Collage aus drei Bildern: Zwei Drogenabhängige auf der Straße, Blick in Szene-Bar, Razzia vor Bordell
Bild © picture-alliance/dpa (Archiv) (Collage: hr)

Mit einer riesigen Party feiert Frankfurt am Donnerstag sein buntes Bahnhofsviertel. Im Alltag birgt das Leben zwischen Szene-Kiez, Rotlicht, Drogen und sterbenden Kultkneipen aber auch Konflikte. Das Viertel wandelt sich - für manche zu schnell, für andere zu langsam.

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Das Bahnhofsviertel in Frankfurt.

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"Du kannst hier gleich morgens erleben, wie sich einer einen Schuss setzt", beschreibt Peter Weißbach das, was auf der Straße vor seinem Hostel täglich passiert. Seine Gäste - Touristen aus aller Welt - trennt davon nur die Glasscheibe des Frühstücksraums. Der sei extra gemütlich eingerichtet, damit sie sich trotzdem möglichst wohlfühlen.

Hostelbesitzer Peter Weißbach sitzt im Frühstücksraum.
Peter Weißbach hat sein Hostel vor 12 Jahren eröffnet. Bild © hr

Doch spätestens, wenn die Touristen sein Hostel verlassen, hat er nur noch wenig Einfluss darauf, was sie zu sehen bekommen. "Ich will nicht, dass ein sterbender Drogenabhängiger hier vor dem Eingang rumliegt. Das wollen meine Gäste auch nicht, niemand will das. Keiner will das Elend sehen."

Auf den Wandel gesetzt

Das, was er Elend nennt, war schon da, lange bevor Weißbach hierher kam: Drogenabhängige, Alkoholkranke, Prostitution. Vor zwölf Jahren baute er das leerstehende Haus in der Moselstraße in ein Hostel um. Damals war er sich sicher, dass die Zahl der Drogenabhängigen im Viertel sinken würde. Er setzte auf die Gentrifizierung, also darauf, dass der Stadtteil durch Umbau und Sanierung attraktiver wird, zahlungskräftigere Menschen anzieht - und andere vertreibt.

"Dann mussten wir feststellen, dass die Uhren hier etwas langsamer ticken", resümiert er, "dass gerade diese harte Drogenszene nicht verschwindet, sondern sich alles mehr in den letzten Ecken, die noch da sind, konzentriert." Und damit auch vor seinem Hostel, nur eine Straße entfernt vom Druckraum des Drogennotdienstes.

"Werden mit Drogenabhängigen leben müssen"

Wolfgang Barth, der die Drogennothilfe leitet, hat eine ganz andere Sicht auf das Thema. "Wir müssen akzeptieren, dass wir in diesem Stadtteil auch in Zukunft mit Drogenabhängigen leben müssen und werden." Das gelte auch für all jene, die mit einer anderen Erwartungshaltung neu nach Frankfurt und ins Bahnhofsviertel kämen.

Süchtige spritzen sich Drogen in einem Druckraum.
Im Druckraum der Drogennothilfe können sich Süchtige unter sterilen Bedingungen ihre Drogen spritzen. Bild © hr

Wie nirgendwo sonst in der Stadt prallen hier, zwischen Bahnhof und Gallusanlage, auf nur einem halben Quadratkilometer Fläche jeden Tag Welten aufeinander. Denn längst prägen nicht mehr nur Drogen, Kriminalität und Rotlicht das Bild. Der Stadtteil gilt inzwischen als in: In den letzten Jahren haben immer mehr Szene-Bars und hochpreisige Restaurants eröffnet und ein hippes Publikum in dieses einstmals verrufene Viertel gelockt. Studenten feiern hier genauso wie Banker oder junge Kreative.

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Und sie bleiben längst nicht mehr nur für ein Bier oder ein edles Vier-Gänge-Menü: Inzwischen leben 3.900 Menschen hier, über 50 Prozent mehr als noch 2007. Nach und nach werden Wohnungen aufwendig saniert, um sie anschließend teuer vermieten oder verkaufen zu können. Das Bahnhofsviertel ist zum aufstrebenden Stadtteil geworden.

Kultkneipen und kleine Läden verschwinden

Doch dort, wo Neues kommt, muss Altes weichen. Viele alteingesessene Kultkneipen wie Terminus Klause, Bier Brezel, Futterstadt und Pilsstube Pfiff haben inzwischen geschlossen. Mal wurden die Mietverträge nicht verlängert, mal stiegen die Mietkosten so stark, dass die Besitzer aufgeben mussten. Neue Burger-Läden oder japanische Nudelbars füllen die Lücken und verändern das Gesicht des Viertels langsam, aber stetig.

