Jamila und ihre Betreuerin Tanja Chandok mit Mundschutz in der Kasseler Innenstadt

Die Kontaktsperre erschwert es der Jugendhilfe in Hessen, für ihre Schützlinge da zu sein. Mitarbeiter setzen auf neue Lösungen, Videochats zum Beispiel. Doch die Corona-Krise macht gerade solche Kinder unsichtbar, für die es besonders kritisch werden kann.

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hessenschau vom 09.04.2020
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Dana Zeise würde Damian normalerweise fünf Tage in der Woche für fünf Stunden in der Betreuung der Kinder- und Jugendhilfe in Kassel sehen, wegen Corona muss sie ihn über Skype anrufen. Erste Herausforderung: Er soll ruhig auf seinem Stuhl sitzen, Zeise zeigt ihm über die Laptop-Kamera, wie man einen provisorischen Mundschutz aus einem Tuch bastelt.

Der Junge ist ungeduldig, seine Mutter hilft ihm. Sie sei froh, dass es die Videobetreuung gibt, sagt sie: "Das ist super, es gibt eine feste Zeit, er kann sich dran gewöhnen und bekommt Abwechslung."

Schiffe Versenken über Videotelefonie

Schiffe-Versenken, Galgenmännchen, Hausaufgaben, all das machen Zeise und Damian über den Videochat, seit die Spielzimmer der Kinder- und Jugendhilfe leer stehen müssen. 25 Mitarbeiter kümmern sich beim Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung (AKGG ) um insgesamt 75 Familien. Seit dem Kontaktverbot müssen sie umdenken und, wo möglich, neue Wege finden.

Und nicht alle Familien haben wie Damian die technische Möglichkeit, einen Videochat zu machen – bei manchen Familien rufen die Mitarbeiter deswegen einmal am Tag an. Das gute Wetter hilft auch: Zeises Kollegin Tanja Chandok trifft die achtjährige Jamila jetzt draußen, zum Kreidemalen, Volleyballspielen oder Spazierengehen - mit Sicherheitsabstand. Die Kasseler Jugendhilfe betreut Kinder aus schwierigen Verhältnissen, bei manchen leiden die Eltern an psychischen Problemen, bei anderen besteht Verdacht auf Gewalt oder sexuellen Missbrauch.

Sprechstunde am Telefon

Die Kasseler Jugenddezernentin Ulrike Gote (Grüne) hofft, dass mit Telefon, Internet, Whatsapp oder einfach bei Spaziergängen die Kinder weiter im Blick des Jugendamtes und der Hilfeeinrichtungen bleiben. Bisher seien die Erfahrungen gut: Die Mitarbeiter versuchten auch, möglichst direkt mit den Kindern zu sprechen. Viele von ihnen hätten ja schon früh ein eigenes Handy.

Dass der Bedarf an Kontakt und Betreuung groß ist, erlebt auch die Kasseler Sektion des Kinderschutzbundes. Es gebe viele Anfragen bei der Telefonsprechstunde, sagt Geschäftsführerin Dörte Wahlen. Aber das Telefonieren habe Grenzen: Für Erstgespräche und in schwierigen Fällen werde aktuell überlegt, wie die Mitarbeiter trotz Abstandsregeln persönlich Treffen ermöglichen können - etwa im 50 Quadratmeter großen Spielzimmer der Einrichtung.

Viele Überstunden

Wahlen befürchtet, dass der Bedarf noch steigen könnte, wenn die Schulen noch länger geschlossen bleiben. Viele der Familien, die betreut würden, lebten mit vielen Menschen auf kleinstem Raum. Je länger die Kontaktsperre anhalte, desto kritischer könne es werden. Und schon jetzt machten ihre Mitarbeiter viele Überstunden.

Dana Zeisel mit Geschenken für bedürftige Kinder

Und sie machen sich Gedanken. Dana Zeise hat zu Ostern Überraschungsgeschenke für die Kinder vorbereitet, die nicht mehr in die Betreuung kommen können. Auch Damian wird sie eine Tüte vor die Tür stellen - ganz ohne Kontakt.

Hausbesuche bei schweren Fällen

Schwierigere Betreuung von Schützlingen ist nicht das einzige Problem der Jugendhilfe - und für viele Kinder nicht einmal das schlimmste. Sie bräuchten dringend Schutz. Denn Experten befürchten, dass die Gewalt an Kindern in der Corona-Zeit steigt - gerade wenn die Kinder nicht mehr sichtbar sind für Helfer oder Lehrer.

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAG) gibt es zur Zeit bundesweit in Städten einen Anstieg sogenannter Inobhutnahmen: Kinder werden zu ihrem eigenen Wohl vom Jugendamt aus den Familien genommen. Für Kassel kann Dezernentin Gote das nicht bestätigen. Die Jugendamtsmitarbeiter machen auch noch Hausbesuche, wenn das nötig erscheint. Kinder, die besonders gefährdet sind, können in Hessen außerdem eine der Not-Kitas besuchen.

Ähnlich sieht es in Fulda aus: "Wir haben erstaunlich wenig neue Fälle durch Meldungen von Dritten wegen Kindeswohlgefährdung", sagt Stefan Mölleney, Leiter des Amtes für Jugend und Familien. Das könnte aber auch damit zusammen hängen, dass Schulen und Kitas geschlossen sind. Häufig sind sie es, die sich beim Jugendamt melden, wenn der Verdacht vorliegt, dass ein Kind vernachlässigt wird.

Weniger Meldungen - weniger Gewalt?

Maud Zitelmann sieht genau da ein zentrales Problem. "Wir wären darauf angewiesen, dass diejenigen, die Kindern Gewalt antun, sich selbst an die Jugendämter wenden. Sie müssten dann sagen: 'Ich leide darunter, dass ich mein Kind schlage'", sagt die Frankfurter Professorin für Jugendhilfe und Kinderschutz an der University of Applied Sciences. Die Statistik zeige aber seit vielen Jahren: "Zehn Prozent der Meldungen kommen aus den Familien, 90 Prozent sind Fremdmeldungen".

Vor allem kritisiert die Expertin, dass die Jugendämter je nach Bundesland, aber auch schon innerhalb Hessens nicht einheitlich vorgehen. Die Kinder seien dringend darauf angewiesen, dass Jugendhilfe und Ämter nun nach kreativen Lösungen für den Kontakt suchen: "Misshandelte, missbrauchte Kinder brauchen Menschen, die ihnen helfen. Diese Kinder sind nicht am Nordpol, sondern mitten unter uns, in der Nachbarschaft", appelliert Zitelmann.

Kinderschützer zunächst nicht "systemrelevant"

In vielen Städten sind die Mitarbeiter von Jugendämtern permanent im Einsatz. Bislang geschah das auch noch unter erschwerten Bedingungen: Hessen war bis Freitag das einzige Bundesland, das diese Mitarbeiter nicht als "systemrelevant" einstufte. Was bedeutete: Ihre eigenen Kinder kamen nicht in den Genuss einer Not-Betreuung,während Kitas und Schulen geschlossen sind.

Am Freitag änderte die Landesregierung ihren Kurs: Nach Ostern gelten weitere Berufsgruppen als systemrelevant, auch Beschäftigte der Jugendhilfe. Kassel machte schon vorher eine Ausnahme und bot an, dass die Mitarbeiter ihre Kinder in die städtischen Not-Kitas bringen konnten. Kinderschutz sei aber nicht nur eine Aufgabe für diese Profis, betont Dezernentin Gote. Ob familiäres Umfeld oder Nachbarschaft: Alle müssten wachsam sein.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 09.04.2020, 16.45 Uhr