Leichtbauhallen in einer Reihe, von außen fotografiert. Vor den Eingängen stehen jeweils Sicherheitskräfte.

Die Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Gießen ist derzeit besonders voll - und wird von einer Coronawelle erfasst. Hunderte Menschen befinden sich in Quarantäne in provisorischen Hallen. Der Flüchtlingsrat übt deutliche Kritik an den Zuständen.

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Corona-Ausbruch in Erstaufnahme in Gießen

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Jede Nacht liegt Amir Fahem* in seinem Hochbett und guckt hoch auf das weiße Kunststoffdach, das er sich momentan mit knapp drei Dutzend anderen Männern teilt. Er hofft, dass in der Halle nicht gleich wieder das Licht angeht, weil einer der Bewohner aufsteht oder auf die Toilette geht und der Bewegungsmelder reagiert.

Die Männer in der Halle teilen sich allerdings nicht nur das Dach und das Licht, sondern auch die Luft zum Atmen. Vor knapp zwei Wochen hat Fahem sich hier in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (EAEH) in Gießen mit Corona angesteckt. So wie viele andere auch.

Zahlen in einer Woche verdreifacht

Die EAEH wird derzeit von einer Infektionswelle erfasst - und das in einer Zeit, in der die Einrichtung besonders voll ist und sie provisorische Sammelunterkünfte auf ihrem Gelände aufbauen musste. Die Infektionszahlen steigen hessenweit rasant an, innerhalb einer Woche verdreifachten sie sich. Derzeit ist mehr als jeder zehnte der momentan 4.614 Bewohnerinnen und Bewohner in Hessen positiv, wie das Sozialministerium am Donnerstag mitteilte. Insgesamt seien aktuell 612 Flüchtlinge infiziert.

Flur mit Kabinen

LBH 10 heißt das Gebäude, in dem der 24 Jahre alte Somalier Fahem momentan wohnt, kurz für Leichtbauhalle. Es ist eine Mischung aus Container und Zelt, mit Schlafplätzen für bis zu 100 Menschen. Für jeweils acht Bewohner sind Räume durch Trennwände und Vorhänge abgetrennt, nach oben sind sie offen. Die Halle, in der Fahem sich vermutlich Mitte Januar ansteckte, sei zu diesem Zeitpunkt voll besetzt gewesen, sagt er.

Fünf Leichtbauhallen stehen derzeit laut Regierungspräsidium komplett unter Quarantäne, weil die Bewohnerinnen und Bewohner als Kontaktpersonen gelten. Hinzu kommen zwei Gebäude, in denen akut Infizierte untergebracht sind. Auch an Außenstandorten der EAEH gibt es Infektionen, etwa in Neustadt (Marburg-Biedenkopf) und Büdingen (Wetterau).

Flüchtlingsrat: "Das Schlechteste, was man machen kann"

An den Zuständen in der EAEH übt der hessische Flüchtlingsrat deutliche Kritik. Geschäftsführer Timmo Scherenberg sagt: "Das ist das Schlechteste, was man mitten in der Pandemie machen kann: Solche gigantisch großen Unterkünfte in die Gegend zu stellen, die dann auch noch überfüllt sind."

Die Wohnsituation der Menschen sei ein "Pandemietreiber par excellence", meint Scherenberg. Die Bewohner hätten keine Möglichkeit, sich zu isolieren, die Erstaufnahmeeinrichtung steuere geradewegs auf die Durchseuchung zu. Auch vulnerable Gruppen wie Vorerkankte seien nicht ausreichend vor einer Infektion geschützt. "Es kann doch nicht sein, dass man die einfachsten Abstandsregeln in der Pandemie nicht einhalten kann, weil die Leute so zusammengepfercht sind."

Nirgendwo so extrem wie in Hessen

Besonders ärgere ihn, dass es schon vergangenen Winter zu Massenquarantänen kam. Nun sei die Erstaufnahmeeinrichtung aber sogar noch viel voller als damals. "Da muss man leider sagen: Sorry, nichts gelernt", so Scherenberg.

Diagramm über die Verweildauer in Erstaufnahmeeinrichtungen 2017 bis 2021

Tatsächlich sind aktuell dreimal so viele Geflüchtete in der Unterkunft wie noch vor zwei Jahren. Der Grund für die hohen Belegungszahlen liegt nicht in erster Linie an hohen Neuzugängen aus dem Ausland. Sondern: Geflüchtete bleiben derzeit besonders lange in der Erstaufnahme und werden weniger schnell den Kommunen zugewiesen.

