Ein Demonstrant wird von der Polizei bei Anti-Lockdown-Protesten in Australien festgenommen.

In Kassel war die jüngste Demonstration gegen Corona-Maßnahmen ein Flop. In Australien hingegen wurde teils gewalttätig protestiert - gesteuert offenbar auch aus Nordhessen. Der Verfassungsschutz ist alarmiert.

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Wer steckt hinter Anti-Lockdown-Protesten in Australien, fragte die britische Zeitung Guardian am Dienstag - und fand eine Antwort: eine Gruppe aus Nordhessen, die "Freien Bürger Kassel". Am vergangenen Samstag gingen in Sydney rund 3.000 Menschen auf die Straße, um gegen den dort seit einem Monat geltenden Lockdown zu demonstrieren. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei, Flaschen und Blumentöpfe wurden geworfen. Der Guardian berichtet von 60 Festnahmen und über 100 Geldstrafen.

Auch in anderen Städten in Australien und weltweit kam es an dem Tag zu Protestaktionen. Das sei koordiniert von einem "losen Netzwerk von verschwörungstheoretischen Gruppen, manche mit Verbindungen zur extremen Rechten", heißt es im Guardian. Mobilisiert wurde in Sozialen Netzwerken unter dem Hashtag "Worldwide Demonstration". Die Schaltzentrale könnte in Kassel sein: Auch der hessische Verfassungsschutz geht nach hr-Informationen von einer Verbindung zu den "Freien Bürgern" aus.

Weltweite Werbung für Lockdown-Proteste

In Facebook-Posts und Telegram-Gruppen mit Betreff "Worldwide Demonstration" wurde zu den Protesten in Australien aufgerufen. Dabei fällt die Optik der Profilbilder der Gruppen mit tausenden Mitgliedern auf - es ist die gleiche, mit der die "Freien Bürger" schon im März für die große "Querdenker"-Demo in Kassel mit tumultartigen Szenen mobilisierten: ein beige eingefärbtes Bild vom Bergpark, darüber dunkelbraune Schrift. Diese Optik wurde mittlerweile auf viele andere Orte angewandt, Melbourne, Paris, Beirut oder Mexiko-Stadt, immer mit einem Wahrzeichen im Bild. Und für jedes Land gibt es jeweils eine eigene Telegramgruppe, die genauso funktioniert und aussieht wie die anderen.

Dazu kommt eine Hauptgruppe, der bei Telegram über 70.000 Menschen angehören und die bereits vor den entgleisten Protesten in Kassel wichtig war. Sie wurde offenbar von den "Freien Bürgern" ins Leben gerufen. Mittlerweile ist die Gruppe ein Werbekanal für anstehende Proteste weltweit. Die "Freien Bürger" haben offenbar ein Demo-Franchise aufgebaut, das nach dem "Copy & Paste"-Prinzip funktioniert und eine weltweite Vernetzung ermöglicht.

Freie Bürger Facebook Kassel

Das Landesamt für Verfassungsschutz teilt mit, man registriere "aufmerksam", dass die "Freien Bürger" zu Versammlungen außerhalb Deutschlands aufrufen. Man prüfe fortlaufend, "inwiefern Extremisten versuchen, Proteste zu instrumentalisieren", und für Veranstaltungen mobilisieren oder daran teilnehmen. Eine Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes seien die "Freien Bürger" aber nicht.

Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Gewalt

Die "Freien Bürger" wurden bekannt, als sie am 20. März in Kassel - mitten im Lockdown - rund 20.000 Menschen auf die Straße brachten. Diese waren trotz Verbot ohne Masken und mit spontanen Demonstrationszügen in der Innenstadt unterwegs. Vor Ort hatten die Veranstalter große Bildschirme aufgebaut, auf denen sie live zu anderen Demonstrationen in die Welt schalten wollten - was am Ende nicht stattfand. Es gab Zusammenstöße mit der Polizei, Wasserwerfer wurden eingesetzt. Demonstranten bedrohten Journalisten und griffen Gegendemonstranten an.

Bekannt sind vor allem zwei Mitglieder der "Freien Bürger", die von Beginn an als Organisatoren auftraten und sich Sunny und Ilhan nennen. Sie betonten im März öffentlich, dass sie sich für Freiheit und Frieden einsetzen. Gegen Antisemitismus, Gewalt, Verschwörungstheorien in ihren Telegramgruppen und auf den Demonstrationen taten sie aber nichts. Am Dienstag postete Ilhan den Guardian-Artikel in einer deutschen Telegram-Gruppe, mit lachendem Smiley. Auf eine hr-Anfrage zu den weltweiten Protestaktionen gab es keine Antwort.

Christopher Vogel von der Mobilen Beratung gegen Rechts in Kassel beobachtet seit vielen Jahren die rechtsextreme Szene in Nordhessen. Die "Freien Bürger" seien bis zur Großdemo im März nicht politisch aufgefallen. Es könne sein, dass andere dahinter steckten. "Es würde mich wundern, wenn die, die ihr Gesicht dafür hergeben, das tatsächlich betreiben", sagt Vogel. Die "Freien Bürger" hätten Verbindungen zu den gut organisierten "Querdenkern". Bei der Mobilisierung der Corona-Leugner-Szene im Internet machten oft wenige Akteure viel Stimmung.

Weitere Mobilisierung auf Telegram

Dass die weltweiten Protestaufrufe in Kassel koordiniert würden, vermutete die Recherche-Seite logically.ai schon im Mai. Logically setzt künstliche Intelligenz ein, um nachzuvollziehen, wie sich Informationen digital verbreiten. Teils seien 13 Telegram-Ländergruppen innerhalb von einer Stunde erstellt worden, fand die Seite zur Kasseler Großdemo im März heraus.

Dass die jüngste Anti-Corona-Demo in Kassel - vielleicht auch aufgrund des nicht länger bestehenden Lockdowns - floppte, scheint der Mobilisierungs-Maschine auf Telegram nicht zu schaden. Schließlich hat sie die ganze Welt im Blick. Es werden schon die nächsten Termine verbreitet.

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