Bildkombination aus drei den Protagonisten des Beitrags.

In der ARD-Doku "Wie Gott uns schuf" haben sich 100 queere Mitarbeitende der katholischen Kirche geoutet. Ihre Hoffnung auf Veränderung ist größer als die Angst um ihren Job. Drei der Mitwirkenden aus Hessen erzählen von Reaktionen auf ihr Outing.

Audiobeitrag

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Reaktionen auf das gemeinsame Outing

Wie Gott uns schuf - Coming Out in der Katholischen Kirche
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Schwul, lesbisch oder trans sein – für viele Gläubige im Dienst der katholischen Kirche bedeutet das ein Leben voller Lügen. Ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität könnte sie den Job kosten. 100 Kirchen-Mitarbeitende haben nun trotzdem den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. In der ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf" outen sie sich als nicht-heterosexuell. Unter ihnen auch einige Hessen, die stolz darauf sind, Teil dieses Projekts zu sein.

Bruder Norbert, Franziskaner aus Hofheim

Bruder Norbert

"Ich bin erschöpft, aber erleichtert, dass wir mit dieser Aktion so wahnsinnig viel angestoßen haben. Das Echo ist einfach überwältigend schön. Da ist so viel Interesse da und Wohlwollen. Von daher ist es eine Erleichterung, dass ich den Schritt in diese große Öffentlichkeit gewagt habe. Und viele andere eben auch.

Mein Coming-out im kleinen Rahmen war im vorletzten Jahr, wo ich mich in der Gemeinde in einer Predigt als schwul geoutet habe. Das war für mich schon ein kleiner Befreiungsschlag. Jetzt mit dieser großen Aktion hatte das für mich noch mal eine ganz andere Bedeutung. Ich habe über meinen Mut gestaunt, ich hätte mir das gar nicht so zugetraut.

Zitat
„Wenn ich aus dem Verkehr gezogen werde, dann ist das für mich eine bittere Pille. Aber ich werde nicht aufgeben dafür zu kämpfen, dass sich etwas verändert.“ Bruder Norbert Bruder Norbert
Zitat Ende

Es ist sehr viel bewundert worden. Der Mut, die Offenheit, die Ehrlichkeit - Menschen haben das angesprochen und auch signalisiert, dass das eine positive Nachricht in der kirchlichen Landschaft ist. Das finde ich eine starke Rückmeldung. Manche sagen auch, sie verbinden damit die Hoffnung, dass sich etwas bewegt in der Kirche.

Das tut gut, einfach weil dahinter eine zermürbend lange Geschichte liegt, wo ich mich versteckt habe, wo ich Angst hatte, mich überhaupt zu zeigen. Das ist für mich auch sehr berührend. Ich habe mir, wenn ich ehrlich bin, keine großen Sorgen gemacht, dass mir was passieren könnte. Ich habe immer gesagt, wenn ich sanktioniert und aus dem Verkehr gezogen werde, dann ist das für mich eine bittere Pille. Aber ich werde nicht aufgeben, mich dafür zu engagieren und zu kämpfen, dass sich etwas verändert. Ich hoffe, dass die Doku zu einem Wandel, zu einer wirklichen Erneuerung beiträgt."

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Stefan Diefenbach, ehemaliger Ordenspriester aus Frankfurt

Stefan Diefenbach

"Es ist richtig überwältigend zu sehen, wie viel Zustimmung es gegeben hat. Also das ist gigantisch, was das ausgelöst hat. Vorher sind immer wieder mal Einzelne aufgetreten. Aber wenn man mit so einer großen Anzahl von Menschen deutlich macht, wir sind da, und wir tragen an ganz unterschiedlichen Stellen das kirchliche Leben aktiv mit, dann ist das noch mal eine andere Nummer.

Klar überlegt man sich das schon, wenn man bundesweit ausgestrahlt wird und in der Mediathek noch ein ganzes Jahr abrufbar ist. Man holt dreimal tief Luft, aber sagt dann, wir müssen das jetzt tun, damit es eine bessere Zukunft gibt. Es braucht immer ein bisschen Mut und Überwindung. Aber hinterher ist man froh, Teil der Kampagne zu sein.

