Schülerinnen und Schüler von hinten mit ihren Schultaschen.

Nach monatelangem Online-Unterricht kommen viele Schüler ab Klasse 7 tageweise zurück in die Schulen. Jugendforscherin Sabine Andresen fordert mehr Aufmerksamkeit für deren Bedürfnisse auch abseits der Schule.

Sabine Andresen leitet den Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist Kindheits- und Jugendforschung.

In Zusammenarbeit mit einem Forschungsteam der Universität Hildesheim hat Andresen die Studien "Jugend und Corona" veröffentlicht. Dafür wurden im April und November 2020 insgesamt 12.500 Jugendliche und junge Erwachsene dazu befragt, wie die Pandemie ihren Alltag verändert hat.

Sabine Andresen leitet den Arbeitsbereich Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Uni in Frankfurt

hessenschau.de: Frau Andresen, an diesem Donnerstag kehren in vielen hessischen Kreisen Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 in die Schule zurück. Was brauchen Kinder und Jugendliche nach so langer Zeit ohne Unterricht vor Ort?

Sabine Andresen: Jetzt sind gute Konzepte wichtig. Viele haben monatelang ihre Schule nicht gesehen. Sie haben auch nicht unbedingt guten Online-Unterricht erlebt, manche sind mehr oder weniger nur mit Arbeitsblättern versorgt worden. Es gibt Hinweise darauf, dass vielfach keine Rückmeldungen zum Lernfortschritt gegeben wurden. Zur Vermittlung von Wissen und dessen Aneignung gehört aber ein Feedback, darauf sind Schülerinnen und Schüler angewiesen. Also, wie kann die Politik nun die Schulen dabei unterstützen, dass Bildung wieder möglich wird, ist eine zentrale Frage.

Oft fehlt es aber auch an zusätzlichem qualifizierten Personal. Das ist ein großes Problem, denn man wird die zusätzlich nötige Unterstützung nicht in die Hände kaum qualifizierter Personen legen können. Perspektivisch ist zu hoffen, dass eine Fortbildungsoffensive dazu führen wird, dass sich wirklich alle Lehrkräfte handlungssicher fühlen, wenn es wieder um Fernunterricht und digitale Formen der Wissensvermittlung geht.

Und schließlich sind auch die drängenden Probleme der Familien ins Auge zu fassen. Insbesondere diejenigen, die an der Armutsgrenze leben, brauchen finanzielle Ressourcen. Und Schülerinnen und Schüler sollten die Möglichkeit bekommen, zu thematisieren, was sie belastet hat - zum Beispiel unterstützt durch Schulsozialarbeit.

hessenschau.de: Als Sie Ende 2020 Jugendliche über ihre Erfahrungen mit der Pandemie befragt haben, war ein Ergebnis, dass viele sich immer wieder auf ihre Rolle als Schülerinnen und Schüler reduziert fühlen. Was bedeutet das konkret?

Andresen: Sie fühlen sich nicht wahrgenommen als Menschen, die auch viele andere Bedürfnisse haben. Die Schule ist wichtig, aber die Freizeitangebote, die weggebrochen sind, hinterlassen eine enorme Lücke. Dies verstärkt das Gefühl, allein zu sein und funktionieren zu sollen, auch das ist ein Befund unserer "Jugend und Corona"-Studien.

Wenn es nur noch darum geht, sich irgendwie den Schulstoff anzueignen, dann ist es ungeheuer schwer, sich zu motivieren. Da braucht es von allen Seiten Unterstützung und möglichst schnell gute Angebote für Kinder und Jugendliche.

hessenschau.de: Wie könnte die Politik in der aktuellen Lage das Signal senden, dass ihr Kinder und Jugendliche wirklich wichtig sind?

Andresen: Jugendliche machen sich Sorgen über die Schule, über den Verlauf ihres Studiums, ihrer Ausbildung. Fast die Hälfte in unserer Studie macht sich Sorgen um die eigene Zukunft. Das müssen alle ernst nehmen. Das heißt, es werden verschiedene Unterstützungsangebote nötig sein und es wird vermutlich nicht reichen, den Kindern und Jugendlichen Nachhilfeangebote zu machen. Insgesamt wird ein umfassendes und mit ausreichend finanziellen Mitteln unterlegtes Bildungs- und Entwicklungsprogramm für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nötig sein. Das jüngst verabschiedete "Aktionsprogramm Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche" ist sicherlich ein wichtiger Schritt.