Hintergrund ist eine bundesweite Gesetzesänderung aus dem Jahr 2018, die längere Verweildauern zulässt. Scherenberg bemängelt jedoch: In keinem anderem Bundesland seien die Belegungszahlen so extrem gestiegen wie in Hessen. "Da muss sich die Landesregierung schon fragen lassen: Wie kann das eigentlich sein?"

Flüchtlinge werden mit Johnson & Johnson geimpft

Der Flüchtlingsrat kritisiert zudem die Impfstrategie des Landes: In der Erstaufnahme wird allen Ankommenden derzeit ausschließlich der Impfstoff von Johnson & Johnson angeboten. Die Stiko empfiehlt ihn nur für über 60 Jahre alte Menschen, er wird anderswo kaum noch verimpft. Inzwischen gelten Einfachgeimpfte zudem nicht mehr voll immunisiert. Sie brauchen zwei Auffrischungen mit einem mRNA-Impfstoff. Auch Amir Fahem wurde mit Johnson & Johnson geimpft - bisher nur einmal.

Kritik von Opposition

Der Kritik des Flüchtlingsrates schloss sich die Landtagsfraktion der Linken an. "Die Vorfälle in den hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen lassen uns sprachlos zurück", stellte die migrationspolitische Sprecherin Saadet Sönmez fest. Schon in den vergangenen Corona-Wellen hätten sich immer wieder Massenausbrüche in Sammelunterkünften ereignet. Die schwarz-grüne Landesregierung lerne offenbar nicht aus ihren Fehlern.

Die Linke forderte als Konsequenz aus den jüngsten Ausbrüchen, Flüchtlinge dezentral und corona-konform unterzubringen.

"Die Bedingungen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen sind aufgrund der Omikron-Welle inzwischen unhaltbar geworden", sagte auch die asyl- und flüchtlingspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Nadine Gersberg. Sie forderte ein umgehendes Impfangebot für alle erwachsenen und minderjährigen Bewohner - mit gegen Omikron wirksamen Impfstoffen.

Impfkonzept soll geändert werden

Manfred Becker ist als Abteilungsleiter zuständig für die EAEH. Er bestätigt, dass es bei der Ankunft bisher nur das Impfangebot mit Johnson & Johnson gibt. "Das wurde auch gut angenommen, und wir haben damit einen guten Erstschutz erreicht", sagt er. Wer das Angebot ablehne, könne später über das reguläre Impfzentrum auch andere Impfstoffe erhalten.

Angesichts der geänderten Lage durch die Omikron-Variante stelle man sich derzeit trotzdem die Frage, inwieweit dieser Schutz noch ausreichend sei. "Wir sind im Moment dabei, das Impfkonzept zu ändern und bei Bedarf auf andere Impfstoffe auszuweichen", sagt Becker.

EAEH: Leichtbauhallen gut geeignet

Die Unterbringung in Leichtbauhallen sieht Becker als gut geeignet für die derzeitige Lage. Ein Vorteil der Hallen sei aus Sicht der EAEH, dass man sie flexibel unter Quarantäne stellen könne, mit eigener Essensversorgung und separaten sanitären Anlagen. "Wir können so den Kontakt zwischen Infizierten, Nichtinfizierten und Kontaktpersonen unterbinden."

Auch die medizinische Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner könne man gut gewährleisten. Die Stimmung in den Quarantäne-Hallen nennt Becker "insgesamt ruhig und abwartend".

Die hohen Infektionszahlen in der EAEH sind Beckers Ansicht nach nicht mit denen der Gesamtgesellschaft zu vergleichen, sondern auch mit den vielen durchgeführten Reihentestungen zu erklären. "Viele der positiv Getesteten sind auch symptomfrei infiziert und hätten sonst vermutlich gar nichts von ihrer Infektion gewusst", meint Becker.

Dennoch räumt er ein, dass auch die Unterbringung in Sammelunterkünften dazu beitragen könnte, dass sich mehr Menschen anstecken. "Je enger man zusammenlebt, umso größer ist natürlich die Gefahr, dass eine Infektion sich ausbreitet." Becker sagt: Es habe alles seine Vor- und Nachteile.

Bewohner: "Es ist hell, kalt und laut"

Der Bewohner Amir Fahem sieht vor allem Nachteile. "Es ist hell, kalt und laut in den Hallen - oft auch nachts." Man bekomme alles von den anderen mit. Ständig telefoniere jemand oder höre Musik - und es gebe auch immer wieder Streit.

Von seiner Covid-Erkankung hat Fahem sich inzwischen erholt, sagt er. Er wurde negativ getestet. Fieber habe er keines mehr, aber dafür Kopfschmerzen, und er sei oft müde. Er schlafe aber seit Monaten sehr schlecht.

*Name auf Wunsch geändert

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