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Audioseite Jugendkriminalität in Bensheim

Polizisten in Bensheim mit Jugendlichen, die sie nach Autobränden festnahmen

In Bensheim häufen sich die Fälle von Vandalismus durch Jugendliche. Die Polizei hat schon eine eigene Arbeitsgruppe gebildet. Die Stadt macht Corona verantwortlich, Abhilfe ist nicht in Sicht.

Brennende Autos, Zerstörungswut und ein Baucontainer in Flammen: Das idyllisch an der Bergstraße gelegene Städtchen Bensheim ist derzeit Schauplatz einer ungewöhnlichen Serie von Straftaten - und die Verdächtigen sind stets Jugendliche. Die Verantwortlichen der Stadt führen die kriminellen Ausbrüche auf die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie zurück, Lösungen haben sie aber noch nicht.

Die Liste der Vorfälle ist lang: Erst am Donnerstag brannte im Stadtgebiet wieder ein Auto, tags zuvor waren es zwei. Die Polizei nahm am Mittwoch insgesamt sechs Jugendliche im Alter von 15 bis 22 Jahren fest, 30 weitere wurden kontrolliert. Bei einem Vorfall im Februar, bei dem drei Autos in Flammen aufgingen, nahm die Polizei sogar 40 Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren vorläufig fest. Die Ermittler vermuten einen Zusammenhang zwischen den Bränden. Sie haben eigens für die Vorfälle in Bensheim eine Arbeitsgruppe mit dem Namen "Nibelungen" gegründet.

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Ende Februar brannte ein Baucontainer auf einem Firmengelände, drei Autos wurden beschädigt. Auch hier sind die Tatverdächtigen Jugendliche – zwei 15 und 18 Jahre alte Jungen gerieten ins Visier der Polizei, weil sie Handyaufnahmen des Vorfalls ins Internet gestellt hatten. Auch hier ermittelt die AG "Nibelungen".

Und dann sind da noch die massiven Beschädigungen am Weiherhausstadion im Stadtteil Auerbach, das in der Pandemie vermehrt zur Feierstätte für Jugendliche geworden ist: In den vergangenen Monaten wurde unter anderem die Sprecherkabine am Hauptplatz aufgebrochen, Urinale wurden zerstört, Fassaden mit Steinen beschädigt und zuletzt sogar Brandsätze in der Toilettenanlage gezündet. Die Stadt sah sich zwischenzeitlich gezwungen, das Stadion zu schließen und durch einen privaten Sicherheitsdienst bewachen zu lassen. "Bei den städtischen Mitarbeitern ist der Ärger über diese Entwicklung groß", sagte Bürgermeisterin Christine Klein (SPD) im Februar.

Sozialarbeiter: Jugendlichen fehlt es an Beschäftigungsmöglichkeiten

Was sich derzeit abspiele, sei schon "krass" und "außergewöhnlich", beschreibt Bensheims Stadtsprecher Matthias Schaider die Situation. Normalerweise träfen sich Jugendliche erst an den bekannten Punkten, wenn es wärmer werde. In diesem Jahr sei das aber bereits im Winter bei kalten Temperaturen der Fall.

Doch woher kommen die gestiegene Aggressivität und die Lust am Zerstören bei den Heranwachsenden? Wie in so vielen Bereichen spielt auch hier das Coronavirus eine Rolle. Armin Zeißler, Teamleiter des städtischen Jugendtreffs, führt die angespannte Lage auf die Beschränkungen in der Pandemie zurück. Den Jugendlichen fehle es schlicht an Anlaufstellen und Beschäftigungsmöglichkeiten. Durch die Schließung der Schulen sei zudem für viele die Struktur im Tagesablauf verloren gegangen.

Auch der Jugendtreff ist in Coronazeiten geschlossen - und den Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen der Stadt somit der Zugriff auf die Jugendlichen genommen. "Wir sind abgekapselt", klagt eine Mitarbeiterin des Treffs. Durch den fehlenden Kontakt zu den Heranwachsenden sei es derzeit schwierig, den Überblick über die Jugend-Szene zu behalten und an Insiderinformationen zu kommen, um aufkeimende Probleme vielleicht schon im Vorfeld erkennen und lösen zu können.

Langeweile, Orientierungslosigkeit und fehlende soziale Kontrolle

Zu normalen Zeiten kämen laut Zeißler vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern in den Treff. "Bei uns finden sie, was sie Zuhause nicht bekommen", sagt Zeißler. Im Treff könnten sie ins Internet, bekämen Hilfe bei Alltagsthemen und persönlichen Problemen. Derzeit seien die Jugendlichen aber sich selbst überlassen. "Da fehlt die soziale Kontrolle." Besonders die Gruppe der älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen sei derzeit "abgehängt". In einer Umfrage des hr unter hessischen Schülerinnen und Schülern gaben im Februar viele an, sich derzeit "gestresst", "überfordert", "depressiv" oder "erschöpft" zu fühlen.

Langeweile, Orientierungslosigkeit und fehlende soziale Kontrolle – das sind offenbar die Zutaten der explosiven Gemengelage in Bensheim. Und nicht nur dort, die Ausgangslage ist überall in Hessen gleich. In Frankfurt etwa hat die Stadt nach einer illegalen Party mit 500 überwiegend jugendlichen Feiernden eigens eine Krisensitzung anberaumt.

Warum sich die Zerstörungswut aber gerade in Bensheim in diesem auffälligen Maße Bahn gebrochen hat, können sich die Verantwortlichen der Stadt nicht erklären. Zeißler probiert es dennoch: Bensheim sei mit mehr als 40.000 Einwohnern die größte Stadt im näheren Umkreis und zudem Schulstadt: "Bei uns kommen die Jugendlichen aus dem ländlichen Umkreis zusammen."

Corona verhindert gezielte Maßnahmen

Die Stadt weiß um die Probleme und will sich ihnen auch stellen. Im Gespräch seien Maßnahmen wie etwa Streetwork-Projekte, erklärt Stadtsprecher Schaider. Man wolle mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, Alternativen aufzeigen. In den Osterferien will der Jugendtreff wenn irgendmöglich einige Aktionen im Freien anbieten. Und wenn Corona im Griff sei, hofft Schaider, könne man ein paar bekannte Problemfälle wieder einfangen.

Aber die Pandemie ist nicht unter Kontrolle, und auch die anderen Maßnahmen setzen zumindest eine gehörige Lockerung der geltenden Corona-Beschränkungen voraus. Die sind angesichts der dritten Welle aber vorerst nicht in Sicht - ebenso wenig wie kreative Lösungen. In Frankfurt etwa lautete das Ergebnis der Krisensitzung schlicht: Liebe Jugendliche, bitte haltet euch an die Regeln - und wenn ihr es nicht tut, kommt die Polizei. Ob diese Strategie zur Entschärfung beiträgt, darf zumindest bezweifelt werden.

Und so dürfte das Gefühl der Langeweile und der Orientierungslosigkeit bei vielen Jugendlichen nicht nur in Bensheim und Frankfurt weiter zunehmen - und die damit verbundenen Probleme auch.

Hinweis: In einer früheren Version stand unter Berufung auf den Sprecher der Stadt Bensheim, dass es am Bahnhof zu Probleme komme. Diese Angabe beruhte auf einem Missverständnis.

Sendung: hr4 für Südhessen, 18.03.2021, 16.30 Uhr