Dr Shulman Cyberexpertin Darmstadt

Die Forschung zur Cybersicherheit sei in Deutschland top, die Kinderbetreuung schlecht, sagt die IT-Sicherheitsexpertin Haya Shulman. Die Israelin arbeitet am Fraunhofer Institut in Darmstadt und berichtet im Interview, wie sie versucht, Kinder und Karriere zusammenzubringen.

Haya Shulman arbeitet täglich daran, das Internet sicherer zu machen. Die 41-jährige Israelin ist eine der wenigen Frauen in der IT-Branche. Sie leitet die Abteilung Cybersecurity Analytics and Defenses am Fraunhofer Institut SIT in Darmstadt und den Forschungsbereich Analytics Based Cybersecurity am Nationalen Forschungszentrum für angewandte Cybersicherheit ATHENE. Gleichzeitig ist sie Mutter von drei kleinen Kindern. Wie sie das schafft? Ein Gespräch zum Weltfrauentag.

hessenschau.de: Frau Shulman, wie ist der Arbeitsalltag einer Cybersicherheitsexpertin?

Shulman: Ich betreue am Fraunhofer Institut SIT mehrere Forschungsprojekte. Außerdem kontrolliere ich ständig: Finden im Internet Cyberangriffe statt? Welche Schwachstellen hat das Netz? Wie häufig wird angegriffen?

Ich entwickle dann Programme, die eben genau solche Schwachstellen aufsuchen können. Im Endeffekt heißt das: programmieren, programmieren, programmieren.

hessenschau.de: Ihre Forschung zahlt sich aus: Sie haben dieses Jahr den deutschen IT-Sicherheitspreis gewonnen. Wofür genau?

Shulman: Ich habe ein Werkzeug entwickelt namens "Cache Test". Es macht das Internet sicherer gegen kriminelle Angreifer. Firmen, Regierungen, Behörden können damit ihre DNS-Server auf Schwachstellen testen. Zu jeder Zeit, wann immer sie wollen.

"Cache Test“ läuft voll automatisch, ist momentan kostenlos, schnell. Am Ende der Prüfung spuckt das Programm einen Bericht aus, welche Schwachstellen es gibt und wie man diese beheben kann. Das ist so einfach zu bedienen. Das kann wirklich jeder, der es schafft, eine Internetseite aufzurufen.

hessenschau.de: Es ähnelt also einem Antiviren-Programm fürs Internet?

Shulman: Es soll Sie jedenfalls auch schützen. Ich erkläre es mal so: Ein großes Problem bei der Kommunikation im Internet ist die Verkehrsumleitung. Sagen wir mal, Sie rufen die Seite Ihrer Bank auf. Dann erreichen Sie die Seite, in dem Sie die Internetadresse eingeben: namederbank.de.

Der DNS-Server sorgt dafür, dass Sie bei der IP-Adresse Ihrer Bank landen. Das kann man sich vorstellen wie bei einem Telefonbuch: Sie kennen den Namen, der DNS-Server kennt die Nummer der IP-Adresse. Wenn die Verknüpfung hergestellt ist, können Sie über das Internet mit Ihrer Bank kommunizieren, sich einloggen, Bankgeschäfte erledigen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Haya Shulman erklärt "Cache Test"

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hessenschau.de: Wo genau ist die Schwachstelle in diesem System?

Shulman: Kritisch wird’s in dem Moment, wo der DNS-Server Ihrem gesuchten Namen die IP-Adresse zuordnet. Genau da greifen Kriminelle an. Die senden Ihnen eine falsche IP Adresse zu. Sie landen also auf einer gefälschten Seite Ihrer Bank, die aber täuschend echt aussieht.

Da geben Sie wie gewohnt alles ein: Zugangsdaten, Kontonummern, und der Angreifer kann genau das alles mitlesen und speichern. Das fällt nicht auf, weil ihre Daten gleichzeitig trotzdem bei der echten Bank landen. Im schlimmsten Fall wird so Ihr Konto leergeräumt. Mein Programm kann genau das verhindern, indem es Schwachstellen beim DNS-Server aufzeigt. Das gab es so vorher noch nicht.

Weitere Informationen

Der deutsche IT-Sicherheitspreis

Der Preis wird seit 2006 alle zwei Jahre verliehen und ist mit 200.000 Euro dotiert. Der Preis wurde von der Horst-Görtz-Stiftung ins Leben gerufen. Damit soll IT-Sicherheit "made in Germany" gefördert werden, vor allem aber auch Deutschland als innovative Wirtschaftskraft gestärkt werden. Weitere Infos über den Preis und die Gewinner gibt es hier.

