Franziska Böhler

Mit einer ungewöhnlichen Sendung haben die Moderatoren Joko und Klaas Schlagzeilen gemacht: Sieben Stunden lang ging es um den Pflegenotstand in Deutschland. Mit dabei war Franziska Böhler, eine Pflegerin aus der Nähe von Frankfurt. Im Interview erzählt sie von ihrem Alltag.

Der Privatsender ProSieben hat am Mittwochabend auf Betreiben der Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sieben Stunden Sendezeit freigeräumt, um mit einer Doku ohne Werbeunterbrechung auf Deutschlands Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Unter dem Motto #nichtselbstverständlich wurde mit Hilfe einer Bodycam in Echtzeit die Schicht einer Krankenpflegerin gezeigt.

Parallel kamen zahlreiche Frauen und Männer aus Krankenhäusern und Altenheimen zu Wort, um auf die Probleme in der Pflege hinzuweisen. Darunter war auch die Pflegerin, Autorin und Influencerin Franziska Böhler, die 13 Jahre lang auf einer Intensivstation bei Frankfurt gearbeitet hat. Sie war sofort dabei, erzählt sie im Interview. Denn auch nach einem Jahr Pandemie hätten die Pflegenden keine Anerkennung erfahren.

hessenschau.de: Frau Böhler, wie haben Sie reagiert, als ProSieben um die Ecke kam und angefragt hat, ob Sie Teil der Sendung #nichtselbstverständlich sein möchten?

Böhler: Als ich erfahren habe, dass es für Joko & Klaas sein soll, habe ich natürlich sofort zugesagt. Die Reaktionen sind auch überragend. Ich habe heute Morgen erst einmal gegoogelt und gecheckt, was die Presse so schreibt. Das ist Wahnsinn, es berichtet wirklich jedes Medium darüber.

hessenschau.de: Was kann eine solche Sendung aus Ihrer Sicht bewirken?

Böhler: Die Sendung startete zur Primetime! Es war die beste Sendezeit und es war werbefrei. Es war ein Statement und ein Novum, dass ein Privatsender dem Thema Pflegenotstand eine solche Plattform bietet. Und das in der Länge. Und dann war es das echte Leben. Die Kollegin hat mit einer Bodycam gearbeitet. Die Sendung hat das widergespiegelt, was Menschen, die nicht aus dem Job kommen, gar nicht mitkriegen. Was für ein Rattenschwanz an dem Beruf hängt, die Dokumentation zum Beispiel und vieles mehr.

hessenschau.de: Gerade im vergangenen Corona-Jahr wurde immer wieder über den Pflegenotstand berichtet. Hat sich für die Pflegekräfte irgendetwas getan?

Böhler: Nein, gar nichts. Die mentale Einstellung der Kolleginnen und Kollegen in der Pflege hat sehr gelitten, weil wir von politischer Seite mit Zuckerbrot und Peitsche durch dieses Jahr getrieben wurden, mit leeren Versprechungen, mit Worthülsen. Vor allem die Symbolpolitik, die betrieben wurde, ist mir ganz bitter aufgestoßen. Da sind blaue Cremedosen verschenkt worden und Plätzchen, es wurden Lavendelbüsche gepflanzt.

Dass man immer noch nicht verstanden hat, dass wir das gar nicht wollen, sondern längerfristige Neuerungen auch monetärer Art - das spiegelt für mich wider, dass wir einfach nicht ernst genommen werden.

hessenschau.de: Sie sprechen das Geld an: Sind zumindest die versprochenen Corona-Prämien angekommen?

Böhler: Teilweise ja. Aber auch da haben Politik und Arbeitgeber ganz zynisch ausgerechnet, wer eigentlich berechtigt ist. Es gab Pflegekräfte an Kliniken, die nichts bekommen haben, weil diese einen Corona-Patienten-Durchschnitt um zwei Patienten verfehlt hat. So etwas ist für mich nicht nachvollziehbar.

hessenschau.de: Und es frustriert zusätzlich.

