Hass im Netz, Studie wird vorgestellt
Hass ist keine Meinung: Aktivisten der Organisation Campact in Wiesbaden. Bild © picture-alliance/dpa

Im Internet ist jeder dritte Hesse einer Studie zufolge schon mal beleidigt oder bedroht worden. Viele Menschen trauen sich deshalb nicht mehr, ihre Meinung noch online zu äußern. Junge Menschen trifft es besonders hart.

Beleidigen, die Familie angreifen, Angst machen: Im Internet kursieren Anleitungen, wie man anderen das Leben online zur Hölle zu machen kann. Die Auswirkungen von Hate Speech, hasserfüllter Sprache, wurden von der gemeinnützigen Kampagnenplattform Campact mit einer Pilotstudie in Hessen untersucht.

Insgesamt wurden dafür 1.200 Hessen befragt, die Ergebnisse wurden am Donnerstag in Wiesbaden vorgestellt. Ein Drittel der Befragten gab an, schon einmal im Internet beleidigt worden zu sein - bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 waren es sogar 69 Prozent.

Angst, eigene Meinung zu äußern

Die Arten des Hasses sind breit gefächert: Opfer berichten von Beleidigungen und Drohungen gegen ihre Familien, von sexueller Belästigung, Androhung körperlicher Gewalt oder der Drohung, jemanden öffentlich zu blamieren und Unwahrheiten zu verbreiten.

Die Studie ergab auch, dass diese Belästigungserfahrungen schwerwiegende Folgen haben. Hier haben jüngere Menschen ebenfalls besonders zu kämpfen: 83 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben negative Folgen an, 30 Prozent von ihnen klagten über Depressionen in Folge von Belästigungen, aber auch über körperliche Reaktionen wie Übelkeit und Kopfschmerzen.

"Schleichender Angriff auf die Demokratie"

Die Bedrohungen im Netz führen der Studie zufolge dazu, dass die Hälfte der hessischen Internetnutzer sich nicht mehr trauen, im Internet ihre politische Meinung zu äußern und zu diskutieren - aus Angst vor einem Shitstorm. Die Studienmacher sprechen aus diesem Grund von einem "schleichenden Angriff auf die Demokratie".

Hate Speech sei nicht nur ein Problem für das Opfer, sondern werde zu einem gesellschaftlichen Problem. Auffällig: AfD-Anhänger gaben deutlich seltener als der Durchschnitt der Befragten an, sich aus Angst vor Beleidigungen weniger zu äußern.

Lautstarke Minderheiten

Die Studienmacher gehen davon aus, dass der Hass im Netz zu Verdrängungen und Verzerrungen führen kann, etwa weil rechtsextreme Positionen eher als "Durchschnittsmeinung" wahrgenommen werden könnten. Und weil es Minderheiten durch Organisierung und lautstarkes Auftreten gelinge, die eigene Position weit zu verbreiten und gleichzeitig Andersdenkende durch aggressive Sprache zu verdrängen.

72 Prozent der Hessen wünschen sich, dass Hasskommentare nicht länger toleriert werden - und zwar egal, ob sie gegen Gesetze verstoßen oder nicht. Und die Befragten erwarten von der Landesregierung ein stärkeres Engagement gegen den Hass im Netz. Große Zustimmung bekamen Vorschläge wie Weiterbildungen für Schüler und Lehrer, Opferberatungsstellen, Ermittlungsstellen bei den Staatsanwaltschaften und vereinfachte Möglichkeiten für die Opfer, gegen die Täter zu klagen.

Fake News vor der Landtagswahl?

Campact-Geschäftsführer Felix Kolb kritisiert, dass nur ein Bruchteil der Täter angezeigt, geschweige denn verurteilt werde. Die Landesregierung habe zu wenig getan, Opfer stießen häufig auf Polizei und Staatsanwaltschaften, die nicht für Hassrede im Netz sensibilisiert seien. "Wir müssen Täterinnen und Täter endlich konsequent strafrechtlich verfolgen, damit die Mehrheit sich weiter im Netz frei bewegen kann", forderte Campact-Aktivistin Anna-Lena von Hodenberg am Donnerstag in Wiesbaden.

Auch die Landtagswahl Ende Oktober sehen viele Hessen durch Verhalten anderer Internetnutzer beeinträchtigt: Jede zweite befragte Person hielt es in der Studie für vorstellbar, dass Fake News im Internet die Wahl beeinflussen.

Sendung: hr-iNFO, 11.10.2018, 13 Uhr