Eine Frau mit zwei Kleinkindern

In der Coronakrise droht Frauen überproportional der Jobverlust. Wenn sie ihn behalten, haben sie oft noch eine ganz andere Last zu tragen, wie das Beispiel einer Reiseberaterin aus dem Kreis Offenbach zeigt.

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Tolle Reiseorte aufspüren und Urlaube passgenau entsprechend den Wünschen der Kunden zusammenstellen. Das ist der Beruf der selbstständigen Reiseberaterin Britta Windt aus Hainburg (Landkreis Offenbach).

Etwa 30 Stunden wendete die Mutter zweier Schulkinder bisher wöchentlich auf, damit Ihre Kundinnen und Kunden glücklich werden. Und das sogar flexibel, auch mal abends oder am Wochenende. "Das ist einfach meine Passion", sagt die 51-Jährige.

Doch seit Corona ist alles ganz anders. Statt der Vermittlung von tollen Sommerreisen hieß es ab März: die Reisen stornieren. Ihre Einnahmen seither seien bei null, berichtet Windt. Auch Provisionen für stornierte Urlaubsreisen muss sie erstatten. "Nun ist mein Mann der Alleinverdiener in der Krise", sagt Windt. Er kann als IT-Architekt im Homeoffice im gehabten Umfang weiterarbeiten.

Der Mann wird wieder Alleinverdiener

Windt ist in ihrer Lage nicht alleine. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt in einer Studie davor, dass vor allem Frauen die Verliererinnen der Krise auf dem Arbeitsmarkt sein werden. Sie arbeiten überproportional oft in Branchen, die nun von den Corona-Auflagen besonders hart getroffen sind, wie eben in der Reisebranche, der Gastronomie oder im Kulturbetrieb.

"In den besonders betroffenen Bereichen Gastgewerbe sowie Kunst, Kultur und Erholung liegt der Frauenanteil unter den Beschäftigten mit 54 beziehungsweise 51 Prozent über dem Anteil von 46 Prozent unter allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten", schreiben die Autorinnen.  

Minijob wird zum Problem

Dazu komme noch ein weiteres Problem: Frauen arbeiten öfter als Männer in Minijobs. Doch diese Jobs sind nicht arbeitslosenversichert. Beschäftigte haben also keinen Anspruch auf Kurzarbeit, sondern verlieren ersatzlos ihre Jobs.  

Selbst wenn diese Frauen in Kurzarbeit geschickt werden - es sind oftmals Berufszweige, in denen oft nicht besonders viel verdient wird. Die Gehaltsvergleichsplattform gehalt.de gibt beispielsweise für Reisebüromitarbeitende ein durchschnittliches monatliches Bruttogehalt von 2.365 Euro für Hessen an.

Zuhause wartet die unbezahlte Vollzeitstelle

Arbeitslos sei sie jedoch nicht, betont Windt. "Ich bin teilweise, wenn es Schlag auf Schlag geht, wie am Anfang der Krise, auch weiter 30 Stunden wöchentlich für die Anliegen meiner Klienten und Stornierungen im Einsatz." Nur jetzt eben ohne Bezahlung.

Auch in einer anderen Hinsicht ist die gelernte Betriebswirtin derzeit sehr gut ausgelastet: Sie betreut noch ihre zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren und pflegt einen Angehörigen, der im Haus wohnt. "Morgens Frühstück machen, dann das Mittagessen, das sonst in der Schule eingenommen wird, und dann ist schon wieder Abendessenzeit", sagt Windt.

Auch die Entlastung durch die Vereine fällt derzeit flach. Stattdessen steht Betreuung des Homeschoolings an. Ihr Mann im Vollzeit-Homeoffice hat dazu wenig Gelegenheit.

Zurück zur traditionellen Rollenverteilung?

Auch das ist derzeit weniger die Ausnahme als die Regel. Das gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Institut spricht in einer Studie bereits von einer Tendenz zur "Retraditionalisierung" bei der Rollenverteilung in einigen Haushalten.

Der Befragung von mehr als 7.000 Beschäftigten zufolge haben in Haushalten mit mindestens einem Kind unter 14 Jahren 27 Prozent der Frauen, aber nur 16 Prozent Männer ihre Arbeitszeit reduziert, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten.

Frauen kümmern sich öfter um Kinder

Selbst bei Paaren, die vorher die Aufgabenverteilung bei der Kinderbetreuung als ausgeglichen zwischen Partnerin und Partner beschrieben haben, kehrt sich das nun um. Sie berichten, dass in der Krise vermehrt die Frauen den Großteil der Arbeit übernehmen.

Nur 60 Prozent derjenigen Paare mit Kindern unter 14 Jahren, die sich die Betreuung vor der Coronakrise fair geteilt haben, tun dies auch während der Krise. Und das räumen sowohl die männlichen als auch die weiblichen Befragten ein.

Es gibt aber auch bei den Frauen noch einmal die, die besonders betroffen sind: die geringverdienenden oder solche in Haushalten mit geringen Einkommen. Bei Paaren mit einem monatlichen Haushaltseinkommen unter 2.000 Euro sind es demnach sogar nur 48 Prozent, die die gleichberechtigte Aufgabenteilung in der Krise aufrechterhalten.

In Haushalten mit einem Monatseinkommen von bis zu 3.200 Euro reduzierten Frauen für die Betreuung zudem "viel häufiger ihre Arbeitszeit als Frauen in Haushalten mit einem höheren Einkommen", heißt es in der Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Ein unschöner Nebeneffekt: Das könnte auch die Einkommensungleichheit in Deutschland verstärken.  

"Eindruck, dass das sehr oft ganz unsichtbar abläuft"

Zwar hat Außenminister Heiko Maas (SPD) in dieser Woche Reisen ins europäische Ausland in diesem Sommer als wahrscheinlich bezeichnet, doch Windt ist derzeit noch nicht positiv gestimmt: "Noch habe ich keine Anfragen bekommen." Auch für die kommenden Monate sieht sie schwarz: "Ich sehe, dass gerade die Reisebranche noch länger damit zu tun haben wird."

Ihr gehe es nicht darum zu klagen, sondern um Aufmerksamkeit für die Situation: "Wir leisten hier als Frauen eine ganz schöne Menge - und es wäre gut, wenn das mehr honoriert würde. Ich habe den Eindruck, dass das sehr oft ganz unsichtbar abläuft, auch weil viele von uns das mit großer Selbstverständlichkeit tun."

Auch in der Politik Thema

Auch in der politischen Debatte ist das Thema Frauen in der Coronakrise angekommen. Am Dienstag veröffentlichte der Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung seine Empfehlungen zur Bewältigung der Krise.

Darin betont das Gremium, "dass Maßnahmen zur Abmilderung der Corona-Krise nicht nur Männerberufe, z.B. in der Industrie, in den Fokus nehmen, sondern Beschäftigungsformen und -verhältnisse von Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden".

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, erklärte daraufhin: "Es braucht einen feministischen Impuls für die Krisenpolitik, damit Frauen nicht durch finanzielle Fehlanreize in ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten um Jahrzehnte zurückgeworfen werden."

Sendung: Das Erste, mittagsmagazin, 20.05.2020, 13 Uhr