Zitat
„Ich will mich für eine Veränderung in dieser Kirche einsetzen. Und das war jetzt ein Teil davon.“ Stefan Diefenbach Stefan Diefenbach
Zitat Ende

Diesen einmal gefassten Entschluss, ein Ordensleben zu führen, Priester zu sein, habe ich nicht so von heute auf morgen an den Nagel gehängt. Und es ist immer noch eine große Wunde. Aber insgesamt muss ich sagen, war es richtig, sich da ehrlich zu machen und zu sagen, das Schwulsein ist Teil meiner Person, meiner Identität.

Ich will das leben. Und ich muss jetzt klar Schiff machen und das nicht verbergen, nicht lügen, sondern mich klar dazu bekennen und auch die Konsequenzen ziehen. Aber dann mit dem klaren Punkt: Ich will mich für eine Veränderung in dieser Kirche einsetzen. Und das war jetzt ein Teil davon.

Man sagt, die Zahnpasta kriegst du nicht zurück in die Tube. Das was jetzt raus ist, wird man nicht mehr wieder zurück kriegen. Ich denke, dass das ein wirklich großer Schritt nach vorne ist. In einem halben Jahr werden wir sehen, dass sich schon das ein oder andere geändert hat."

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Eric Tilch, Bildungsreferent bei der Jugendkirche Kana in Wiesbaden

Eric Tilch

"Ich war doch sehr schockiert über einzelne Statements. Für uns, die wir am Film mitgewirkt haben, war ja trotzdem das Gesamtprodukt neu. Und ich war erschrocken, wie viele negative Erfahrungen viele Mitarbeiter in der Kirche gemacht haben in der Vergangenheit. Gleichzeitig haben mich die Reaktionen von vielen Freunden, Kolleginnen auch von unseren Vorgesetzten sehr bestärkt, dass das ein guter Weg ist.

Als ich damals meinem Arbeitgeber erzählt habe, dass ich homosexuell bin, habe ich immer Unterstützung erfahren. Insofern hätte es mich jetzt sehr gewundert, wenn die Reaktion mir gegenüber oder die Reaktion im Bistum Limburg sehr negativ gewesen wäre. Was mich umgetrieben hat, war die Frage: Wie kann ich mich für eine größere Anerkennung queerer Menschen im Arbeitskontext einsetzen, ohne gleichzeitig der Bistumsleitung gegen das Schienbein zu treten?

Als ich mir mit 14 darüber klar wurde, dass ich homosexuell bin, habe ich so einen Zwiespalt in mir gespürt. Auf der einen Seite war Eric, katholisch, in der Gemeinde aufgewachsen, eher konservativ, Messdiener. Auf der anderen Seite war der schwule Eric, der auch eine Partnerschaft hatte, der irgendwie auch seine Sexualität leben wollte. Und das hat für mich überhaupt nicht zusammengepasst, weil ich natürlich die Äußerungen der Kirche und auch die Biografien anderer queerer Menschen in der Kirche kannte.

Zitat
„Die große Mehrheit der Gläubigen steht hinter queeren Menschen.“ Eric Tilch Eric Tilch
Zitat Ende

Anderen queeren Menschen würde ich mitgeben, sucht euch Verbündete. Wenn es geht im kirchlichen Bereich. Die große Mehrheit der Gläubigen steht hinter queeren Menschen. Die setzen sich für die Gleichberechtigung ein und ich glaube, da kann man auch unglaublich viel Unterstützung erfahren.

Meine Bitte an die Hauptamtlichen, die als Priester in der Kirche aktiv sind: Beachtet eure Macht. Menschen, die in der Kirche predigen, haben eine unglaubliche Macht gegenüber denen, die zuhören. Und wenn sich Menschen vorne hinstellen und sexuelle Orientierung abwerten, ist es für Jugendliche, die sich gerade mit ihrer eigenen Identität auseinandersetzen, eine prägende Erfahrung.

Ich glaube, es ist für alle wichtig, ganz egal, welche Meinung man zu dem Thema hat, das zumindest zu reflektieren und sich dessen bewusst zu sein. Ich glaube, die Doku hat gezeigt, wie prägend die negative Bewertung der eigenen Sexualität durch die Kirche sein kann. Das kann Biografien zerstören. Und ich glaube, das sollte nicht das Kirchenbild sein. Und es ist auch nicht das christliche Selbstverständnis, mit dem wir heute in dieser Gesellschaft wirken wollen."

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Die Gespräche führte Jannika Kämmerling.

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