Meron Mendel Portrait

Judensterne auf Corona-Demos, Holocaust-Vergleiche in Chats: Selbsternannte Impfkritiker fallen regelmäßig durch NS-Verharmlosung auf. Was treibt Menschen zu solchen Aussagen? Ein Interview mit dem Leiter der Bildungsstätte Anne Frank.

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"Eine Verhöhnung der Opfer des Holocaust"

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"Fehlt nur noch der Judenstern und Willkommen Holocaust." Was ein Nutzer in eine Frankfurter Telegram-Gruppe für Corona-Kritiker mit Blick auf die pandemiebedingten Maßnahmen schreibt, ist kein Einzelfall.

Immer wieder werden auf Demonstrationen Menschen beobachtet, die sich Judensterne anhängen, oft in Verbindung mit dem Wort "ungeimpft". Sie wollen suggerieren: Was früher in Deutschland die Juden waren, seien heute Ungeimpfte und Kritiker der gesellschaftlichen und politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Meron Mendel, selbst jüdischen Glaubens, leitet die Bildungsstätte Anne Frank und lehrt im Fach Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Er nimmt derzeit eine Radikalisierung von Gegnern der Corona-Maßnahmen wahr: Juden, stellt Mendel fest, müssten zunehmend als Vergleich herhalten. Als Professor bekam er kürzlich einen solchen Holocaust-Vergleich sogar ganz direkt mit. Zuerst hatte Mendel in einem Interview mit T-Online von dem Vorfall erzählt.

hessenschau.de: Herr Mendel, was genau ist passiert?

Meron Mendel: Ich war hier in Frankfurt an der Uni, und ein Student ist sehr aufgewühlt ins Seminar gekommen und hat sich beklagt, dass an der Uni ein Bändchen-System eingeführt wurde, wodurch die Geimpften ein 2G-Bändchen tragen dürfen. Er hat das vor allen Studenten mit dem Judenstern in der Zeit des Nationalsozialismus verglichen. Wir haben das dann im Seminar aufgegriffen und darüber diskutiert.

hessenschau.de: Bei solchen Diskussionen ist ja oft die Empörung groß, und den Beteiligten reißt schnell die Hutschnur. Wie gehen Sie an so ein Gespräch ran?

Mendel: Empörung oder Emotionalisierung des Themas hilft nicht. In der Regel ist es besser, das in einem vernünftigen Gespräch zu diskutieren und vor allem die Person erst mal zu fragen, was sie zu solch einem Vergleich bringt?

Meine Erfahrung war bisher immer: Wenn man differenzierte Fragen stellt, verwickeln sich die Menschen selbst in eigene Widersprüche. Auch in diesem Fall war es so. Nach drei, vier Nachfragen hat der Student selbst gemerkt, dass der Vergleich völlig fehl am Platz ist.

hessenschau.de: Wie ist er zu dem Schluss gekommen?

Mendel: Zum einen hat er selbst den Unterschied erkannt, dass die Menschen heute die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen. Die Juden hatten in der Zeit des Nationalsozialismus nicht die Möglichkeit, Nicht-Juden zu werden. Auch den Unterschied zwischen dem demokratischen System, in dem wir heute leben, und der Diktatur damals hat er erkannt.

Als Zweites haben wir dann über Freiheit gesprochen und gemeinsam festgestellt, dass es im Zusammenleben einer Gesellschaft sehr viele Freiheitseinschränkungen gibt und dass nicht erst mit den Corona-Maßnahmen und -Impfungen Menschen aufgrund der Rücksicht auf andere in ihren Freiheiten eingeschränkt werden.

hessenschau.de: Was, glauben Sie, treibt Menschen überhaupt zu solchen Aussagen?

Mendel: Solche Vergleiche sollen provozieren. Genau das ist die Absicht: Menschen damit auf die Palme zu bringen, zu verärgern und einer Emotionalisierung der Debatte insgesamt Anschub zu geben. Auch wenn es manchmal nicht leicht fällt, ist es deshalb wichtig, erst mal zwei Gänge runterzuschalten und zu versuchen, ins Gespräch zu kommen.