Wichtig sind nun auch Angebote der kommunal verorteten Kinder- und Jugendarbeit. Und es braucht spezifische Programme, wie Kinder und Jugendliche, die in den zurückliegenden Monaten zu Hause Gewalt erlebt haben, so gut wie möglich unterstützt werden, damit sie diese Erlebnisse, die Ohnmacht verarbeiten können. Wir müssen davon ausgehen, dass es hier sicherlich einen deutlichen Zuwachs an Betroffenen geben wird. Das wird eine Herausforderung, denn gerade die Bereiche, in denen es vor der Pandemie schon Engpässe gab, werden jetzt strukturell kaum besser aufgestellt sein.

Und schließlich: Lassen Sie uns kreativ über den Sommer nachdenken und diese Wochen mit Kindern und Jugendlichen planen. Dazu gehören auch Bildungsangebote, aber die Unterstützung darauf zu beschränken, wäre ein Armutszeugnis. Jugendliche wollen sich wieder treffen können, sie wünschen sich öffentliche Räume, in denen sie einfach jung sein können, mit allem, was dazu gehört.

hessenschau.de: In ihrer Studie im vergangenen Jahr klagten viele junge Menschen, dass sie sich kaum von der Politik gehört fühlten. Hat sich daran etwas geändert?

Andresen: Ich habe den Eindruck, dass es in der Öffentlichkeit eine intensivere Auseinandersetzung damit gibt, was wir Kindern und Jugendlichen zugemutet haben - allerdings teilweise alarmistisch: Wenn sich Kinder und Jugendliche anhören müssen, sie seien die "Generation Corona", finde ich das fatal. Es vermittelt ihnen das Gefühl, sie seien eine verlorene Generation.

Ich nehme wahr, dass sich derzeit aufgrund der Pandemie viele Menschen nicht mehr richtig einbezogen fühlen. Das trifft auf Jugendliche auch zu, aber sie hatten eben schon vorher wenig Mitsprache und Gestaltungsmöglichkeiten. Insofern halte ich es für einen zentralen gesellschaftlichen Auftrag, gemeinsam mit Jugendlichen zu überlegen: Wie kann das anders gehen? Wie können wir euch beteiligen? Das kann bei jeder einzelnen Schule anfangen oder bei einem Jugendtreff.

hessenschau.de: Für bestimmte Wirtschaftszweige gab es lange kaum Einschränkungen, während der Schul- und Universitätsbetrieb stark reglementiert wurden. Wie geht es jungen Menschen damit?

Andresen: Mein Eindruck ist, dass Jugendliche und junge Erwachsene sehr viel Verständnis aufbringen für die Infektionsschutzmaßnahmen und für politische Entscheidungen. Sie machen eigentlich keinen Gegensatz zwischen den Generationen auf, sie verhalten sich insgesamt sehr solidarisch und machen sich für Solidarität als Wert stark.

Gleichwohl benennen viele Jugendliche in unserer Studie Punkte, die sie als ungerecht empfinden. Sich ungerecht behandelt zu fühlen, erweist sich als echte Belastung für junge Menschen. Viele Befragte bedauern sehr, dass ihre eigene sportliche Aktivität, zum Beispiel im Schwimmverein, nicht möglich ist, während der Profifußball weitermachen kann. Solche Unterschiede und unterschiedliche Behandlungen werden von Jugendlichen sehr kritisch gesehen.

Imago Sport Corona

hessenschau.de: Apropos unterschiedliche Behandlungen: Die Bundesregierung hat Lockerungen für Geimpfte beschlossen, von denen wohl zunächst vor allem die Älteren profitieren. Werden hier wieder die jungen Leute vergessen?

Andresen: Es sind jeweils hohe Güter, um die es geht. Aber man kann Jugendlichen vermitteln, dass es nicht um Privilegien geht, sondern dass Menschen ihre Grundrechte zurückbekommen. Es geht also erstens darum, wie darüber gesprochen wird, wie viel Mühe sich die Verantwortlichen geben, solche Entscheidungen gut zu erklären und zu kommunizieren.

Zweitens müssen nun die Interessen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Mittelpunkt rücken und in ein Gesamtkonzept eingebettet werden. Also auch hier gilt, wenn ich auf unsere Daten blicke: Viele Jugendliche werden verstehen, dass Geimpfte ihre Grundrechte ausüben können, aber sie werden es immer weniger verstehen können, wenn ihre Rechte unberücksichtigt bleiben und sie weiterhin vor allem funktionieren und abwarten sollen. Ich denke, es braucht ein starkes Signal der Anerkennung in Richtung junge Generation.

Das Gespräch führte Marcel Sommer.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 06.05.2021, 19.30 Uhr