Der Wandel trifft auch die Geschäfte: Kleine, exotische Lebensmittel- und Textilgeschäfte verschwinden, teilweise sogar auf einen Schlag, wie bei der Modernisierung der Kaiserpassage. 20 Millionen Euro hat ein Immobilienunternehmen in die Passage investiert, nach zwei Jahren Bauzeit wurde sie Anfang des Jahres wiederöffnet. Ein paar kleine Geschäfte haben überlebt, die weitaus größeren Flächen gingen aber an eine Supermarktkette oder wurden in Appartments umgewandelt.

Cream Music
Eine mehr als 100 Jahre Geschichte: Der Tresen von Cream Music Bild © Johannes Gregor (hessenschau.de)

Auch das älteste Musikgeschäft Frankfurts, Cream Music, hat das Bahnhofsviertel 2017 verlassen - nach über 100 Jahren an diesem Ort. Für Inhaber Bernhard Hahn waren dabei die steigenden Mieten genauso ausschlaggebend wie die Dealer- und Drogenszene, die gerade durch Crack in den letzten Jahren deutlich schlimmer geworden sei.

Offensive gegen Kriminalität

Dabei hat die Polizei ihre Präsenz verstärkt. Mit der Sondereinheit REE und regelmäßigen Razzien will sie das Gebiet seit einigen Jahren sicherer machen. Im April zog sie eine erste Bilanz: Seit 2017 wurden 66.000 Menschen kontrolliert, 90 Kilo Drogen sichergestellt und 4.600 Festnahmen durchgeführt. Die Zahl der Drogendelikte steigt laut Kriminalstatistik zwar an - doch das zeige nur, dass es mehr Kontrollen im Viertel gebe. Die Fälle von Straßenraub seien zurückgegangen.

Designerin Ricarda Haase sortiert Kleidung an einer Kleiderstange.
Desgnerin Ricarda Haase fühlt sich im Bahnhofsviertel sicher. Bild © hr

Kann man sich dadurch nun sicherer fühlen oder nicht? Da sind sich selbst die Menschen, die täglich hier unterwegs sind, uneinig. Für Ulrich Mattner, den Vorsitzenden des Gewerbevereins, bleibt das Bahnhofsviertel ein "rechtsfreier Raum". Stellenweise seien die Straßen "übervölkert mit der Drogenszene".

Designerin Ricarda Haase dagegen glaubt, dass man hier keine Angst zu haben braucht. Sie ist eine der jungen Kreativen, die neu in diesen Stadtteil strömen. Vor eineinhalb Jahren hat die 22-Jährige ein Atelier in der Elbestraße eröffnet. "Früher galt das hier, glaube ich, eher so als das schmutzige Viertel", sagt sie. Aber das ändere sich nun: "Viele Leute ziehen hierher, viele coole Läden machen auf. Das Bahnhofsviertel wird so ein bisschen zum Kultviertel und diesen Prozess zu sehen, ist schon spannend", so Haase.

Wohnprojekte gegen steigende Mieten

Andere dagegen versuchen diesem Prozess der Gentrifizierung und den dadurch steigenden Mieten etwas entgegenzusetzen. Die Wohnprojekte "Nika" und "Niddastern" gewannen 2016 eine Ausschreibung der Stadt und verwandelten marode Bürogebäude in Wohnhäuser mit besonderen Konzepten. Dazu gehören Gemeinschaftsküchen und verschiedene Veranstaltungsräume, zum Beispiel für eine Sozialberatung oder Kunstaktionen. Die Mieten sind je nach Einkommen gestaffelt und beginnen bei neun Euro pro Quadratmeter. Damit liegen sie gut zu zwei Euro unter dem Mietspiegel des Viertels.

Auch für die Anhänger von Kultkneipen gibt es zumindest eine gute Nachricht: Die Terminus Klause, die im Mai 2018 schließen musste, soll noch in diesem Jahr wiedereröffnen. Am alten Standort war der Mietvertrag nicht verlängert worden. Nun hat der Besitzer in der Münchener Straße neue Räumlichkeiten gefunden - ausgerechnet dort, wo bisher ein hippes Burger-Restaurant seine Gäste bewirtet hat.

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Bahnhofsviertelnacht 2019

Am 15. August wird zum zwölften Mal die Bahnhofsviertelnacht gefeiert. Neben einem Bühnenprogramm mit Sängern der Frankfurter Oper und einem multireligiösen Friedensgebet gibt es rund 50 Anlaufpunkte: Kneipen, Kioske und Bars haben geöffnet, die Stadt bietet Führungen an - auch zum Thema Prostitution und Drogenpolitik. Einen Überblick über das Programm finden Sie hier.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenreporter, 13.8.2019, 21.45 Uhr