Böhler: Die Kolleginnen und Kollegen sind nicht einfach nur demoralisiert. Bei der Recherche für mein Buch sind wir auf den Begriff der "moral injury" (z.Dt. moralische Verletzung) gestoßen. Das ist ein Begriff, der eigentlich aus dem Militärbereich kommt und Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung beschreibt. Auffällig war, dass diese Soldaten nie direkt an Einsätzen mit Todesopfern beteiligt, sondern indirekt betroffen waren. Das kann man auf die Pflege übertragen.

Man ist durch die Rahmenbedingungen gezwungen, tagtäglich gegen die eigenen Wertvorstellungen zu verstoßen. Das macht die Psyche kaputt. Es frisst die Pflegenden von innen auf, wenn sie ihren Job gut machen wollen, es aber nicht können. Man kann alles nur halb machen - muss zum Beispiel einen Patienten eine halbe Stunde in seinen Ausscheidungen liegen lassen, vergisst ein Medikament in der größten Hektik, muss Patienten alleine sterben lassen, hat keine Zeit, sich um die Angehörigen zu kümmern. Das verzeiht man sich nicht.

hessenschau.de: Was sind neben der Bezahlung die größten Probleme, die die Politik nun angehen müsste?

Böhler: Es sind einfach unsere Rahmenbedingungen. Man muss sich doch fragen, warum den Job keiner mehr machen will. Warum steigen so viele aus, warum können wir keinen Nachwuchs generieren? Warum ist die durchschnittliche Verweildauer so kurz? Das Berufsbild ist nach außen nicht mehr attraktiv, man muss schwer körperlich arbeiten und kämpft mit einer starken psychischen Belastung.

Also: Wir brauchen mehr Kolleginnen und Kollegen und die brauchen Anreize, diesen Beruf ausüben zu wollen. Und da ist es mit einem Dankeschön und einem Mindestlohn, der vielleicht um einen Euro steigt, nicht mehr getan.

hessenschau.de: Dabei füllen sich die Intensivstationen jetzt wieder.

Böhler: Ja, das ist angesichts der steigenden Infektionszahlen nur logisch. Viele Kolleginnen und Kollegen ziehen aber die Konsequenz: Es gibt eine aktuelle Abfrage, danach wollen allein in diesem Jahr 9.000 Pflegende den Beruf verlassen. Auch in meinem Bekanntenkreis hat eine richtige Berufsflucht eingesetzt.

hessenschau.de: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie dann auch noch die sogenannten Querdenker demonstrieren sehen?

Böhler: Das fühlt sich an wie eine Ohrfeige. Maßnahmen kritisch zu hinterfragen, ist eine Sache. Sich aber ohne Mund-Nasen-Schutz mit 20.000 Menschen auf einen Platz zu quetschen und Schilder mit der Aufschrift "Corona ist eine Erfindung" hochzuhalten, das macht mich sprachlos.

hessenschau.de: Nun haben Sie im vergangenen Jahr aus familiären Gründen die Abteilung gewechselt, sind von der Intensivstation in die Anästhesie gegangen - der Pflege sind Sie aber treu geblieben. Warum?

Böhler: Wenn ich überlege, was ich alternativ machen könnte, fällt mir tatsächlich nichts ein. Es ist auf der anderen Seite ja so, dass die Arbeit sehr sinnstiftend ist. Mir fällt nichts ein, das mir am Ende des Tages so viel zurück gibt. Ich habe eine anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen, ich bin kognitiv gefordert und muss den ganzen Tag 100 Prozent geben. Das macht die Mischung aus.

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Franziska Böhler...

.. ist 33 Jahre jung. Sie hat von 2007 bis 2020 als Krankenschwester auf einer Intensivstation in der Nähe von Frankfurt gearbeitet. Im Mai 2020 wechselte sie von der Intensiv- auf eine anästhesiologische Station. Im August 2020 erschien im Heyne Verlag ihr Buch "I'm a Nurse: Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe - trotz allem", das zwischenzeitlich auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste war. In dem Buch beschreibt sie Fallgeschichten aus ihrem Krankenschwester-Alltag.

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Das Gespräch führte Sonja Fouraté.