Der ernannte Mainzer Bischof Peter Kohlgraf

Die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche offenbarte ein erschreckendes Ausmaß an vertuschten Taten in der Vergangenheit. Die Bischöfe gelobten Aufklärung und Hilfe für die Betroffenen. Ansätze sind in Hessen zu erkennen, es bleiben aber noch offene Fragen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bistümern fällt es nicht leicht, Missbrauchsopfern gerecht zu werden

Kleriker werfen einen Schatten an die Wand mit Jesuskreuz
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Den Opfern mehr und besser zuhören - dieses Versprechen gab die Deutsche Bischofskonferenz der katholischen Kirche, als sie vor rund drei Monaten eine Studie zu sexuellem Missbrauch im Bereich der Kirche veröffentlichte.

Sehr viel getan hat sich in Hessen seitdem jedoch nicht, wie eine Umfrage von hr-iNFO in den Bistümern Limburg, Fulda und Mainz ergab. Immerhin traf sich ein Bischof mit einem Betroffenen. Die bisherigen Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie im Überblick:

Kaum neue Opfer gemeldet

Auf die Frage, ob sich seit Veröffentlichung der Studie bislang unbekannte Opfer sexuellen Missbrauchs gemeldet hätten, antwortete das Bistum Limburg, es habe "sich eine betroffene Person beim Bistum gemeldet, die bislang nicht bekannt war". Das Bistum Fulda berichtete von zwei neuen Betroffenen. Hinweise auf neue Täter hätten sich dabei in beiden Bistümern nicht ergeben. Aus dem Bistum Mainz gab es keine Meldung über neue Fälle.

Insgesamt liegen den drei Bistümern damit Informationen zu 332 Betroffenen und rund 174 Beschuldigten vor. Experten gehen allerdings von einer erheblichen Dunkelziffer aus.

Dass sich trotz des wiederholten Angebots von Kirchenverantwortlichen nur wenige neue Opfer meldeten, überrascht Matthias Katsch nicht. Er vertritt als Sprecher der Initiative Eckiger Tisch die Interessen von Opfern. Die niedrigen Zahlen zeugen für ihn davon, dass die katholische Kirche viele Opfer noch immer nicht erreicht: "Ich habe nicht den Eindruck, dass schon wirklich eine Form der Ansprache gefunden worden ist, die Menschen auch ermutigt, sich zu melden." Opfer bräuchten das Signal, dass ihnen geglaubt werde und Unterstützung angeboten werde.

Bischof Kohlgraf trifft Missbrauchsopfer

Dabei zeigen die Antworten der Bistümer durchaus, wie eine solche Ansprache aussehen kann. hr-iNFO erfuhr, dass sowohl Bischof Georg Bätzing (Limburg) als auch Bischof Peter Kohlgraf (Mainz) Kontakt zu Opfern hatten. In der Antwort des Bistums Mainz heißt es wörtlich: "Bischof Kohlgraf hat sich bislang mit einem Betroffenen zu einem persönlichen Gespräch getroffen und hat weitere Termine für die kommenden Monate vereinbart."

Katholische Bischöfe bei Vorstellung der Missbrauchsstudie Ende September, in der Mitte Kardinal Reinhard Marx

Was sich womöglich zunächst nicht weiter spektakulär liest, wertet der Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller aus Münster als "etwas ganz Besonderes und Großartiges". Schüller hat selbst schon Missbrauchsopfer betreut und erklärt: "Das ist für die Opfer die wichtigste Erfahrung, dass ihnen zum ersten Mal ein amtierender Bischof vorurteilsfrei zuhört. Das ist für den Heilungsprozess oder die Aufarbeitung diese lebenslangen Traumas das Allerwichtigste."

