Ein Kreuz und Scrabble-Buchstaben mit den Worten Kirche, Reform und Demut.

Missbrauch, Männer-Macht und Austrittswelle: Der Synodale Weg soll die katholische Kirche aus ihrer tiefen Krise führen. In Frankfurt beginnt die erste Vollversammlung. Stadtdekan Johannes zu Eltz glaubt, dass noch was zu retten ist.

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Als könne sie es nicht ernst genug meinen, macht sich die katholische Kirche in Deutschland an diesem Donnerstag gleich doppelt auf zu tiefgreifenden Reformen: 230 Kleriker und Laien bestreiten drei Tage lang im Frankfurter Dom die erste wichtige Etappe des im Dezember begonnenen Synodalen Wegs, übersetzt also des gemeinsamen Weg-Weges.

Denn immer weniger Menschen erreicht die Kirche mit ihrer christlichen Botschaft. Viele haben sich in Folge des weltweiten Missbrauch-Skandals abgewandt. Und "Maria 2.0" bestreikt ihre Gottesdienste.

Diese Frauenbewegung geht den Synodalen Weg aus Angst vor Vereinnahmung erst gar nicht mit, Konservative bremsen, vom "Schwatz zum Credo" schreibt die FAZ spöttisch. Der Frankfurter Stadtdekan und Reformer Johannes zu Eltz ist trotzdem dabei, als einer der Vertreter des Bistums Limburg.

hessenschau.de: Herr zu Eltz, entschuldigen Sie die Entmutigung gleich zu Beginn. Aber lohnt sich bei all den Skandalen und Affären, der Skepsis und den Widerständen die Mühe überhaupt?

Johannes zu Eltz: Klar lohnt sich das. Da braucht man gar nicht an Luther und das Apfelbäumchen zu denken. Es ist immer wichtig, sich mit allen Kräften für das einzusetzen, was man richtig findet und nach Wegen zu suchen, es durchzusetzen.

hessenschau.de: So viel Gottvertrauen haben aber immer weniger Katholiken. Der Mitgliederschwund ist dramatisch, gerade auch in Frankfurt.

Zu Eltz: Bei uns sind die Austritte durch die Decke gegangen. Manche sagen dann: Die sind eigentlich kein Verlust für die Kirche, die glauben eh’ alle nicht wirklich. Das macht mich wütend. Wer so redet, kennt die Leute nicht, und dem ist am Ende die Kirche auch egal. Da geht es nur noch um institutionelle Selbsterhaltung.

Mich interessieren aber die Menschen, die bei uns leben, die glauben und beten. Das tun sie nämlich noch in großer Zahl. Aber diese Menschen möchten ihre Kirche in einer Gestalt, derer sie sich nicht schämen müssen. Wenn die Kirche die bischöfliche und bürgerliche Volkskirche bleiben will, für die ich einmal angetreten bin, bekommt sie mit dem Synodalen Weg wirklich ihre letzte Chance.

Stadtdekan Johannes zu Eltz

hessenschau.de: Vier zutiefst umstrittene Themen stehen auf der Agenda: Sexualmoral, priesterliche Lebensform, Macht und die Rolle der Frau. Wo brennt es am stärksten?

Zu Eltz: Die Stellung der Frau ist jetzt das wichtigste Thema. Es steht für die Grundforderung nach Gerechtigkeit in unserer gesamten Gesellschaft. Wenn man bei diesem Thema als ungerechte Institution gilt, braucht man den Menschen mit allem anderen gar nicht zu kommen, was Kirche ist und macht. Auch nicht mit dem, was unsere Hauptsache ist: Was wir von Jesus zu sagen haben. Frauen außen vor zu halten, bloß weil sie Frauen sind, ist ein No-Go, nicht nur im Grundgesetz.

hessenschau.de: Also die Priesterweihe auch für Frauen.

Zu Eltz: Ich spreche erst einmal von der Diakoninnenweihe. Das ist ein vernünftiger Ansatz, weil wir der Weltkirche und dem Papst vermitteln müssen, was wir hier für nötig halten. Da helfen Maximalforderungen nicht weiter. Die Diakoninnenweihe sollte aber ohne viel Federlesen kommen, und zwar sofort.

hessenschau.de: Immerhin bekommen Sie anders als andere Reformer keine Probleme mit Ihrem Bischof. Sie haben Rückendeckung von Georg Bätzing.

Zu Eltz: Der Limburger Bischof hat sein Amt behutsam und hinhörend angetreten. Je tiefer er Einblick nimmt, umso deutlicher sieht er die Notwendigkeit für Reformen. wie sie jetzt im Synodalen Weg angezeigt sind. Das macht mich froh, und ich unterstütze ihn auf der ganzen Linie.

hessenschau.de:  Aber droht nicht eine noch tiefere Spaltung zwischen Reformern und Konservativen? Maßgebliche Männer wie der Kölner Kardinal Woelki oder der Regensburger Bischof Voderholzer finden die Themen falsch und die personelle Besetzung der Versammlung auch. Die wollen das alles doch gar nicht.

Zu Eltz: Da bin ich emphatisch anderer Meinung, was die Spaltung betrifft. Es ist wie bei Verletzungen: Wenn man eine Wunde nur zudeckt und abklebt, dann sieht man vielleicht von außen nichts. Aber innen fault das Fleisch und der Organismus wird vergiftet. An die Wunde der Kirche, an diesen Riss, muss unbedingt Licht und Luft. Wir brauchen eine offene Auseinandersetzung.

hessenschau.de:  Kardinal Woelki hat aber gerade noch einmal klar gemacht, dass ihm die Reformversammlung gar nichts zu sagen hat. Jeder Bischof entscheide selbst, was er am Ende mit den Vorschlägen macht.

Zu Eltz: Ich kann diese konservativen oder auch reaktionären Linien gut nachvollziehen. Ich finde sie halt nicht zielführend. Richtig ist aber, dass die Kirche aus den Ortskirchen besteht und kein zentralistisches Unternehmen mit Filialen ist. Das dürfen wir nicht antasten. Mit der Verwirklichung guter Reformen in mutigen Bistümern wird Aufbruchstimmung kommen und auch heilsamer Druck entstehen. Dann werden auch die anderen Bistümer dem Weg folgen.

hessenschau.de: Hinter der Kritik steht wohl auch die Sorge, dass die katholische Kirche am Ende einfach nur noch evangelisch ist.

Zu Eltz: Mit solchen Etiketten kann man mich überhaupt nicht schrecken. Diese Fixierung auf Abgrenzung und Ausgrenzung ist nicht katholisch. Das ist neu-rechtes, identitäres Denken. Unser Horizont ist viel weiter. Wir müssen imstande sein, das Gute und Bewährte aus den evangelischen Kirchen zu integrieren, wenn es zu uns passt und uns weiterhilft. Alles andere wäre doch hirnrissig.

hessenschau.de: Die nächsten Treffen sind schon geplant. Wo wird die Kirche am Ende des Reformwegs angekommen sein?

Zu Eltz: Zu Beginn wird es uns erst einmal gelingen, miteinander zu reden und nicht übereinander herzufallen. Man darf den Auftakt auch nicht überfrachten. Am Ende wird stehen, dass in allen vier Feldern starke Beschlüsse gefasst werden. Das werden Beschlüsse sein, die entweder direkt in den Ortskirchen verwirklicht werden, oder deren Umsetzung die große Mehrheit der Bischöfe mit Nachdruck von Papst und Weltkirche verlangt.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 30.01.2020, 13 Uhr