Ich tue das auch, wenn ich bei Corona-Demos Menschen sehe, die so etwas schreien oder bestimme Bilder halten. Ich spreche sie an und frage, was sie damit bezwecken wollen. Das ist nicht immer ertragsreich. Sehr oft wird man einfach abgewiesen oder mit sehr viel Propaganda überschüttet. Aber ich glaube, dass es die ein oder anderen zum Nachdenken bringt, auch wenn das nicht heißt, dass sie dann ihre Meinung ändern.

hessenschau.de: Sie haben auch in der Vergangenheit immer wieder eine wachsende Unwissenheit über die NS-Zeit angesprochen. Steckt das Ihrer Meinung auch hier dahinter?

Mendel: Ja, sicherlich ist ein Teil Unwissenheit, ein sehr lückenhaftes Wissen darüber, was in der Zeit des Nationalsozialismus passierte. Das andere ist die Provokation. Der Versuch, Menschen zu verunsichern, aufzuwühlen, einen vernünftigen Diskurs von Anfang an auszuschließen.

Hessenschau.de: Sie haben ja durch Ihre Arbeit auch Kontakte zu Holocaust-Überlebenden und Nachfahren von Opfern. Wie nehmen die solche Vergleiche derzeit wahr?

Mendel: Wir haben tatsächlich Kontakte mit Betroffenen und mit einer Holocaust-Überlebenden habe ich auch schon direkt über das Thema gesprochen. Die sind erschrocken und fassungslos, dass das inzwischen so häufig vorkommt. Das ist zwar nichts Neues - die kennen solche Vergleiche. Aber die wurden in der Vergangenheit aus der rechtsextremen Seite des politischen Spektrums gemacht. Dass es nun aus so verschiedenen Ecken der Gesellschaft kommt, ist für die Betroffenen sehr unangenehm.

hessenschau.de: Hätten sie vor zwei Jahren damit gerechnet, dass sie mal in einem Seminar so eine Diskussion führen würden?

Mendel: Naja, vor zwei Jahren hat man auch nicht damit gerechnet, dass wir jetzt immer noch in der Corona-Krise sind. Von daher habe ich mir auch so eine Diskussion nicht vorgestellt. Man kann aber schon sagen, dass solche Theorien und Gedanken immer breiter in der Gesellschaft vorkommen. Da ist auch die Uni keine Insel. Wir sehen das unter Freunden, bei Familienangehörigen, bei Nachbarn. Es ist in allen Berufsgruppen vorhanden. Davon kann sich niemand komplett abschotten. Man entgeht der Diskussion über solche Themen nicht, weder in privaten noch in öffentlichen Räumen.

hessenschau.de: Die Gruppe derer, die so etwas sagen, ist sehr schwer zu fassen.

Mendel: Nicht jeder, der gegen die Impfung ist oder Corona leugnet, ist auch Holocaust-Relativierer. Trotzdem sind in dieser Gruppe mehrere, die dazu neigen und schnell auf solche Züge springen.

hessenschau.de: Können Sie Verständnis aufbringen für Ungeimpfte, die ihre Situation derzeit als eine Art Notlage beschreiben oder sich als Teil einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft" beschreiben, wie manche von ihnen es nennen?

Mendel: Sicherlich gibt es Leute, die sehr aufgewühlt sind und die das wirklich als sehr schlimm empfinden. Verständnis auf persönlicher Ebene, wenn jemand in Not ist, kann ich aufbringen. Aber das macht es ja nicht besser. Die müssen trotzdem klare Kante zeigen und sagen, dass solche Vergleiche keinen Platz haben.

hessenschau.de: Haben Sie das Ihrem Studenten auch so direkt gesagt?

Mendel: Zum Schluss, nachdem klar war, dass das überhaupt nicht Hand und Fuß hat, haben wir sogar gemeinsam gesagt, dass das überhaupt keinen Platz hat. Davor habe ich aber durch meine Fragen erst mal alles rausgekitzelt, was er eigentlich gedacht hat. Und das zeigt ja: Wenn man in die Tiefe geht, wird klar, dass hinter so einem Vergleich nicht viel steckt.

Das Gespräch führte Rebekka Dieckmann.

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