell, es gab Blitze. Da haben die Nutzerinnen und Nutzer irgendwann geschrieben: Sagt mal, ist euer Cutter eigentlich auf LSD? Können ihr das vielleicht etwas ruhiger erzählen? Daran sieht man: Wir denken, die jungen Leute brauchen ganz viel ganz schnell. Aber die sagen: Nein, das ist ein wichtiges Thema. Das wollen wir uns in Ruhe anhören.

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