Treppenstraße Kassel
Auf jeden Fall einzigartig: Die Treppenstraße in Kassel - Deutschlands älteste Fußgängerzone Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Schicke Geschäfte, angesagte Kneipen, Kulisse für Filmstars - in den 50er Jahren war die Kasseler Treppenstraße eine Sensation. Nun feiert Deutschlands älteste Fußgängerzone ihren 65. Geburtstag. Der Putz bröckelt - doch vielleicht erscheint sie ja bald wieder in altem Glanz.

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Über 100 Stufen führen vom Scheidemannplatz zum Friedrichsplatz, gesäumt von weißen Fassaden ohne jeden Schmuck, so wie es in den 50er Jahren modern war. Ein Hochhaus überragt alles: Die Treppenstraße wirkt wie eine Zeitblase aus der Zeit vor 60 Jahren. Nur dass heute alles etwas schmuddelig anmutet, einige Läden links und rechts der Treppe stehen leer.

Der 72-jährige Karl-Heinz Nickel unternimmt mit Touristen Spaziergänge durch Kassels Innenstadt, auch durch die Treppenstraße. Er erinnert sich noch an andere Zeiten. In den 60ern war hier richtig was los, erzählt er, besonders wegen einer Kneipe. Wumpicek hieß sie, kurz "Wumpi". "Da kam man hin, wenn abends nichts mehr los war. Es war immer rappelvoll". Das Wumpi sei "in" gewesen.

Das "hessische Hollywood"

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Treppenstraße Kassel (von oben fotografiert)

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Treppenstraße in Kassel ist in die Jahre gekommen

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Heute ist dort, wo die In-Kneipe war, ein Handy-Outlet. Schicke Geschäfte wie vor 60 Jahren gibt es dort längst nicht mehr. Dabei war die Treppenstraße in den 1950er- und 1960er-Jahren einmal in ganz Deutschland berühmt, als eine Art "hessisches Hollywood". Heinz Erhardt, Walter Giller, Martin Held, viele Stars von damals drehten in Kassel. "Die Filmstudios waren in Göttingen. Und die drehten, wenn man eine moderne Stadt brauchte, in Kassel, in der Treppenstraße" erinnert sich Touristenführer Nickel. Das sei so kurz nach der Eröffnung 1953 ein schneller Erfolg gewesen.

Stadt will Treppenstraße eine Schönheitskur verpassen

Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) bestätigt, dass die Treppenstraße in die Jahre gekommen und vom alten Glanz nichts mehr übrig ist. "Einzelhandel gibt es dort noch, aber er könnte auch an mancher Stelle etwas mehr glänzen."

Die Stadt Kassel will der Treppenstraße nun eine Schönheitskur verordnen, barrierefrei soll sie werden. Die Verhandlungen laufen, aber einige Anwohner stellen sich quer. Auch der Denkmalschutz hat ein Wörtchen mitzureden, denn die 50er-Jahre-Architektur soll erhalten werden. Nolda hofft, dass die Gespräche bald zu einem Erfolg kommen.

Obelisk soll neues Publikum anlocken

Mit einem Kran wurde der Obelisk abgebaut
Mit einem Kran wurde der Obelisk abgebaut. Künftig könnte er die Treppenstraße zieren. Bild © picture-alliance/dpa

Eins ist aber schon klar: Der umstrittene documenta-Obelisk soll auf der Treppenstraße seinen neuen Standort finden, wann genau, ist aber noch nicht klar. Seit Monaten ist dieses Denkmal für Flüchtlinge ein Zankapfel der Politik, erst stand er auf dem Königsplatz, dann wurde er nach langem Hin und Her zwischen Künstler Olu Oguibe und der Stadt abgebaut. Er soll auf jeden Fall kunstinteressierte Besucher anlocken, an der Kreuzung der Treppenstraße mit der Neuen Fahrt, ein Schnellrestaurant und die Filiale einer Krankenversicherung sind direkt nebenan. Eine gewöhnungsbedürftige Kulisse für documenta-Kunst.

Eine Eisrutsche soll Leben bringen

Um Leben in die betagte Straße zu bringen, soll nun auch eine 70 Meter lange Eisrutsche auf dem unterem Abschnitt kurz vor dem Friedrichsplatz gebaut werden. Mit bis zu 40 Stundenkilometern sollen die Besucher des Weihnachtsmarkts auf Säcken über das Eis zu Tal sausen, unten wartet ein Glühweinstand. "Die Treppenstraße mit ihrem Gefälle ist ideal für so eine Rutsche", sagt Betreiber Sebastian Ruppert. Am 26. November wird sie eröffnet. Doch nach Ende des Weihnachtsmarkts am 30. Dezember wird die Eisrutsche wieder abgebaut. Dann fällt die Treppenstraße womöglich zurück in ihren Dornröschenschlaf und träumt von ihrer ruhmreichen Vergangenheit, als "hessisches Hollywood".