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hessenschau.de: Der IT-Sicherheitspreis gilt als bedeutendste Auszeichnung in der Branche. Macht Sie das stolz?

Shulman: Klar, auf der einen Seite schon. Auf der anderen Seite waren viele richtig tolle Vorschläge dabei. Die Konkurrenz ist riesig und bringt super Ergebnisse. Deutschland steht ziemlich gut da, was das Thema Cybersicherheitsforschung angeht.

Ich komme ja aus Israel, habe dort studiert und promoviert. Und auch wenn es immer heißt: Israel sei die Cybernation - Deutschland braucht sich dahinter nicht zu verstecken. Den Bereich Angewandte Cybersicherheitsforschung, in dem ich arbeite, den gibt es beispielsweise nur hier in Deutschland.

hessenschau.de: Nun sind Sie auch die erste Frau, die diesen Preis abgeräumt hat. Ist die IT-Branche immer noch in Männerhand?

Shulman: Ja. Es gibt wenige Frauen in der IT. Ich arbeite am Fraunhofer Institut in einem 20-köpfigen Team, darunter drei Frauen. Die Gründe sind offensichtlich. Es ist ja nicht nur in der IT so. In so vielen Branchen gibt es zu wenige Frauen. Woran das liegt?

Meiner Meinung nach hat Deutschland ein Problem bei der Kinderbetreuung. Wenn hier eine Frau ein Kind bekommt, dann ist sie mindestens ein Jahr zu Hause. Die Betreuungsangebote für Kinder unter einem Jahr sind quasi nicht vorhanden.

In Israel ist das ganz anders. Da habe ich als Frau die Möglichkeit, mein Kind im Alter von acht Wochen betreuen zu lassen, wenn ich das möchte. Ich habe das Gefühl, hier in Deutschland müssen sich Frauen immer noch entscheiden: entweder Kind oder Karriere. Das ist doch keine moderne Gesellschaft.

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zum Video Der 110. Weltfrauentag

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hessenschau.de: Sie haben selbst drei Kinder. Wie schaffen Sie das?

Shulman: Meine Kinder sind vier und zwei Jahre alt, das jüngste neun Monate. Mein Mann hilft viel, wir regeln das 50 zu 50. Mit meinem ersten Kind musste ich zwei Jahre lang Vollzeit arbeiten, ohne Betreuung. Weil wir einfach keinen Kita-Platz gefunden haben.

Ich habe das Kind überallhin mitgeschleppt, auf Reisen nach Berlin, München, oder eben hier ins Büro. Das ging bei mir, weil ich im wissenschaftlichen Bereich arbeite. Da ist das Verständnis noch größer als in der Industrie.

Und dann fragen sich hier alle überrascht: Warum gibt es so wenig Frauen in Führungspositionen? Ich will gar nicht aussprechen, wie ich das finde. Und ich glaube, den Deutschen ist gar nicht bewusst, wie schlecht das hier läuft. Ich habe in Israel und in den USA gelebt, und ich weiß, das geht besser.

hessenschau.de: Was müsste sich Ihrer Ansicht nach ändern, um den Frauenanteil in der IT-Branche zu steigern?

Shulman: Natürlich die Betreuungssituation für Kinder. Außerdem glaube ich, das ist ein gesellschaftliches Problem. Frauen brauchen weibliche Vorbilder, um zu sehen: Hey, ich als Frau kann mich mit IT beschäftigen. Genau in dem Bereich versuche ich, etwas zu bewegen.

Ich habe zum Beispiel eine Konferenz ins Leben gerufen, die nennt sich "Women in Cybersicherheit". Das ist eine Konferenzreihe, zu der ich überwiegend prominente Frauen einlade aus der Industrie, Wissenschaft oder Politik.

Und die erzählen über Probleme und Herausforderungen in Sachen Cybersicherheit. Und ihre Geschichte: Wie sind sie erfolgreich geworden? Welche Tipps haben sie? Ich will dadurch junge Wissenschaftlerinnen und Studentinnen motivieren und inspirieren. Wir können in der IT genau so erfolgreich sein wie die männlichen Kollegen.

hessenschau.de: Ist Ihre Arbeit in Zeiten von Lockdown und Homeoffice wichtiger denn je?

Shulman: Auf jeden Fall! Es gibt tatsächlich viel mehr Angriffe seit Corona. Die Menschen arbeiten im Homeoffice, loggen sich in die Betriebsserver ein, nutzen aber keine Verschlüsselungen oder Ähnliches. Die Angriffsfläche ist viel, viel größer geworden. Angreifer wollen ausnutzen, dass sich die normalen Nutzer zu Hause kaum schützen.

Das Gespräch führte Silke Sutter.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 08.03.2021, 18.00 Uhr.