Entschädigungen gezahlt

Die Bistümer bieten den Opfern nicht nur Gespräche an, sondern auch finanzielle Hilfe zum Beispiel in Form von Entschädigungszahlungen. Dabei gibt es recht deutliche Unterschiede zwischen den Bistümern. So teilte das Bistum Fulda mit: "Es wurden in 15 Fällen Leistungen zwischen 1.000 und 8.000 Euro bezahlt." Das Bistum Mainz verweist auf Zahlungen bis zu 13.000 Euro. Das Bistum Limburg nennt als höchste Zahlung eine Entschädigung von 15.000 Euro.

Die Bistümer Limburg und Fulda wiesen darauf hin, dass für die Entschädigungszahlungen keine Mittel aus Kirchensteuereinnahmen verwendet würden. Anders im Bistum Mainz: Wenn möglich, fordere man das Geld von den Tätern zurück, ansonsten seien sogenannte freie Mittel des Bistums verwendet worden, zu denen neben Erträgen aus Vermietung und Verpachtung auch Kirchensteuermittel zählten.

Uneinheitliches Bild bei Prävention

Ein anderes wichtiges Thema: die Prävention. Auch hier kein einheitliches Bild. Das Bistum Limburg kündigte an, im kommenden Jahr die Präventionsarbeit personell zu verstärken. Weiter hieß es: "Die Perspektive der Opfer ist seit vielen Jahren in die Präventionsarbeit des Bistums eingebunden."

Anders das Bistum Fulda: Die Einbindung Betroffener in die Präventionsarbeit sei zwar "grundsätzlich geplant". Es sei aber noch zu klären, "in welcher Form diese Expertise genutzt werden kann".

Stockende Aufarbeitung eigener Fehler

Schwer tun sich die drei Bistümer mit der Aufarbeitung eigener Fehler. Viele Taten wurden in der Vergangenheit von Verantwortlichen der Kirche gedeckt. Inzwischen haben erste Bistümer in Deutschland angefangen, die Verantwortlichen zu benennen - darunter bislang hoch angesehene Personen wie ehemalige Bischöfe.

Sind auch die Bistümer Mainz, Limburg und Fulda bereit, Namen zu nennen? Zumindest gegenüber Betroffenen? Gegenüber den Ermittlungsbehörden? Aus Fulda hieß es dazu: "Diejenigen, die vor 2002 Verantwortung getragen haben, sind verstorben. Seitdem hat sich der Umgang geändert." Das Bistum Mainz antwortete: "Diese Fragen werden im Zuge der Gespräche zur Aufarbeitung jetzt angegangen."

Matthias Katsch, Sprecher des Opferverbands Eckiger Tisch

Für Kirchenrechtler Schüller ist das keine Überraschung: "Das ist ein heikler Punkt, weil man ja den Bischöfen, die früher im Amt waren, und den Verantwortlichen nachweisen kann und sagen muss, dass sie strukturell, als Institution und als Person versagt haben. Diesen Weg zu gehen, fällt den hessischen Bischöfen noch schwer - genauso wie in Mainz mit den legendären Kardinälen Volk und Lehmann, die über einen langen Zeitraum hier Verantwortung getragen haben."

Opfer-Vertreter: Staatsanwaltschaften einbeziehen

Matthias Katsch von der Opferinitiative Eckiger Tisch hält es deshalb für dringend notwendig, externe Personen und Institutionen in diese Aufarbeitung einzubinden. "Denn es ist einfach nicht zuzumuten und nicht zu erwarten, dass Mitarbeitende, die selbst mit Vorgesetzten in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben oder diese sehr bewundert haben, jetzt auf einmal akribisch Fehler und Versäumnisse analysieren, herausfinden und benennen sollen", sagt er.

Alle drei Bistümer verweisen zwar darauf, in die Aufarbeitung externe Experten einzubeziehen. Opfer-Vertreter Katsch hält dafür aber vor allem Staatsanwaltschaften für geeignet. Tatsächlich kündigten Bistümer wie Würzburg oder Köln bereits an, ihre Aktenbestände den staatlichen Ermittlern zur Prüfung zugänglich zu machen. Das Bistum Limburg teilte mit, es gebe bald ein Treffen mit der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und Koblenz.