Stadtbücherei Frankfurt

Seit die Stadtbücherei auf der Frankfurter Zeil vor 13 Jahren umgezogen ist, steht das Gebäude leer. Die Eigentümer, ein Ex-Bordellkönig und ein Kinderarzt, sind sich uneins - und bremsen damit die Stadtentwicklung aus.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ex-Bordellkönig kauft sich bei alter Stadtbücherei ein

Stadtbücherei Frankfurt
Ende des Audiobeitrags

Vom Image des Bordellkönigs hat sich Hersch Beker längst losgesagt. Der Frankfurter, der einst Laufhäuser im Bahnhofsviertel betrieb und schon wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis saß, sieht sich als seriöser Geschäftsmann. Nun hat er sich in eine Immobilie eingekauft, die Jahrzehnte lang für Bücher und Bildung stand: Die alte Stadtbücherei am östlichen Ende der Zeil, Frankfurts bekannter Einkaufsstraße.

Bekers Hausverwaltung residiert immer noch im Frankfurter Bahnhofsviertel. Dort soll man anrufen, wenn man in der alten Stadtbücherei etwas mieten will. So steht es auf großen gelben Plakaten an den Schaufenstern des leeren Gebäudes, auf Deutsch, Englisch und Türkisch. Eigentümer seien Beker und "eine weitere Person", heißt es rätselhaft. Wer ist die "weitere Person"?

Miteigentümer gefunden

Von Beker selbst gibt es darauf keine Antwort. In einem sehr kurzen Telefonat macht der 76-Jährige klar, dass er sich nicht äußern will. Doch der hr findet den Miteigentümer: Es ist der Mediziner Jechil Sieratzki, der die Immobilie zu einem Drittel besitzt. Er hat den Anteil von seinen Eltern geerbt. Sieratzki hält gar nichts von den gelben Plakaten, die so merkwürdig formuliert sind. "Schändlich und schädlich für das Haus" nennt er sie. Beker habe sie ohne sein Einverständnis angebracht.

Sieratzkis Eltern haben nach dem Krieg das Trümmergrundstück an der Zeil gekauft und das Haus gebaut, zusammen mit zwei anderen Familien. Ein schmuckloser Zweckbau im Stil der frühen 60er Jahre, aber mit 10.000 Quadratmetern ziemlich groß und in bester Lage. Mit seiner breiten Schaufensterfront wirkt er immer noch modern – wären da nicht die schief hängenden Jalousien und die Altersflecken auf der Fassade.

Anteile heimlich an Beker verkauft

Einst lockte dort der Elektrohandel Bieberhaus die Massen, der Mediamarkt seiner Zeit. Vom E-Herd bis zum Musikdeck gab es alles, was in der Analog-Ära die Augen leuchten ließ. Mitte der 70er übernahm sich Bieberhaus mit neuen Filialen, ging bankrott und die Stadtbücherei zog ein. Es war die Blütezeit des Hauses, mit mehreren tausend Besuchern täglich. Sieratzki gerät in Schwärmen, wenn er davon erzählt.

Doch das ist Geschichte. Die Bücherei ist vor 13 Jahren weggezogen. Pläne, das Haus an die Justizbehörden zu vermieten, zerschlugen sich, genauso wie andere Geschäftsideen. Die anderen beiden Eigentümerfamilien hätten das Interesse am Haus verloren, sagt Sieratzki. Hinter seinem Rücken hätten sie ihre Anteile an Beker verkauft.

Ex-Amtsleiter vertritt Ex-Bordellkönig

Der Kinderneurologe und der Bordellier a.D. – zwei sehr unterschiedliche Charaktere sind nun Geschäftspartner. Zu einem Treffen der beiden soll Beker in Begleitung eines Ex-Schwergewichtsboxers erschienen sein. Das habe aber ihn nicht eingeschüchtert, schmunzelt Sieratzki, eher amüsiert. Auch anwaltlich lässt sich Beker von einem Schwergewicht beraten: Von Alfred Gangel, bis vor wenigen Jahren Leiter des Frankfurter Liegenschaftsamtes und intimster Kenner der städtischen Immobilienszene.

Für die Stadt hat Gangel früher gegen Beker prozessiert, nun vertritt er ihn. Der Frankfurter Stadtpolitik sind bei all dem die Hände gebunden. "Wir müssen darauf setzen, dass die Eigentümer sich einigen", sagt Marcus Gwechenberger, Sprecher des Frankfurter Planungsdezernat. Eine gesetzliche Grundlage, um gegen Leerstand vorzugehen, gibt es in Hessen nicht.

Ginge es nach Gewechenberger, könnten in der alten Bücherei auch Wohnungen entstehen. Auch der Minderheitseigner Sieratzki ist dazu bereit. Er stehe einer positiven Entwicklung nicht im Wege, sagt er auf hr-Anfrage. Vorausgesetzt, er und Beker entscheiden gleichberechtigt. Doch dazu ist Beker bisher offenbar nicht bereit. Was er wirklich mit dem Haus will, darüber lässt der schillernde Investor noch alle im Unklaren. Und so lange herrscht Stillstand.

Sendung: hr4, 19.10.2020, 15:30 Uhr