Eine Schuzlklasse während des Unterrichts aus der Voegelperspektive fotografiert.

Die Corona-Pandemie hat Spuren hinterlassen bei Kindern und Jugendlichen. Psychische Probleme häufen sich - Lehrer müssten darauf Rücksicht nehmen und nicht den Unterrichtsstoff durchpeitschen, finden Schüler und Psychologen.

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Schüler, Eltern und Psychiater fordern weniger Leistungsdruck

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In dieser Nacht wacht sie schon zum dritten Mal auf. Ihre Gedanken kreisen um das immer gleiche Thema. Immer und immer wieder geht sie das Gelernte durch. Pia (vollständiger Name der Redaktion bekannt) hat Angst. Angst vor der Biologie-Klausur am nächsten Tag. Morgens in der Schule wird der 16-Jährigen aus Mittelhessen dann plötzlich schwindelig. Sie kann nicht sprechen, weiß nicht, wo sie ist. Es ist die dritte Panikattacke innerhalb einer Woche.

Mika Schatz ist Landesschulsprecher für Hessen und kennt Pias Geschichte. Ihr Fall sei besonders krass, sagt er. Doch inzwischen höre er viele ähnliche Berichte über Schlafprobleme, erhöhte Reizbarkeit, Stress. "Der Leistungsdruck ist schon sehr hoch momentan", beobachtet er. "Wir haben ein extrem kurzes Halbjahr und das mitten in der Pandemie. Manchmal schreibt man drei Klausuren innerhalb einer Woche."

Diese heftige Klausurenphase trifft auf Schülerinnen und Schüler, die fast zwei Jahre Corona-Pandemie hinter sich haben. Mit all ihren Folgen. Eine ungünstige Kombination.

Doppelt so viele Jugendliche mit depressiven Symptomen

Denn die Pandemie belastet Kinder und Jugendliche psychisch ohnehin stark. Das belegen Studien. Nach Erkenntnissen des Bundesinstituts für Bevölkerungsstudien haben psychosomatische Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen während der Pandemie deutlich zugenommen. Die Zahl der Jugendlichen mit depressiven Symptomen, die bereits klinisch relevant sind, habe sich innerhalb des zweiten Lockdowns mehr als verdoppelt. In Deutschland weise jeder vierte zwischen 16 und 19 Jahren solche ernsthaften Symptome einer Depression auf.

Pia hat durch Corona drei nahe Verwandte verloren. Das belastet sie, macht sie traurig und stärkt ihre Angst, sich in der Schule mit dem Virus zu infizieren. Trotzdem versucht sie, ein Stück Normalität aufrechtzuerhalten und weiterhin gut in der Schule zu sein. Denn Pia war immer eine Einser-Schülerin. Die Zwölftklässlerin will auch in der Ausnahmesituation daran festhalten.

Auch starke Kinder kommen an ihre Grenzen

Doch der Preis ist hoch: Pia schläft keine Nacht mehr durch, versucht tagsüber kleine Pausen einzulegen, sich auszuruhen. Freunde trifft sie kaum noch, wie sie erzählt. Das ist ihr persönliches Corona-Päckchen. Jeder trägt sein eigenes.

Katja Becker leitet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Gießen Marburg (UKGM). Zu Beginn der Pandemie konnten viele Kinder und Jugendliche Dinge noch kompensieren, wie sie darlegt. Doch es sei zu viel zusammengekommen: Homeschooling, Maske tragen, weniger soziale Aktivitäten, kaum Freunde treffen.

"Jetzt ist die Belastung so stark gestiegen, dass auch Kinder, die noch vor einem Jahr gut zurechtgekommen sind, an ihre Grenzen kommen", sagt Becker. Schulstress könne dann der Tropfen sein, der das berühmte Fass zum Überlaufen bringe. Selbst dann, wenn die Schule nur ganz normale Anforderungen stelle.

Zum Teil drei Arbeiten die Woche

Auf der anderen Seite stehen die Schulen. Und Lehrer, die versuchen, den Stoff nachzuholen, der in den letzten eineinhalb Jahren liegen geblieben ist. Viele Lehrer versuchten, so viel Stoff wie möglich durchzubringen, auch weil sie erneute Schulschließungen oder Distanzunterricht fürchteten. Das sei zumindest der Eindruck vieler Schüler und Eltern, sagt Landesschulsprecher Mika Schatz.

Genau das hat die 13-jährige Ida aus Frankfurt (vollständiger Name bekannt, d. Red.) in den vergangenen Monaten erlebt. Sie besucht die 8. Klasse eines Gymnasiums. Nach den Sommerferien bekam sie neue Lehrer. Danach sei der Druck enorm gestiegen, ihre Klasse sei mit Themen bombardiert worden, berichtet sie: "Wir haben zum Teil drei Arbeiten in der Woche geschrieben. Für mich war es manchmal schwer, da mitzukommen."

Und das, obwohl auch Ida eine sehr gute Schülerin ist. Wie die drei Jahre ältere Pia setzt sie sich selbst unter Druck, will gute Noten schreiben. Sitzt abends noch stundenlang an den Hausaufgaben. Und vergisst darüber manchmal zu essen - so schildert sie das.

Viel mehr Anfragen bei Jugendpsychiater

Essstörungen, Depressionen, Ängste, all das nehme bei Kindern stark zu, berichtet Thomas Manthey. Er ist Landesvorsitzender beim Berufsverband der Kinder- und Jugendpsychiater in Hessen. Und sieht täglich den Alltag in seiner Praxis in Offenbach. "Wir können uns vor Anfragen kaum retten", sagt er.

Zugenommen hätten vor allem Terminwünsche wegen schwerwiegender Fälle und Mails von Eltern, die wie ein Notruf klingen. Nicht allen könne er schnell helfen, sagt Manthey.

Auch vor den Kleinsten macht der steigende Druck offenbar keinen Halt. Der Landeselternbeirat Hessen kritisiert, dass sogar in den Grundschulen nach wie vor drei Klassenarbeiten pro Woche geschrieben werden dürfen. Der Vorsitzende Volkmar Heitmann fordert: "Es muss jetzt mehr Wert auf das soziale Miteinander gelegt werden. Das Aufholen der Lernrückstände sollte an zweiter Stelle stehen."

Experten raten: Für Ausgleich sorgen

Die Landesregierung mische sich dabei bewusst nicht ein, erwidert ein Sprecher des Kultusministeriums. Die Schulen wüssten selbst am allerbesten, wie viel sie ihren Schülerinnen und Schülern derzeit zumuten könnten. Den Leistungsdruck an den Schulen ganz rauszunehmen, könne man allerdings nicht empfehlen.

Davon rät auch die Kinder- und Jugendpsychiaterin Katja Becker vom UKGM ab. Gar keine Anforderungen mehr an Kinder und Jugendlichen zu stellen, sei natürlich keine Lösung. Wichtig sei vielmehr, Überlastung zu vermeiden und für Ausgleich zu sorgen.

Land finanziert "Bildungskick" mit 150 Millionen Euro

Mit dem 150 Millionen Euro starken Programm "Löwenstark - der Bildungskick" versucht das Land Hessen genau das: mit ganzheitlichen Angeboten vor Ort, Kultur, Bewegung, Lernbegleitung und Hausaufgabenbetreuung.

Landesschulsprecher Mika Schatz kritisiert, dass davon noch zu wenig an den Schulen ankomme. Die Zwölftklässlerin Pia jedenfalls verspürt weiterhin Druck. Ihre Ansprüche zurückzuschrauben, fällt ihr schwer. Jetzt will sie sich in den Weihnachtsferien erst mal erholen.

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